ER macht Urlaub 11 (Fortsetzung)
Roman von Akif Pirinçci
Alle Rechte vorbehalten © Bonn / Germany 2026
Kaum hatten sie mich hineingezogen, glitt die Seitentür hinter mir wieder lautlos zu. Ich saß. Das war das Merkwürdigste. Ich saß einfach. Kein Faustschlag, kein Sack über dem Kopf, keine Pistole an der Schläfe. Nicht einmal ein „Wenn du schreist, bist du tot!“
Ich saß lediglich zwischen zwei exzellent gekleideten Entführern, die aussahen, als würden sie mich gleich zum Nachmittagstee in ihrem Palast begleiten. Einen Augenblick lang fragte ich mich, ob Entführungen auf der Erde inzwischen deutlich höflicher geworden waren.
Dann begann ich mich umzusehen. Der gesamte Innenraum des Vans schien nur aus Weiß zu bestehen. Weißes Leder. Weißer Teppich. Weiß vernähte Seitenverkleidungen. Selbst die Sicherheitsgurte waren hell wie frische Milch. Eine kühle, vollkommen gleichmäßige Luft strich durch den Wagen. Sie roch weder nach Kunststoff noch nach dem unverkennbar eigentümlichen Duft eines gerade frisch vom Werk gelieferten Vehikels. Eher nach Zedernholz, Zitrus und irgendeiner teuren Sauberkeit, die ich bislang nur als theoretische Möglichkeit gekannt hatte.
Aus unsichtbaren Lautsprechern erklangen leise die ersten Takte von Vivaldis »Vier Jahreszeiten«. Ausgerechnet Vivaldi. Wer Kinder entführte, hörte normalerweise doch Heavy Metal oder Gangster-Rap. Offenbar war auch das nur wieder so ein menschliches Vorurteil.
Links neben mir lag ein Schwert. Es war beinahe so lang wie ich selbst und schimmerte in einem kalten Silber, das kein Schmied dieser Erde poliert haben konnte. Seine Schneide war so fein, daß sie das Licht nicht spiegelte, sondern zu verschlucken schien. Entlang der Klinge liefen feine, goldene Linien wie eingefrorene Blitze, die tief im Metall gefangen waren. Der Griff war schlicht, fast schmucklos, gerade dadurch majestätisch. Ich wußte sofort, ohne zu wissen, woher ich es wußte: Das flammende Schwert.
Vorne saß der Fahrer. Er trug eine Pilotenbrille von Ray-Ban, hinter deren Gläsern ich seine Augen nicht erkennen konnte. Sein Hinterkopf war makellos geschnitten. Kein einziges Haar wagte es offenbar, sich gegen die Ordnung aufzulehnen. Immer wenn er den Kopf auch nur um wenige Millimeter bewegte, glaubte ich für den Bruchteil einer Sekunde eine silbrige Umrandung seiner Silhouette wahrzunehmen. Vielleicht spielte mir auch nur das Licht einen Streich.
Seine Kleidung sah aus, als hätte irgendein Milliardär beschlossen, Golf zur Staatsreligion zu erklären. Ein schneeweißes Performance-Poloshirt, dessen Stoff so fein war, daß selbst Falten offenbar Hausverbot hatten. Eine hellsandfarbene Hose mit messerscharfen Bügelfalten. Weiße Ledersneaker, auf denen vermutlich niemals ein Staubkorn gelandet war. Quer über seiner Brust verlief eine kleine Designer-Umhängetasche aus schwarzem Leder – eines jener sündhaft teuren Dinger, für die Menschen freiwillig Summen bezahlten, von denen meine Herstellerin zwei Monate leben konnte.
Der Mann rechts von mir war jünger. Zumindest wirkte er so. Sein Gesicht hätte vermutlich jede Zahnpastawerbung sofort unterschrieben. Weiße Zähne, gerade wie Klaviertasten. Dunkelblondes Haar, seitlich sauber geschnitten, oben mit einer Eleganz zurückgekämmt, die selbst einem Orkan peinlich gewesen wäre. Sein Lächeln war so höflich, daß ich beinahe Lust bekam, mich für meine eigene Entführung zu bedanken. Um seinen Hals hing eine breite Goldkette. Daran schwang kein Kreuz, sondern ein großer goldener Schriftzug: גַּבְרִיאֵל.
Links neben mir saß der andere. Etwas größer, etwas sportlicher. Mit hellbraunem Haar, das aussah, als wäre jeder einzelne Haaransatz zuvor in einer internationalen Konferenz abgestimmt worden. Seine Gesichtszüge wirkten schärfer, fast aristokratisch. Und auch um seinen Hals hing eine schwere Goldkette, dessen Anhänger einen anderen Namen präsentierte: Ραφαηλ. Direkt neben seinem Oberschenkel stand eine kleine schwarze Umhängetasche. Das Leder glänzte dezent. Wahrscheinlich kostete sie mehr als sämtliche Möbel in unserem Wohnzimmer zusammen.
Vorne am Rückspiegel baumelte eine dritte Goldkette. Sie gehörte offenbar dem Fahrer: Mīkā’īl
Alle drei trugen weiße Digital-Armbanduhren, deren Ziffernblätter jedoch anstatt Ziffern oder irgendwelchen Gimmick nur vorbeischwebende Nebelschwaden en miniature zeigten. Zwischendurch rissen diese auf und gaben den Blick frei auf ein kosmisches Tableau.
Mein Langzeitgedächtnis, also das milliardenalte, meldete sich, und ich erinnerte mich mit einem Mal, allerdings dunkel an dieses – ja, wie sollte man es benennen? – Personal. Oder besser gesagt an dessen Zweck. Ich wunderte mich, daß diese Institution überhaupt noch existierte. So sehr war es mir vorher einerlei geworden. Meine Güte, ich dachte diese Typen wären dafür zuständig, wenn ein Kleinkind vom Dreirad stürzte oder ein Fahrer auf der Autobahn bei voller Fahrt in einen Sekundenschlaf fiel. Was machten sie hier? Vor allem: Was wollten sie von mir?
Ich war also ungefähr im Bilde, wollte mir aber trotzdem einen Spaß aus dem Ganzen machen.
„Tut mir leid, Leute“, sagte ich schließlich. „Es lohnt sich echt nicht, mich zu entführen und Lösegeld zu verlangen. Ich habe kein Geld. Meine Mama hat auch kein Geld, geschweige denn mein Papa. Niemand, den ich kenne, hat Geld. Das heißt … wenn ihr mich vielleicht noch zum nächsten Geldautomaten fahren könntet. Ich weiß nicht so genau, aber so um die sechzig Euro …“
Der Blonde rechts lächelte freundlich. „Tom – ich darf dich doch so nennen? Mein Name ist …“
Ich deutete auf seine Goldkette. „Gabriel?“
Er nickte zufrieden. „Ach ja. Natürlich. Tom … sehen wir aus, als benötigten wir Geld?“
Ich ließ meinen Blick durch den Wagen schweifen. „Also wenn du mich so fragst, Gabriel, werden Kinder und Jugendliche nicht nur aus Geldgründen entführt. Der sexuelle Mißbrauch von …“
„Tom!“
„Sorry. Ich stehe total unter Schock, weil ich gerade entführt worden bin. Könnt ihr mich vielleicht an der nächsten Straßenecke rauslassen? Ich muß heute noch ganz viele Teenager-Dinge tun. Mir Drogen reinpfeifen, mit den Bros über Rapper philosophieren, die vermutlich im nächsten Jahr tot sind oder im Knast oder beides, und Bitches klarmachen, wobei ich jedoch die feministische Perspektive voll …“
„Nein.“
Die Stimme kam von vorne. Ruhig, nicht laut, nicht scharf. Sie durchschnitt den Satz trotzdem sauberer als das flammende Schwert neben Raphael. Michael hatte sich nicht einmal zu mir umgedreht.
Der Wagen glitt weiter lautlos durch die Straßen. Ich bemerkte, daß wir die trostlose Vorstadtsiedlung längst hinter uns gelassen hatten. Die Plattenbauten schrumpften im Rückfenster immer weiter zusammen, bis sie schließlich aussahen wie graue Legosteine eines Kindes, das den Glauben an seine eigene Phantasie verloren hatte. Wohin wir fuhren, wußte ich nicht. Ehrlich gesagt hatte ich sogar den Verdacht, Michael könnte den Weg auch mit geschlossenen Augen finden. Erstaunlicherweise schien keiner der Drei meine Entführung besonders aufregend zu finden.
Gabriel und Raphael öffneten beinahe gleichzeitig ihre kleinen Umhängetaschen. Ich konnte nicht widerstehen und spähte hinein. Mein erster, natürlich ironischer Gedanke war, daß darin bestimmt Pistolen lagen. Oder Handschellen. Oder Folterwerkzeuge.
Stattdessen befanden sich in den Taschen ausschließlich kleine, sauber voneinander getrennte Fächer mit so etwas wie Feuchttüchern. Dutzende, vielleicht Hunderte. Jedes einzelne Fach war mit winzigen goldfarbenen Schildchen beschriftet: HÄNDE / LEDER / METALL / GLAS / DISPLAYS / SCHMUCK / BIOLOGISCHE NOTFÄLLE / TOILETTENSITZE – MAXIMUM
Ich war beeindruckt. Und gleichzeitig ein bißchen verängstigt. Es hatte etwas von der Vorratskammer eines Serienkillers mit Putzfimmel.
Beide entnahmen synchron eine Packung, zogen ebenso synchron jeweils ein Tuch heraus und begannen, sich mit beinahe liebevoller Hingabe die Hände abzuwischen. Nicht hektisch, nicht zwanghaft. Nein, sie wirkten dabei wie zwei Priester während einer heiligen Zeremonie.
Anschließend falteten sie die benutzten Tücher exakt zweimal zusammen und legten sie in ein separates Fach in der Türverkleidung. Offenbar wurden hier sogar gebrauchte Feuchttücher noch mit Würde behandelt.
Gabriel hielt mir lächelnd eine Packung entgegen. „Auch eins?“
„Ein Feuchttuch?“
„Ein Desinfektionstuch.“
„Wofür?“
„Ach weißt du, Tom“, sagte er freundlich. „Bei den Menschen kann man sich unglaublich schnell etwas einfangen, sich damit infizieren. Da paßt man einmal nicht auf und schon hat man plötzlich einen Virus, ein Bakterium oder etwas anderes Menschliches an den Händen. Du verstehst, was ich meine?“
„Nö“, sagte ich. „Aber gib mir trotzdem eins.“
Er nickte höflich. „Antibakteriell? Mit Zitrusduft? Grüner Tee? Sensitiv? Extra sensitiv? Oder das ganz Harte für Toilettensitze?“
„Überrasch mich.“
Er reichte mir eine Packung.
Ich zog ein Tuch heraus und begann ebenfalls, mir die Hände abzuwischen. „Gar nicht schlecht“, sagte ich. „Riecht ein bißchen wie der Himmel nach dem Hausputz.“
Raphael betrachtete mich einige Sekunden.
Sein Gesicht war das eines Mannes, der vermutlich noch niemals im Leben eine schlechte Entscheidung über seine Frisur getroffen hatte. Sein Haar war von einer Präzision, gegen die mathematische Formeln schlampig wirkten. Selbst seine Augenbrauen schienen sich morgens gegenseitig mit dem Lineal auszurichten. Seine blendend weißen Zähne hätten jedem religiösen Symbol zur Ehre gereicht.
„Tom, mein Name ist …“
Ich deutete auf seine Halskette. „Raphael?“
„Ach ja. Interessierst du dich für Astronomie und Astrophysik?“
„Wie bekloppt. Nachdem ich mir täglich drei Stunden TikTok und zwei Stunden Insta reingezogen habe, gehe ich grundsätzlich sofort auf die NASA-Seite und lese anschließend den ESA-Blog. Prioritäten, weißt du.“
„Heute auch?“
„Leider nein.“
„Weshalb nicht?“
„Ich wurde entführt.“
Raphael nickte langsam und strich mit zwei Fingern über seinen makellos sitzenden Polokragen. „Das ist selbstverständlich ein nachvollziehbarer Hinderungsgrund. Dabei veröffentlichen die Observatorien der Erde heute eine Nachricht, die sämtliche Astronomen in Aufruhr versetzt.“
„Laß mich raten. Ein Meteorit? Aliens? Oder hat Pluto etwa seinen Planetenstatus wieder zurückbekommen?“
Zum ersten Mal lächelte Raphael kaum merklich. „Leider nein. Es geht um etwas wesentlich Schlimmeres.“
Ich hob die Augenbrauen. „Jetzt bin ich aber gespannt.“
Er verschränkte die Hände im Schoß. „Tom, hast du schon einmal von Gravitationswellen gehört?“
„Klar. Die kommen aus dem Fitneßstudio.“
Gabriel schloß für einen winzigen Moment die Augen. Nicht genervt. Eher so, als würde er innerlich bis zehn zählen.
„War ein Scherz“, sagte ich. „Ich weiß ungefähr, was das ist.“
„Dann wird dir die heutige Nachricht nicht gefallen.“ Raphael blickte einen Augenblick aus dem Seitenfenster. „Seit letzte Nacht registrieren Radioteleskope, Gravitationswellendetektoren und mehrere Weltraumobservatorien gleichzeitig ein Phänomen, das nach menschlichem Verständnis unmöglich sein dürfte.“
„Passiert den Menschen öfter“, sagte ich.
„Nicht in dieser Größenordnung.“
„Zunächst hielt man sämtliche Meßdaten für einen Softwarefehler. Danach tauschte man die Rechner aus. Anschließend überprüfte man die Teleskope. Dann beschuldigten sich die Forschungsinstitute gegenseitig.“
„Menschen eben.“
Gabriel nickte anerkennend. „Das wiederum ist eine sehr zutreffende Analyse.“
Raphael fuhr fort. „Erst als nahezu alle Observatorien unabhängig voneinander dieselben Werte meldeten, wurde den Astronomen klar, daß sie keine Geräte beobachteten.“ Er machte eine kurze Pause. „Sondern ein Verbrechen.“
Ich lachte. „Ein kosmischer Bankraub?“
Raphael sah mich an. Zum ersten Mal verschwand sein höfliches Lächeln vollständig. „Nach den Berechnungen scheint innerhalb eines einzigen Augenblicks Materie in einer Größenordnung ausgelöscht worden zu sein, die mehreren hundert Galaxien und tausenden Sternen entspricht.“
„Kollabiert?“
„Nein.“
„Verdampft?“
„Nein.“
„Verschmolzen?“
„Nein. Sie ist einfach … nicht mehr vorhanden.“
Im Wagen entstand eine Stille. Selbst Vivaldi schien leiser zu werden.
„Die Astronomen beschreiben die Region als vollkommen leer“, fuhr Raphael fort. „Keine Supernova. Keine Trümmerfelder. Kein interstellares Gas. Keine elektromagnetische Strahlung. Nicht einmal die Signatur eines Schwarzen Loches.“
Gabriel faltete sein benutztes Desinfektionstuch. Natürlich exakt zweimal. „Man beobachtet dort lediglich eine gewaltige Gravitationsnarbe.“
„Eine Narbe?“
Raphael nickte. „Ja. Stell dir vor, jemand reißt mitten aus einem Gemälde ein großes Stück Leinwand heraus. Nicht die Farbe. Nicht den Rahmen. Die Leinwand selbst.“
Ich verzog das Gesicht. „Klingt unerquicklich.“
„Unvergleichlich unerquicklich.“
„Und wo soll das passiert sein?“
„Dort, wo das Universum vor wenigen Augenblicken noch aus mehreren Galaxienverbänden bestand. Tom … die Astronomen glauben im Augenblick, mehrere hunderttausend Sterne seien verschwunden. Tatsächlich irren sie sich um viele Größenordnungen. Sie sehen nur den ersten Zipfel eines Ereignisses, das bereits ganze Galaxienverbände ausgelöscht hat.“
Ich zuckte mit den Schultern. „Na schön. Dann wünsche ich den Bewohnern dort alles Gute.“
Raphael sah mich lange an. „Dort lebt niemand. Seit gestern Nacht nicht mehr.“
Wieder wurde es still.
Gabriel brach schließlich das Schweigen.
„Die Menschen sehen heute lediglich das Licht dieser Katastrophe. Die eigentlichen Vorgänge ereigneten sich nach ihrer Zeitrechnung vor unvorstellbar langer Zeit.“
„Dann ist das Schlimmste doch längst vorbei“, warf ich ein.
Gabriel drehte langsam den Kopf zu mir. Seine weißen Zähne lächelten noch immer. Seine Augen nicht. „Nein.“
„Warum nicht?“
„Weil die Menschen lediglich das Licht beobachten.“ Er machte eine kleine Pause. „Die Ursache beobachten sie nicht.“
„Und warum nicht?“
Ich sah im Rückspiegel, wie Michael mit zwei Fingern über den goldenen Namensanhänger an seiner Halskette strich. Er sagte: „Weil die Ursache … zwischen uns sitzt, sogenannter Tom.“
Der Van bog noch vor der eigentlichen Stadt nach rechts ab. Die Häuser verschwanden nach und nach hinter einer Wand aus Bäumen. Links und rechts dehnten sich Wiesen aus, deren saftiges Grün so friedlich wirkte, als hätte die Natur beschlossen, sich aus sämtlichen Angelegenheiten des Universums grundsätzlich herauszuhalten. Ein schmaler Bach blitzte zwischen Weiden hervor, ein paar Kühe standen regungslos auf einer Weide und kauten mit einer Gelassenheit wieder, die selbst Philosophen nur unter erheblichem Alkoholgenuß erreichten.
Im Wagen herrschte Schweigen. Ein schweres Schweigen. Es saß zwischen uns wie ein weiterer Fahrgast. Um zu wissen, was letzte Nacht geschehen war, brauchte ich weder Astronomen noch Engel.
Doch Bettie lebte.
Irgendwo weit draußen, jenseits der kümmerlichen Reichweite menschlicher Fernrohre, war dafür ein Teil meiner Schöpfung zu Staub geworden. Oder schlimmer. Staub ließ wenigstens noch hoffen. Dort war nicht einmal mehr Hoffnung übriggeblieben.
Was hätte ich denn tun sollen? Dieses Mädchen sterben lassen? Ein Mensch hätte vielleicht gesagt: Es tut mir leid. Menschen sagten das gern. Sie sagten es sogar dann, wenn sie genau wußten, daß dieser Satz ungefähr denselben praktischen Nutzen besaß wie ein Regenschirm auf dem Meeresgrund.
Ich hatte gehandelt. Und ich würde vermutlich wieder so handeln. Nein, halt, „vermutlich“ streichen. Denn inzwischen schleppte ich dieses lästige menschliche Gepäck mit mir herum, das sie Mitgefühl nannten. Eine ausgesprochen unpraktische Erfindung. Es machte Entscheidungen nicht leichter, sondern lediglich schmerzhafter.
Ich sah hinaus. Ein Kind fuhr lachend auf einem viel zu kleinen Fahrrad über einen Feldweg. Vielleicht stritt sich in diesem Augenblick irgendwo ein Ehepaar darüber, wer vergessen hatte, Milch zu kaufen. Und gleichzeitig starben ganze Bereiche des Universums. Dieser Planet besaß wirklich ein bemerkenswertes Talent dafür, seine Bedeutung maßlos zu überschätzen.
Andererseits … Wer wollte mich überhaupt zur Verantwortung ziehen? Diese drei geschniegelt auftretenden Golfplatz-Clowns, diese wandelnden Werbeplakate für Desinfektionsmittel? Ich war schließlich die Allmacht. Oder vielmehr was davon übriggeblieben war. Aber das reichte immer noch aus, um sie zehnmal hintereinander plattzumachen. Sie hatten mich aber ganz bestimmt nicht in ihren klinisch reinen Luxussarg auf Rädern gezerrt, um mir mitzuteilen, daß ich letzte Nacht ein paar Galaxienverbände ins kosmische Jenseits befördert hatte. Das wußte ich längst.
Nein, sie hatten etwas gegen mich in der Hand. Nicht irgendeinen Trick, nicht Gewalt, nicht einmal Michaels flammendes Schwert. Etwas Gefährlicheres. So etwas wie ein Verfahren, ein uraltes Gesetz. Und wer hatte dieses Gesetz erlassen? Ich spürte es irgendwo tief in meinem Bewußtsein herumkratzen wie einen Namen, der einem auf der Zunge liegt und einem trotzdem nicht einfallen will.
Nach einer guten Viertelstunde verlangsamte Michael den Wagen. Vor uns tauchte ein großes Eingangstor auf. Bunte Fahnen flatterten, Kinder kreischten, Eltern schleppten Rucksäcke, Kinderwagen und schlechte Laune mit sich herum. Ein riesiger Flamingo lächelte von einem Werbeplakat herunter, als wäre das Leben nichts weiter als ein rosafarbenes Federkleid.
Darunter stand in großen grünen Buchstaben: ZOO.
Ich starrte auf das Schild. Dann auf Michael. Dann wieder auf das Schild. „Was wollen wir hier?“
Michael stellte den Motor ab. „Deiner Schöpfung einen Besuch abstatten.“
Ich mußte zugeben, daß für jemanden, der vermutlich seit Anbeginn der Zeit existierte, Michael ein geradezu unverschämt sparsames Verhältnis zu Wörtern besaß.
Kaum waren wir ausgestiegen, griffen Gabriel und Raphael gleichzeitig in ihre Umhängetaschen. Natürlich. Zwei Desinfektionstücher. Sie reinigten sich synchron die Hände. Dann die Türgriffe. Raphael hielt einen Augenblick inne, betrachtete mißtrauisch den Kartenautomaten und desinfizierte vorsichtshalber auch ihn. Erst danach bezahlte Gabriel mit seinem Kommunikationsinstrument vier Eintrittskarten. Die Kartenabreißerin lächelte. Ich hätte schwören können, daß sie sich unmittelbar danach unwillkürlich die Hände ansah.
Wir betraten den Zoo. Als erstes kamen wir zu den Erdmännchen. Diese kleinen Kerle erinnerten mich an Beamte eines äußerst gewissenhaften Geheimdienstes. Einer stand kerzengerade auf einem Felsen und beobachtete den Horizont mit einer Hingabe, als müsse er jeden Augenblick den Untergang der Welt melden. Zwei Meter daneben prügelten sich seine Kollegen um einen Grashalm. Der Dienst war eben nicht für alle gleich anstrengend.
Ein paar Schritte weiter zogen Seehunde ihre eleganten Bahnen durchs Wasser. Sie bewegten sich mit einer Leichtigkeit, als hätte die Schwerkraft ihnen höflich angeboten, heute einmal frei zu nehmen. Tauchten sie auf, blickten sie ihre Zuschauer mit jener tiefen, beinahe philosophischen Dummheit an, die nur sehr kluge Tiere oder sehr dumme Menschen beherrschen.
Danach kamen die Giraffen. Ich hatte sie erschaffen. Trotzdem verstand ich sie bis heute nicht. Es sah aus, als hätte das Universum nach Fertigstellung beschlossen, ihnen versehentlich noch zwei Meter Hals dranzuschrauben. Und seltsamerweise funktionierte das irgendwie.
Schließlich blieben die drei vor einer großen Anlage stehen. Mehrere Orang-Utans turnten zwischen Seilen, Baumstämmen und Plattformen umher. Einer kratzte sich mit bewundernswerter Ausdauer am Hintern, ein anderer starrte minutenlang auf eine Bananenschale, als überlegte er ernsthaft, ob Existenz vielleicht doch bloß ein Mißverständnis sei.
Michael verschränkte die Hände hinter dem Rücken. „Tom.“
„Ja?“
„Weißt du, was eine Ratsche ist?“
„Nein. Was ich allerdings inzwischen mit absoluter Sicherheit weiß, ist, daß ihr drei einen an der Klatsche habt. Zoo? Wirklich? Hätte ein YouTube-Video über die Tierwelt nicht vollkommen ausgereicht?“
Michael ignorierte mich. „Eine Ratsche ist ein Werkzeug, ein spezieller Schraubendreher. Sie läßt sich so einstellen, daß sie sich nur in eine Richtung bewegt. Drehst du zurück, greift sie nicht mehr. Sie erzeugt lediglich einen Leerlauf. Es gibt nur noch eine zulässige Bewegungsrichtung.“
Während er sprach, regte sich irgendwo tief in meinem Bewußtsein etwas. Keine Erinnerung. Etwas Älteres als Erinnerung. Ein uralter Beschluß, ein Gesetz, ein Name.
Die Ratschenklausel …
Ich erinnerte mich. Nicht vollständig. Aber genug. Genug, um zu begreifen, wohin dieses Gespräch führen würde. Wenn ich jetzt zugab, mich daran zu erinnern, wäre mein Urlaub beendet. Und genau das wollte ich unter keinen Umständen.
„Wahnsinn“, sagte ich. „Da behauptet einer noch, das Baumarktpersonal wäre schlecht geschult. Was anderes, Erziehungsberechtigter: Ich habe inzwischen so einen Hunger entwickelt, der selbst eure Desinfektionstücher fressen würde. Gibt es hier irgendwo eine richtig große Portion Pommes? Mit Mayo und Ketchup? Und zwar reichlich.“
Michael blickte weiterhin zu den Orang-Utans. „Geduld, Tom.“ Eine kurze Pause. „Nach dem Reptilienhaus.“
Als wir das Reptilienhaus betraten, schlug uns die Luft entgegen wie ein feuchtwarmer Atem, der seit Jahrmillionen in diesem Gebäude eingeschlossen war. Mit einem Schlag verschwand die frische Außenwelt. Stattdessen roch es nach nasser Erde, vermoostem Holz, abgestandenem Wasser und jener schweren Süße tropischer Pflanzen, die sich wie ein unsichtbarer Film auf Haut und Lunge legte.
Das Licht war gedämpft. Es fiel grünlich durch hohe Glasflächen und brach sich an riesigen Blättern künstlicher Bananenstauden, Lianen und Farnen. Zwischen den Baumattrappen verliefen schmale Holzstege, als wandere man nicht durch einen Zoo, sondern durch einen vergessenen Zipfel des Amazonas oder des Kongobeckens. Überall glitzerte Feuchtigkeit. Von irgendwoher tropfte in regelmäßigen Abständen Wasser von einem Ast auf einen Stein. Jeder einzelne Tropfen klang in der stillen Halle lauter, als er eigentlich durfte.
Hinter der ersten Glasscheibe lag eine gewaltige Königskobra, zusammengerollt zu einem scheinbar reglosen Ring aus Bronze und schwarzem Lack. Nur ihre gespaltene Zunge huschte gelegentlich hervor, als koste sie die Luft nach Gedanken. Daneben hing eine Boa constrictor träge über einem Ast. Ihr schwerer Körper wirkte wie ein Stück lebendig gewordenes Wurzelholz, das beschlossen hatte, sich irgendwann einmal langsam in Bewegung zu setzen. Ein kleines Schild nannte sie ehrfürchtig Abgottschlange. Ich mußte unwillkürlich schmunzeln. Die Menschen hatten wirklich Talent, ihren Ängsten poetische Namen zu geben.
Weiter hinten klebten Leguane regungslos an künstlichen Felsen. Einer blickte mit jener uralten Gleichgültigkeit ins Leere, die nur Geschöpfe besitzen, denen Evolution niemals Hektik beigebracht hat. Chamäleons bewegten sich derart langsam durch das Geäst, daß man eher glaubte, die Äste würden wachsen, als daß sich die Tiere fortbewegten.
Dann öffnete sich die Halle.
Der größte Teil des Gebäudes wurde von einem langgestreckten Wasserlauf eingenommen, dessen Ufer mit Felsen, Schilf und knorrigen Baumstämmen nachgebildet waren. Das Wasser war dunkel wie flüssiges Glas. Darin trieben Krokodile und Alligatoren. Oder vielmehr lagen sie einfach da. Regungslos, wie Skulpturen aus verwittertem Holz. Man hätte schwören können, irgendein Bühnenbildner habe sie geschnitzt und anschließend lackiert.
Bis plötzlich an einem der Tiere langsam ein Lid hochglitt. Darunter erschien ein goldfarbenes Auge. Es sah niemanden an. Und gleichzeitig jeden.
Ich blieb unwillkürlich stehen. Nicht weil ich Angst hatte. Sondern weil in dieser Halle etwas lauerte, das älter war als jede Angst. Die tropische Schwüle legte sich wie eine zweite Haut auf meinen Körper. Selbst das Atmen schien plötzlich mehr Arbeit zu verlangen als draußen.
Außer uns war niemand hier. Nicht ein einziger Besucher. Nur das leise Summen der Belüftung. Das gelegentliche Tropfen von Wasser. Und irgendwo das dumpfe Platschen eines unsichtbaren Reptils.
Kaum hatten wir den Steg betreten, griffen Gabriel und Raphael wie auf ein lautloses Kommando in ihre Umhängetaschen. Natürlich gleichzeitig. Zwei frische Desinfektionstücher. Mit derselben gewissenhaften Ruhe reinigten sie sich die Hände, dann den Schweiß von Stirn und Schläfen. Raphael betrachtete sein benutztes Tuch kritisch, faltete es exakt zweimal zusammen und steckte es sorgfältig in das dafür vorgesehene Fach.
Erst danach stellten sich die Drei vor mich.
Ich spannte mich unwillkürlich an. Jetzt also. Jetzt kam der Teil mit dem flammenden Schwert. Oder wenigstens mit Handschellen aus Licht.
Stattdessen geschah etwas, womit ich beim besten Willen nicht gerechnet hatte. Michael, Gabriel und Raphael gingen gleichzeitig auf die Knie. Sie senkten die Köpfe. Nicht unterwürfig. Eher mit jener feierlichen Ehrfurcht, mit der Menschen eine Krone niederlegen oder an einem Grab stehen.
Michael sprach als erster. „O Vater! Du Allmächtiger. Du Lenker aller Welten, Ursprung allen Lichts und allen Seins. Wir stehen vor dir, um den schwersten Auftrag unserer Existenz zu erfüllen. Nicht aus Trotz. Nicht aus Hochmut. Sondern aus Liebe zu dir.“
Langsam erhoben sie sich wieder. Wie aus einem Reflex wanderten Gabriels und Raphaels Hände in Richtung ihrer Umhängetaschen.
Ich sah sie nur an. Ein kurzer Blick genügte. Beide ließen die Hände sofort wieder sinken.
Gabriel räusperte sich. „Für dich besitzt Zeit keine Bedeutung, mein Schöpfer. Für dich liegen Anfang und Ende nebeneinander wie zwei Seiten desselben Buches. Für uns jedoch gab es einen Anfang.“
Raphael fuhr nun fort.
„Damals, als du die Schöpfung aus dem Chaos hobst, war nichts geordnet. Sterne irrten, Materie kannte kein Gesetz, und selbst Ursache und Wirkung gehorchten keinem festen Willen. Erst als du Regeln schufst, wurde aus dem Chaos ein Kosmos.“
Ich lächelte matt. „Ich erinnere mich an nichts davon. Ich bin so etwas wie ein kosmischer Kalenderidiot. Ich erschaffe Dinge, deren Schönheit mich selbst überrascht, und deren Folgen ich oft erst begreife, wenn sie längst eingetreten sind. Vielleicht hatte jemand, den ich kenne, recht mit seinem Lieblingsbild vom behinderten Uhrmacher.“
Michael hob den Blick. Seine Stimme blieb ruhig. „Dennoch wurde damals die Ratschenklausel erlassen, du Erhabener.“
Michael ließ den letzten Satz einen Augenblick in der feuchtwarmen Luft stehen. Aus den verborgenen Düsen der Klimaanlage strömte ein leises Rauschen, das gegen die tropische Schwüle kaum ankam. Von irgendwo tropfte Wasser in regelmäßigen Abständen in das dunkle Becken. Jeder Tropfen klang, als würde eine Uhr Sekunden zählen, die längst entschieden waren.
Das Wasser im Becken lag wieder vollkommen still. Nur wenige Sekunden zuvor hatten sich die breiten Rücken der Krokodile noch kaum merklich mit der trägen Strömung bewegt. Jetzt schienen selbst sie zu lauschen. Die feuchtwarme Luft hing schwer zwischen den künstlichen Urwaldriesen. Irgendwo zirpte ununterbrochen ein tropisches Insekt aus einem Lautsprecher. Von den Glasscheiben perlte Kondenswasser in dünnen Fäden herab, als würde sogar das Gebäude schwitzen.
Michael stand regungslos da. Seine Stimme blieb ruhig. Fast sanft. „Der offizielle Name lautet `Paragraph 1 der Schöpfungsordnung über die Irreversibilität freiwilliger Selbstentäußerung´. Wir handeln nicht aus eigenem Willen, Vater, sondern aufgrund eines uralten Gesetzes.“
Ich verzog das Gesicht. „Wer hat sich denn solch einen Behördenquatsch ausgedacht, Caddie? Ich kann mich an diesen bürokratischen Mist jedenfalls nicht erinnern.“
Nicht einmal ein Lächeln huschte über Michaels Gesicht. „Du selbst, Allmächtiger.“ Die Worte fielen so ruhig, daß sie beinahe leiser wirkten als das tropfende Wasser.
„Es war eine Rückversicherung, eine Vollkaskoversicherung für die Schöpfung, wenn du so willst. Sie entstand aus einer einfachen Erkenntnis: Kein allmächtiges Wesen darf sich selbst abschaffen. Denn mit ihm würde alles untergehen, was aus ihm hervorgegangen ist. Die Allmacht darf niemals freiwillig so eingesetzt werden, daß der Schöpfer dadurch seine eigene Existenz oder die Stabilität des Universums gefährdet. Jede schöpfungsfremde Anwendung göttlicher Macht kostet den Schöpfer einen Teil seiner ursprünglichen Substanz.“ Er hob kurz den Blick zu mir. „Gestern Nacht einen außergewöhnlich großen Teil.“
Gabriel trat unruhig einen Schritt vor. Seine Finger arbeiteten nervös gegeneinander, als versuchten sie einen Gedanken zu entwirren, der sich ständig wieder verknotete. „Solange diese Verluste dem Erhalt der gesamten Schöpfung dienen, bleiben sie zulässig. Werden sie jedoch aus persönlichen Motiven eingesetzt … aus Liebe … Mitleid … Trauer … Zorn … Schuld … dann greift die Ratschenklausel.“
Er holte hörbar Luft. „Warum sie so heißt? Weil sie wie eine Ratsche funktioniert. Es gibt nur eine Richtung. Jeder freiwillige Schritt in Richtung der Seinsweise eines erschaffenen Wesens rastet unwiderruflich ein. Es gibt kein Zurück. Mit jedem dieser Schritte wird der Schöpfer weniger Schöpfer… und mehr das Wesen, dem er sich freiwillig angenähert hat.“
„In deinem Fall“, ergänzte Raphael leise, „der Mensch.“
Ich antwortete nicht sofort. Irgend etwas begann sich tief in mir zu regen. Nicht wie eine Erinnerung. Eher wie ein uraltes Gebäude, das unter einer dicken Staubschicht langsam wieder sichtbar wurde. „Wann wurde diese Klausel ausgelöst?“
Michael antwortete ohne zu zögern. „Nicht bei der Cola-Dose.“ Eine kurze Pause. „Nicht bei Frank.“ Noch eine. „Nicht einmal bei deiner teilweisen Metamorphose in einen Menschen.“ Er ließ den Blick über das dunkle Wasser gleiten. „Ausgelöst wurde sie endgültig in dem Augenblick, als du Bettie heiltest. Der Preis war einfach zu hoch.“
Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog.
„Denn dort“, fuhr Michael fort, „hast du deine Allmacht nicht mehr aus Gerechtigkeit eingesetzt. Nicht aus Neugier. Nicht, um etwas über deine Schöpfung zu erfahren.“ Er sah mich jetzt direkt an. „Sondern aus Liebe.“
Das Wort blieb wie ein Fremdkörper zwischen uns stehen. Selbst die tropische Halle schien stiller geworden zu sein.
„Wir“, sagte Michael nach einer Weile, „das vollkommene Werk, kennen diese Liebe nicht. Wir kennen die Ordnung. Erinnerst du dich an den Traum von ihrer Kälte? Damals hast du bereits gespürt, was heute Gewißheit geworden ist. Du hast eine Grenze überschritten.“
Ich fuhr mir über die Stirn. Ob es die Hitze war oder seine Worte, konnte ich längst nicht mehr unterscheiden. „Verstehe.“ Ich atmete tief aus. „Aber mir schwirrt langsam der Kopf. Müssen wir dieses Gespräch unbedingt in dieser Tropenhölle führen? Ich fühle mich inzwischen wie ein Sonntagsbraten.“
„Nicht bevor du zugestimmt hast.“
„Wozu?“
„Deinen Urlaub sofort zu beenden.“
Ich schnaubte. „Und wenn ich mich weigere? Weil … weil die Pommes mit Mayo und Ketchup hier einfach zu gut schmecken?“
Zum ersten Mal glaubte ich, etwas wie Traurigkeit in Michaels Gesicht zu erkennen.
„Dann sind wir verpflichtet, die Ratschenklausel gegen deinen Willen anzuwenden.“ Er sprach jedes Wort langsam. „Nicht weil wir mächtiger wären als du. Sondern weil du selbst uns diese Befugnis vor Äonen übertragen hast. Wir sind weder deine Richter noch deine Feinde. Wir vollstrecken ausschließlich deinen eigenen Willen. Wir lieben unseren Schöpfer. Gerade deshalb können wir nicht zusehen, wie er sich Schritt für Schritt selbst verliert.“
Ich sah ihn lange an. „Sprechen wir hier … von so etwas wie einer Entmündigung? Oder Deportation?“
In diesem Augenblick durchlief eine einzige, kaum wahrnehmbare Welle das Wasser des Krokodilbeckens. Eines der gewaltigen Tiere öffnete langsam ein goldfarbenes Auge. Dann noch eines. Ein dunkler Schatten löste sich lautlos zwischen ihren reglosen Körpern.
Zunächst erschien nur nasses schwarzes Haar. Dann eine Stirn. Ein bleiches Gesicht. Schließlich tauchte Louis bis zu den Schultern aus dem Wasser auf. Sein schwarzer Mantel klebte schwer an seinem Körper wie eine zweite, triefende Haut. Das Wasser rann in dünnen Bächen über seine Tätowierungen und tropfte von den Metallringen in Nase, Lippe und Ohren zurück ins Becken. Sein Augen-Make-up war verlaufen und ließ ihn aussehen, als hätte ihn der Tod persönlich ausgespuckt, weil selbst ihm dieser Kerl auf die Nerven gegangen war.
Louis blinzelte einmal. Sah erst die Krokodile an. Dann die drei Erzengel. Dann mich. Langsam verzog sich sein Mund zu einem Grinsen. Kein freundliches. Sondern zu jenem Grinsen, das jeder vernünftige Mensch als letzte Warnung verstanden hätte.
„Ich glaub’s ja echt nicht“, sagte er und schüttelte sich wie ein Hund, der eben aus einem Fluß gestiegen war. Wasser spritzte in weitem Bogen über den Steg. „Das Arschgeigentrio ist jetzt auch im Spiel. `Ich lieb‘ dich nicht, du liebst mich nicht … da, da, da …´“
Zum ersten Mal, seit ich die drei kennengelernt hatte, bekam ihre makellose Gelassenheit einen Riß. Raphael erstarrte. Gabriel riß die Augen auf. Selbst Michael brachte kein Wort heraus. Es war keine gewöhnliche Überraschung. Es war das Entsetzen von Wesen, die etwas vor sich sahen, das in ihrer Vorstellung überhaupt nicht mehr hätte existieren dürfen.
Fast gleichzeitig glitten drei Hände in drei Designer-Umhängetaschen. Drei Desinfektionstücher erschienen. Mit beinahe hektischer Gründlichkeit rieben sich Gabriel und Raphael die Hände, als könne man Furcht einfach wegdesinfizieren. Michael tat es langsamer. Fast mechanisch.
Gabriels Stimme überschlug sich. „Gott sei bei uns … der Abgefallene … ausgerechnet! Allmächtiger, vernichte ihn! Sofort!“
Ich sah ihn an. „Ich dachte, ich soll das mit dem Fingerschnippen künftig unterlassen.“
„Einmal!“, platzte Gabriel heraus. „Ein einziges Mal noch! Das ist … eine Ausnahmeregelung!“
Louis lachte. Nicht laut, eher verächtlich. Er setzte einen Fuß auf den flachen Uferstein und stieg gemächlich aus dem Becken. Wasser rann in Strömen von seinem Mantel. Der schwere Stoff klebte an ihm, als bestünde er aus nasser Kohle. Seine schwarzen Irokesen-Haare hingen ihm wirr ins Gesicht. Zwischen den dunklen Strähnen blitzten die Metallringe in Nase, Lippe und Ohren auf. Die Tätowierungen wirkten unter der nassen Haut dunkler als zuvor, als hätte jemand sie eben erst mit frischer Tinte nachgezogen.
Dann fiel mein Blick auf seine Hände. Um beide Unterarme waren dicke Eisenketten gewickelt. Sie wirkten uralt, braun vor Rost. Jedes Glied so groß wie eine Männerfaust. Die Ketten verschwanden wieder im Wasser. Einen Augenblick lang glaubte ich noch, sie seien irgendwo am Beckenboden befestigt.
Dann bewegte sich das Wasser. Langsam. Zwei gewaltige Köpfe tauchten auf: Leistenkrokodile, riesige Männchen. Ihre Rücken wirkten wie schwimmende Felsrücken. Wasser lief über die groben Hornplatten, während ihre bernsteinfarbenen Augen reglos nach vorn blickten. Um ihre mächtigen Hälse lagen breite Stahlringe. An ihnen endeten Louis‘ Ketten.
Er zog die beiden Tiere hinter sich her, als führte er zwei außergewöhnlich schlechtgelaunte Doggen spazieren.
Die Reptilien glitten träge über den flachen Uferrand. Mit jedem Schritt öffnete eines von ihnen langsam das Maul. Reihen langer, gelblicher Zähne erschienen. Nicht wild, nicht hastig. Sondern mit jener ruhigen Selbstverständlichkeit eines Raubtiers, das seit Millionen Jahren weiß, daß fast alles irgendwann zwischen seinen Kiefern endet. Das Maul klappte wieder zu. Ein dumpfer Schlag hallte durch die Halle.
Raphael wich einen Schritt zurück. Michael sprach, ohne den Blick von Louis zu lösen. „Wo ist mein Schwert?“
Raphael schluckte. „Im … im Auto.“
Jetzt drehte Michael den Kopf. Zum ersten Mal klang seine Stimme scharf. „Dann hol es. Sofort!“
„Bemüh dich nicht.“ Louis nickte gelassen und griff hinter seinem Rücken. Dann zog er das riesige Teil wie ein Samurai-Kämpfer hervor. Die silberne Klinge funkelte selbst im grünlichen Dämmerlicht der Halle. Feine goldene Linien liefen über das Metall wie gefangene Blitze.
Er schleuderte das Schwert quer durch die Halle Michael entgegen. „Hier, fang!“
Es flog pfeilschnell und landete wie ferngesteuert mit dem Knauf in der Hand des Erzengels.
Für einen Augenblick blieb alles still. Louis sah zu Gabriel und Raphael hinüber.
Dann deutete er mit dem Daumen auf die beiden Krokodile.
„Hört mal, ihr Drei. Meine beiden Freunde hier haben seit gestern nichts Ordentliches gefressen.“ Er betrachtete nachdenklich die eleganten Umhängetaschen der Engel. „Aber Tierschutz geht vor.“ Er lächelte. „Legt vielleicht erst eure Bling-Bling-Täschchen ab, bevor wir anfangen. Die armen Viecher haben einen empfindlichen Magen.“
Gabriel öffnete den Mund. Kein Laut kam heraus. Seine Augen verdrehten sich. Er sackte in sich zusammen.
Raphael starrte fassungslos zwischen Louis, den Krokodilen und Michael hin und her.
Die Halle war wieder still. Nur das langsame Atmen der beiden gewaltigen Reptilien war noch zu hören.
