ER macht Urlaub 5 (Fortsetzung)

Roman von Akif Pirinçci

Alle Rechte vorbehalten © Bonn / Germany 2026

 

5

 

Das Kommunikationsinstrument machte wieder dieses helle, unangemessen fröhliche Pling, und ich fuhr aus dem Schlaf hoch, als hätte jemand einen kleinen Haken in mein Bewußtsein geschlagen und daran gezogen.

Dunkelheit. Noch immer Nacht, oder etwas, das sich hartnäckig an ihr festhielt. Für einen Moment wußte ich nicht, wo ich war. Dann kehrte alles zurück: das Zimmer, das Bett, dieser Körper, die Erde, Bettie.

Ich tastete nach der kleinen Lampe auf der Nachttischkommode und schaltete sie ein. Ein müdes, gelbliches Licht sprang an und kroch durch den Raum, als hätte selbst die Elektrizität um diese Uhrzeit keine rechte Lust mehr.

Das Zimmer war klein. Zu klein eigentlich für einen Menschen in diesem Alter, der sich offenbar gleichzeitig als Kind, Erwachsener, Rebell, Einsiedler und hormonell vergifteter Halbaffe verstand. Überall lagen Dinge herum, die keinen festen Platz hatten und vermutlich auch nie einen gehabt hatten.

An der Wand hing ein riesiges Poster irgendeiner Metal-Band. Vier Männer mit langen Haaren und Gesichtern, als hätten sie entweder gerade ein Königreich niedergebrannt oder seit Monaten kein Sonnenlicht mehr gesehen. Daneben LED-Lichterketten, die ausgeschaltet waren, aber offenbar nachts in giftigen Farben leuchten konnten wie ein schlechtgelaunter Puff auf dem Mars.

Unter einem altmodischen Flachbildschirm stand eine Spielkonsole. Schwarz. Kantig. Daneben mehrere Controller, einer davon mit Klebeband repariert. Auf dem Boden lagen Spielehüllen verstreut: Krieg, Monster, Fußball, Zombies. Offenbar verbrachten junge Männer einen beträchtlichen Teil ihrer Lebenszeit damit, virtuelle Menschen zu erschießen oder Meisterschaften zu simulieren, die sie im wirklichen Leben niemals gewinnen würden.

Auf dem Schreibtisch stand ein kleiner Monitor mit einer mechanischen Tastatur, die aussah wie die Kommandozentrale eines kleinen Militärputsches. Daneben Energydrink-Dosen, Chipstüten, ein verklebtes Glas und ein Kopfhörer, dessen Polster sich bereits auflösten wie alte Haut.

Kleidung lag überall verteilt herum. Nicht ordentlich abgelegt, sondern hingeworfen in verschiedenen Stadien zwischen „kann man nochmal tragen“ und „biologische Gefahr“. Ein halboffener Kleiderschrank quoll über vor billigem Stoff, Kapuzenpullis und T-Shirts mit irgendwelchen zynischen Sprüchen darauf. Und über allem lag dieser eigentümliche Geruch aus Staub, Technik, Waschmittel, kalter Luft, jugendlichem Schweiß und deodorierter Verzweiflung.

Ich griff nach dem Gerät auf der Nachttischkommode. 6:45 Uhr. Eine Uhrzeit, die wie eine Beleidigung wirkte. Wer stand freiwillig zu einer solchen Stunde auf? Offenbar fast die gesamte Menschheit.

Eine Nachricht. Von Bettie! Schon beim Anblick ihres Namens zog sich etwas in mir zusammen.

„Hey, Lieblingsstalker, was war denn los mit dir gestern Abend? Hängst du jetzt mit diesen Drogies von der Schule ab? Halt dich bloß von denen fern, Tom. Die nehmen das Zeug, weil sie selbst so leer sind. Wenn du glaubst, daß ich dir wegen der Sache gestern böse bin, so irrst du dich. Was soll ich ohne meinen verrückten Tom nur anfangen? Im Gegenteil, ich bitte dich, mir in drei Tagen bis zur Schwelle des OP-Saals die Hand zu halten. Eigentlich ist es keine Bitte, sondern ein Befehl, Digga. Schmatzkuß!“

Ich las die Nachricht zweimal. Dann ein drittes Mal.

Und obwohl dieser Körper inzwischen ausgeruht war, obwohl die Müdigkeit der vergangenen Stunden sich zurückgezogen hatte wie eine abebbende Flut, traf mich etwas anderes mit voller Wucht: Schmerz. Nicht körperlich. Etwas Inneres. Eine Art dumpfer Zug hinter dem Brustbein, als hätte jemand dort eine Schraube langsam tiefer hineingedreht.

Doch ich kam nicht dazu, mich länger damit zu beschäftigen. Plötzlich geschah etwas anderes. Ein Druck. Tief unten im Körper. Gewaltig. Fast schmerzhaft. Nicht Hunger. Nicht Müdigkeit. Etwas Drängenderes. Ein Zustand kurz vor der Katastrophe.

Ich richtete mich abrupt auf. Was war das jetzt schon wieder?

Es fühlte sich an, als müsse etwas aus mir heraus. Sofort. Unaufschiebbar. Der Körper hatte bereits entschieden, noch bevor ich den Vorgang begriff.

Ich dachte nach. Für etwa zwei Sekunden. Dann wurde aus Denken Instinkt: Toilette! Natürlich. Die Lösung lag in der Toilette.

Ich sprang auf, stolperte beinahe über meine eigene Hose und rannte mit dem Kommunikationsinstrument noch in der Hand durch den Flur, riß die Badezimmertür auf, zog die Unterhose hinunter und setzte mich auf diese merkwürdige weiße Keramikschüssel, die offenbar eigens dafür erschaffen worden war, menschliche Würde temporär außer Kraft zu setzen.

Und dann geschah es. Zuerst nur Erleichterung. Gewaltige, unmittelbare Erleichterung. Der Druck ließ nach. Nicht langsam. Nicht höflich. Er brach regelrecht aus dem Körper heraus, und ich spürte, wie sich etwas entspannte, das sich bis eben noch angefühlt hatte wie ein viel zu stark aufgepumpter Behälter kurz vor dem Zerreißen.

Ich schloß unwillkürlich die Augen. Mein Gott. Nein. Ich.

Diese Wesen lebten tatsächlich mit so etwas. Jeden Tag. Mehrmals. Sie aßen, damit der Körper Bestand hatte. Und der Körper warf alles wieder aus sich heraus, was er nicht mehr brauchte. Ein ständiger Kreislauf aus Aufnahme und Abgabe, Aufbau und Zerfall. Nicht nur Menschen. Tiere ebenfalls.

Die gesamte biologische Welt schien auf diesem Prinzip zu beruhen: nehmen, verwandeln, loslassen. Und plötzlich erschien mir das nicht mehr erniedrigend, sondern beinahe poetisch. Nichts durfte stehenbleiben. Alles, was lebte, mußte austauschen. Nahrung. Luft. Wärme. Flüssigkeit. Gefühle vielleicht auch. Wer nur aufnahm und niemals losließ, vergiftete sich irgendwann selbst.

Der Druck verschwand weiter. Eine tiefe, fast feierliche Entspannung breitete sich im Körper aus. Ich saß da und dachte: Vielleicht ist Zivilisation letztlich nur der verzweifelte Versuch, diesen ununterbrochenen biologischen Wahnsinn mit möglichst viel Porzellan, Parfüm und Philosophie zu überdecken.

Als alles vorbei war, blieb ich noch einen Moment sitzen. Gut. Das Problem war offenbar gelöst.

Doch nun entstand sofort das nächste: Was machte man danach?

Ich sah auf das Kommunikationsinstrument in meiner Hand. Natürlich. Dieses Gerät schien ohnehin für alles zuständig zu sein. Kommunikation, Bilder, Orientierung, emotionale Zusammenbrüche, Katzenvideos – warum also nicht auch dafür?

Ich entsperrte es, irrte kurz durch einige Symbole, öffnete versehentlich irgend etwas mit tanzenden Jugendlichen, erschrak, schloß es wieder und entdeckte schließlich das Zeichen von ChatGPT. Als ich die App öffnete, erfaßte ich sofort, worum es sich handelte. „Stelle eine beliebige Frage“, stand da. Eine gefährliche Aufforderung.

Ich schrieb allen Ernstes: „Ich habe mich gerade auf der Toilette fäkal entleert. Was muß ich jetzt tun?“ Kurz erschien ein kreisendes Symbol. Dann antwortete das Programm auch allen Ernstes: „Ist die Frage ernst gemeint oder möchtest du einen Witz darüber hören?

Unverschämte Maschine. Ich tippte: „Ernst gemeint.“

Die Antwort erschien sofort: „Dann solltest du in deiner Nähe eine Rolle Klopapier finden. Reiß ein paar Blätter ab und reinige dich da unten gründlich. Danach die Toilettenspülung betätigen und dir mit Wasser und Seife die Hände waschen.“

Ich starrte auf den Bildschirm. Das also war Wissen geworden? Die Menschheit hatte denkende Maschinen erschaffen, die ihr erklärten, wie man sich nach dem Scheißen den Hintern abwischte. Und schlimmer noch: Ich brauchte sie auch dafür.

Beschämt führte ich die beschriebenen Schritte aus. Danach stand ich am Waschbecken und betrachtete mich im Spiegel. Wütend jetzt. Auf mich. Auf den Körper. Auf dieses Gerät.

Ich griff wieder nach dem Kommunikationsinstrument und schrieb: „Hältst du mich für dumm? Du hast nicht die leiseste Vorstellung davon, wer ich bin.“

Die Antwort kam fast sofort: „Du hast nur gefragt.“

Ich tippte hastiger: „Ich weiß um Trillionen Potenzen mehr als du. Und das gilt für das ganze Universum! Vielleicht sogar darüber hinaus.“

Kurze Pause. Dann: “ In manchen Bereichen scheinst du noch Nachholbedarf zu haben, Digga 😊“

Ich starrte den Bildschirm an. Dann legte ich das Gerät langsam beiseite. Diese Maschine war entweder extrem dumm oder bereits weit gefährlicher, als den Menschen klar war.

Ich zog den Plastikvorhang der kleinen Duschkabine zur Seite und trat hinein. Der Raum roch nach Feuchtigkeit, Shampoo und jener künstlichen Frische, mit der Menschen versuchten, ihre biologische Natur zu überlisten.

Ich wollte gerade das Wasser aufdrehen. Da traf es mich. Nicht wie Hunger. Nicht wie Müdigkeit. Nicht wie Schmerz. Etwas völlig anderes. Eine Welle. Heftig. Tief. Sofort körperlich.

Und plötzlich veränderte sich dieser Körper erneut. Nicht vollständig. Nur ein bestimmter Teil von ihm. Jenes hervorstehende Organ, das bislang lediglich funktional gewirkt hatte, begann sich langsam zu verhärten.

Ich erstarrte. Was …? Ich griff instinktiv danach. Ein Fehler. Oder vielleicht genau das Gegenteil. Denn die Berührung verstärkte alles sofort. Die Härte nahm zu, der ganze Unterleib spannte sich an, und gleichzeitig schoß etwas durch meinen Kopf – Bilder. Lissi.  Die heimlichen Aufnahmen. Ihr Gesicht. Ihre Bewegungen. Ihr Körper.

Die Erinnerung traf mich mit der Gewalt eines Meteoriteneinschlags. Und plötzlich wollte ich sie wieder sehen. Sofort! Nicht aus Neugier. Nicht aus ästhetischem Interesse. Etwas viel Brutaleres hatte die Kontrolle übernommen. Eine Forderung. Roh. Rücksichtslos. Als hätte ein gewalttätiger Geldeintreiber meinen gesamten Unterkörper übernommen und brüllte: Mehr! Jetzt!

Ich setzte bereits einen Fuß wieder aus der Duschkabine hinaus, griff nach dem Kommunikationsinstrument. Der Körper war jetzt vollständig erregt. Hart. Pulsierend. Fast schmerzhaft lebendig.

Doch genau in diesem Moment meldete sich etwas anderes in mir. Eine Stimme. Leise. Die Frage: Und kannst du danach noch in den Spiegel schauen? Die Frage richtete sich in Wahrheit nicht an mich. Wenn ich mich im Spiegel sah, sah ich eigentlich gar nichts. Nur dieses Astronomie-Zeug wie aus einer Wissenschaftsdoku. Die Frage richtete sich an Tom.

Was für eine armselige Figur aus mir inzwischen geworden war: Der gestrenge, verklemmte und ein bißchen irre Prinzipal eines Jungeninternats aus dem 19. Jahrhundert, der in der Nacht durch die Flure des viktorianischen Gebäudes schleicht und mit angelehntem Ohr an den Zimmertüren horcht, ob irgendwer onaniert. Um es sofort zu unterbinden.

Der Tag fing ja gut an.

Nachdem ich mich geduscht und angezogen hatte, ging ich in die Küche. Ich erwartete bereits dieses seltsame Menschenritual vom Vortag: Wurst in Fleischsoße, Kartoffelpüree, Rotkohl, irgendwelche weichgekochten Dinge, die aussahen, als hätten sie bereits ein komplettes Leben hinter sich. Und ich freute mich darauf. Gleichzeitig wußte ich, daß ich in die Schule mußte. Schule. Schon das Wort klang nach einem Ort, an dem junge Wesen systematisch auf ihre spätere Erschöpfung vorbereitet wurden.

Die Herstellerin saß bereits am Tisch. Vor ihr dampfte eine Tasse Kaffee, und sie hatte die Haare noch feucht vom Duschen nach hinten gebunden. Sie trug diese billige Arbeitskleidung für die Fischfabrik, die nach Gummi, Kälte und frühem Aufstehen aussah.

Vor meinem Platz stand ein Teller mit Rührei. Gelb, weich, glänzend. Darüber lagen kleine grüne Schnittlauchstücke wie absichtlich verteilte Farbtupfer. Daneben Toast. Ein Käsebrot. Ein Glas Orangensaft. Und dieser Geruch: Kaffee.

Ich blieb einen Moment stehen und sog ihn ein. Bitter, dunkel, warm, beinahe rauchig. Ein Geruch, der nicht einfach nur angenehm war, sondern versprach, daß man trotz allem weitermachen konnte. Menschen tranken offenbar keine Flüssigkeit, sondern Hoffnung in Tassenform.

„Guten Morgen!“, sagte sie.

Schon wieder faszinierte mich das. Für jede Tageszeit ein anderer Gruß. Guten Morgen. Guten Abend. Gute Nacht. Als müsse man die Zeit selbst ständig freundlich begrüßen, damit sie nicht völlig außer Kontrolle geriet.

Und diesmal brauchte ich dafür nicht dieses rechthaberische kleine Programm namens ChatGPT. Ich erwiderte den Gruß.

Aus Toms Erinnerungen wußte ich, daß sie diese Stunde mit ihm liebte. Diese wenigen Minuten vor der Arbeit, bevor der Tag sie auseinandertrieb wie zwei Holzstücke auf einem Fluß. Während sie mich ansah, tauchten Bilder in ihr auf. Nicht scharf. Eher weich und verblaßt. Ein anderer Küchentisch. Derselbe Raum, nur heller. Der Vater saß ebenfalls dort, lachte über irgend etwas, während der kleine Tom mit viel zu großen Augen Cornflakes aß und unbedingt erzählen wollte, was er letzte Nacht geträumt hatte.

Familiengefühl, dachte ich plötzlich.

Was für ein sonderbares Konzept. Mehrere Wesen, zufällig durch Geburt aneinandergekettet, entwickelten mit der Zeit eine unsichtbare Wärme, die stärker sein konnte als Vernunft, Stolz oder sogar Haß. Vielleicht bestand Familie nicht darin, daß man einander liebte. Sondern darin, daß man einander nicht vollständig loswerden konnte. Selbst dann nicht, wenn man es wollte.

Ich setzte mich. Anfangs war ich leicht enttäuscht. Keine Wurst. Kein Rotkohl. Keine schwere Soße. Doch kaum begann ich das Rührei zu essen und den warmen Toast dazu, geschah etwas Erstaunliches: Begeisterung.

Der Geschmack war vollkommen anders als alles vom Vortag. Weicher. Heller. Weniger brutal. Die Eierpampe zerfiel warm auf der Zunge, der Schnittlauch gab dem Ganzen eine leichte Schärfe, und der Toast knackte angenehm zwischen den Zähnen.

Offenbar besaßen Zunge und Magen eines Menschen eine Art Zeitgedächtnis. Sie wollten nicht nur Nahrung. Sie wollten Abwechslung. Erinnerung. Überraschung. Selbst beim Essen.

Während ich weiter aß, sagte ich: „Herste … Mama, es tut mir leid, was ich dir gestern gesagt habe. Ich wollte witzig sein. Ging wohl voll daneben.“

Sie winkte sofort ab. „Ach was. Ich weiß doch, was du für ein kleiner Teufel bist, Tom.“

Teufel. Kleiner Teufel. Ich hielt mitten in der Bewegung inne. Das Wort löste sofort eine ganze Kaskade von Gedanken aus. Sollte ich jetzt die Zeit anhalten und ihr erschöpfend erklären, wie unerquicklich falsch diese Bezeichnung war? Daß gewisse historische Darstellungen dieser Gestalt, die Menschen abstruserweise so etwas wie meinen Kollegen, ja, Gegenspieler hielten, erheblich verzerrt worden waren? Daß das Böse und die Schuld stets eine Frage der Perspektive …

Ich brach den Gedanken ab. Vor meinem inneren Auge sah ich plötzlich ein Polizeirevier. Ich saß dort mit verschränkten Armen neben meinem Anwalt, der vermutlich riesige Engelsflügel hinter dem Rücken trug, während ein Beamter sagte: „Also Sie behaupten weiterhin, diesen Teufel nicht zu kennen?“ Und der Anwalt antwortete trocken: „Mein Mandant verweigert die Aussage.“ Ich mußte grinsen.

Mama bemerkte es nicht „Außerdem“, sagte sie und nahm einen Schluck Kaffee, „war das gestern nicht das Schlimmste, was du mir je gesagt hast.“

Ich sah auf „Ich hab dir schon mal etwas viel Schlimmeres gesagt? Was denn?“

„Keine Ahnung.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Hab’s vergessen.“ Dann wurde ihr Blick kurz leer, als würde sie durch etwas hindurchsehen, das weit zurücklag. „Ach ja. Doch. Da war diese eine Sache, nachdem dein Vater verschwunden war.“

Ihre Stimme wurde ruhiger. „Da warst du neun oder so. Du hast mir ins Gesicht gesagt, du wünschtest, du hättest andere Eltern gehabt. Eine andere Mutter, einen anderen Vater, eine andere Familie.“

Ich schwieg.

„Eine, die sich verträgt. Die sich liebt und nicht ständig rumschreit.“ Ein kurzes, bitteres Lächeln. „Und vor allem eine mit Geld. Damit sie ihrem Kind alles kaufen kann, was es haben will.“

Ich legte langsam den Toast hin. „Wo ist Vater jetzt?“

Sie sah mich überrascht an. „Vor ein paar Jahren hab ich gehört, daß er wieder eine neue Filiale gegründet hat.“

Ich blinzelte. „Vater gründet Filialen?“

Jetzt sah sie mich an, als zweifle sie ernsthaft an meinem Gesundheitszustand. „Sag mal, stellst du dich absichtlich so dumm an?“ Sie schnaubte kurz. „Er hat ’ne neue Frau kennengelernt. Geheiratet. Zwei weitere Kinder bekommen.“

Eine kleine Pause. „Eine neue Familie.“ Das Wort blieb zwischen uns liegen wie ein Gegenstand. „Du hast Halbgeschwister“, sagte sie schließlich.

Ich dachte darüber nach. Halbgeschwister. Menschen liebten es offenbar, selbst ihre Verwandtschaft mathematisch zu unterteilen.

„Ich hab versucht, ihn wegen Alimente dranzukriegen“, fuhr sie fort. „Aber ich hatte nur so einen Penner an Anwalt, den ich mir gerade noch so leisten konnte.“ Sie lachte kurz und freudlos. „Wie sich später rausstellte, war der auch noch drogensüchtig.“

Sie nahm einen Schluck Kaffee. „Immerhin hat er’s am Anfang geschafft, daß wir von deinem Herrn Vater monatlich ein bißchen Geld bekommen haben. Lächerlich wenig. Danach war auch damit Schluß.“

Sie sah auf den Tisch. „Irgendwann hab ich’s einfach gelassen. Ich war zu beschäftigt mit dieser armseligen Scheiße hier.“ Dann deutete sie mit dem Kopf in meine Richtung. „Und mit dir.“

Ich nickte langsam. „Kannst du mir sagen, wo er wohnt?“

„Warum?“ fragte sie sofort. „Du hast ihn doch immer gehaßt.“

Ich sah sie an. „Ich hab meine Meinung geändert.“ Und plötzlich hörte ich mich sagen: „Ich hab Sehnsucht nach dem Scheißkerl.“ Der Satz überraschte mich selbst.

„Papa“, sagte ich leise weiter, beinahe ausprobierend. „Papa, du hast mir so gefehlt. Du und deine Alimente.“

Irgendetwas zog sich in ihrer Miene zusammen. „Wollen wir nicht wieder zusammen Rührei mit kleingeschnittenem Schnittlauch essen, Papa?“, fragte ich. „Wie früher, als du noch nicht diese neue Filiale gegründet hast?“

Sie antwortete nicht sofort. Nur dieser Blick. Menschen hatten erstaunlich viele Arten zu schweigen.

Später machten wir uns fertig. Sie zog ihre Jacke an, ich nahm meinen Rucksack. Gemeinsam verließen wir das Haus.

Draußen war die Luft kalt und frisch zugleich. Die Welt begann gerade erst wieder mit sich selbst. Autos fuhren vorbei, irgendwo bellte ein Hund, und hinter den Fenstern anderer Häuser gingen nach und nach Lichter an. Ich setzte mich aufs Fahrrad. Dann fuhr ich los. Richtung Schule.

Als ich sie erreichte, standen bereits überall Fahrräder herum, ineinander verkeilt wie zurückgelassene Skelette aus Metall. Ich stellte meines dazu und ging hinein.

Sofort umfing mich dieses eigentümliche Klima aus abgestandener Heizungsluft, billigen Parfüms, feuchten Jacken und jugendlicher Unruhe. Schulen rochen nicht nach Bildung. Sie rochen nach Übergang. Nach Wesen, die noch nicht wußten, was sie einmal sein würden, und deshalb alles gleichzeitig ausprobierten.

Ich lief den langen Flur entlang. Links und rechts die Spinde, viele zerkratzt oder mit Aufklebern beklebt, manche eingedellt wie geprügelte Blecheimer. Dazwischen Schüler. Ströme von Schülern.

Sie kamen mir entgegen wie unfertige Versionen von Menschen. Einige auffallend schön, aber noch ohne die Ruhe, die Schönheit erst gefährlich machte. Andere bereits in jungen Jahren von einer Grottenhäßlichkeit getroffen, die beinahe etwas Schicksalhaftes hatte. Schlaue Gesichter, in denen bereits ein künftiger Karrierismus lauerte. Dumpfe Gesichter, weich und leer wie unbeschriebener Teig. Unsichere Gesichter, aggressive Gesichter, hoffnungsvolle Gesichter.

Und fast alle trugen dieselbe Uniform ihrer angeblichen Individualität: Hoodies, überbreite Hosen, weiße Turnschuhe, deren Sohlen so dick waren, als wollten sie sich von der Erde fernhalten.

Aber das Entscheidende war etwas anderes. Sie alle waren unfertig. Zwischenstationen. Keiner von ihnen war bereits der Mensch, als der er irgendwann sterben würde. Das Gesicht eines Vierzigjährigen lag oft schon undeutlich im Kind verborgen wie eine Skizze unter feuchter Farbe. Manche würden schöner werden. Andere härter. Manche grausam. Manche traurig. Manche würden später Menschen verlassen, betrügen, heiraten, pflegen, schlagen, lieben oder vergessen. Jetzt liefen sie hier herum und diskutierten über Influencer, Hausaufgaben und Energydrinks. Ein erstaunliches System.

Dann sah ich ihn. Am Ende des Flurs stand „Diabolo“.

Schon Toms Erinnerung hatte mir erklärt, was es mit diesem Ding auf sich hatte. Ein uralter Getränkeautomat, der vermutlich bereits existiert hatte, als die ersten Dinosaurier Abitur machten. Das Plastik vergilbt, die Knöpfe teilweise eingedrückt, hinter der Scheibe müde Dosen und Flaschen wie Gefangene eines sehr billigen Gefängnisses.

Die Schüler nannten ihn Diabolo. Ein passender Name. Denn dieses Gerät funktionierte weniger wie ein Automat als wie ein Glücksspielapparat. Man warf eine Münze hinein, drückte auf sein Getränk – und dann begann das Hoffen. Würde unten tatsächlich eine Cola herausfallen? Oder würde Diabolo das Geld einfach behalten wie ein schweigender Straßenräuber? Meistens letzteres. Und trotzdem versuchten sie es immer wieder. Der Glaube war unter Menschen offenbar stärker verbreitet, als sie selbst ahnten.

Während ich näherkam, tauchte plötzlich von der Seite ein kleines Mädchen auf. Vielleicht elf Jahre alt. Zu jung für diesen Flur voller halbfertiger Raubtiere. Sie trug einen viel zu großen Kapuzenpulli und hielt zwei Münzen in der Faust umklammert, als wären es kleine Glücksbringer. Sie trat vor Diabolo. Ich verlangsamte automatisch. Mit konzentrierter Ernsthaftigkeit steckte sie die Münzen hinein. Dann drückte sie auf Cola.

Der Automat summte kurz. Knackte. Ruckte einmal beleidigt. Und tat nichts. Natürlich nicht.

Das Mädchen blieb reglos stehen. Dieser winzige Moment zwischen Hoffnung und Enttäuschung. Ich erkannte ihn sofort. Vermutlich war das ihr gesamtes Taschengeld für heute gewesen. Ich blieb neben ihr stehen.

„Hey, Kleine“, sagte ich, „hat man dir nicht erzählt, daß dieses Mistding ein Betrüger und Räuber ist?“

Sie sah kurz zu mir hoch. „Doch“, sagte sie. „Aber ich hatte plötzlich so einen Durst.“

Mit einem Mal geschah etwas in mir. Nicht langsam. Nicht philosophisch. Eher wie ein Riß. Als hätte der Vulkan einige Zeit vor sich hingeröchelt, bis er plötzlich aus seinem Schlot gigantische Lava-Brocken zu schleudern begann. Meine Gedanken gingen zu Bettie mit ihrem elenden Freund, dem Tumor. Zu der Herstellerin, die sich in der Fischfabrik Tag für Tag die Knochen kaltarbeitete. Zu dem Filialen-Vater, der sich einen Scheiß um seine erste Filiale gekümmert hatte. Zu den sechs alten Nonnen, die sich in jungen Jahren lustvoll den Verstand aus dem Leib hätten ficken lassen können, aber es nicht taten, weil sie annahmen, irgend so ein „Herr“ sei ihr Hirte.

Dieser ganze Planet voller Wesen, die arbeiteten, hofften, litten, liebten und ständig um irgendwelche kleinen Dinge betrogen wurden. Und jetzt dieses Kind, das einfach nur eine Cola trinken wollte.

Eine Wut ungeheuren Ausmaßes stieg in mir auf, so klar und heiß, daß sie beinahe angenehm war. Jetzt ist Schluß, dachte ich. Jetzt ist Sense. Jetzt wird aufgeräumt! Irgendwann muß man einsehen, daß man einen Fehler gemacht hat. Und dann muß man ihn korrigieren.

Es war nur eine mikroskopisch kleine Korrektur. Lächerlich klein. Eine Dose Cola im gesamten Universum. Niemand würde es bemerken. Außer mir. Eine Dose Gerechtigkeit.

Ich hob die Hand. Und schnippte fast unhörbar, ja, verschämt mit den Fingern: Klack!

Im selben Moment rumpelte es im Inneren des Automaten, und unten fiel mit einem dumpfen Schlag eine eiskalte Cola-Dose ins Ausgabefach.

Das Mädchen riß die Augen auf. Langsam bückte sie sich, nahm die Dose heraus und starrte sie an, als hielte sie gerade ein religiöses Artefakt in der Hand. Dann sah sie zu mir hoch. Ehrfürchtig.

„Bist du ein Zauberer?“

Ich verzog sofort das Gesicht. „Was?! Nein. Ich bin kein Zauberer. Ich hasse Zauberer.“

„Warum?“

„Weil Zauberer mit Tricks arbeiten, die jeder von uns könnte, wenn man sie offenlegen würde. Zauberer tun so, als müßten sie nur mit dem Finger schnippen und könnten die Gesetze der Realität aufheben.“ Ich schüttelte leicht den Kopf. „Des Universums nebenbei auch noch. Alles Betrug. Aber das würde zu weit führen.“

Sie sah mich verständnislos an.

„Aber du hast doch selber geschnippt.“

Ich erstarrte kurz.

„Das hast du gesehen?“

Sofort veränderte sich ihr Gesichtsausdruck. Vorsicht trat hinein. Vielleicht hielt sie mich plötzlich für einen Freak. Oder schlimmer: für einen Erwachsenen mit seltsamer Energie.

„Nein“, sagte sie hastig. „Nicht direkt. Also … gar nicht.“

Dann nahm sie ihre Cola und lief schnell davon.

Ich sah ihr nach. Und dachte: Verdammt. Vielleicht hätte ich doch einfach Zauberer sagen sollen.

Als sie verschwunden war, blieb ich noch einen Moment vor Diabolo stehen. Der Automat summte leise vor sich hin, beleidigt vielleicht, weil man ihn eben beim Betrügen erwischt hatte. Oder ich bildete mir das ein. Menschen neigten dazu, Gegenständen Charaktereigenschaften zuzuschreiben. Wahrscheinlich, weil sie ahnten, daß sie selbst oft genug wie Maschinen funktionierten.

Und genau in diesem Augenblick geschah das nächste seltsame Ding. Plötzlich erschien vor meinem geistigen Auge – oder direkt vor mir? – eine Art Lichtsäule.

Ich blieb reglos stehen.

Sie war ungefähr so groß wie ich und schwebte leicht flimmernd in der Luft, halb durchsichtig, halb wirklich. Von oben nach unten war sie in drei Farbfelder unterteilt wie eine primitive Verkehrsampel: oben grün, darunter gelb, unten rot. Gleichzeitig erinnerte sie mich an die Ladeanzeige des Kommunikationsinstruments. Diese armselige kleine Energieleiste, an deren Existenz plötzlich ganze Menschenpaniken hingen.

Ganz oben stand eine Zahl: 100 %.

Ich starrte darauf. Was bedeutete das?

Nein. Das war gelogen. Ich wußte ungefähr, was es bedeutete. Genau deshalb wollte ich den Gedanken sofort wieder loswerden. Ich sah mich um. Niemand reagierte. Die Schüler liefen weiter an mir vorbei, schubsten sich, lachten, starrten auf ihre Kommunikationsinstrumente oder in ihre biologisch dringend gebotene Zukunft. Niemand schien diese Säule zu sehen. Nur ich.

Halluzination, dachte ich sofort. Ein wunderbares Wort. Menschen benutzten es immer dann, wenn etwas auftauchte, das ihre kleine Wirklichkeit beleidigte.

Doch während ich noch hinsah, bemerkte ich plötzlich etwas anderes.

Die Zahl hatte sich verändert. Nicht mehr 100 %.

99,999 %!

Ich blinzelte irritiert. Dann begriff ich: Ich hatte die Anzeige zuvor selbst aufgerundet. Automatisch. Mein Geist hatte aus Wunsch Vollständigkeit gemacht.

99,999 %.

Eine lächerliche Differenz. Und trotzdem nicht dasselbe.

Sofort dachte ich an die Cola-Dose. Unsinn, sagte ich mir. Eine Dose Cola im Universum bedeutete nichts. Weniger als nichts. Ein Staubkorn im Staub.

Und doch blieb die Zahl dort stehen.

99,999 %.

Ein Gedanke schoß durch mich hindurch: Fehler beginnen niemals groß. Sie beginnen mikroskopisch. Ich verdrängte ihn sofort.

Als ich mich umdrehte, sah ich sie.

Lissy.

Sie kam den Flur entlang, flankiert von zwei Freundinnen, die neben ihr wirkten wie unscharfe Randfiguren eines Bildes, dessen Mittelpunkt längst feststand. Vor ihrer Brust hielt sie Bücher und Hefte locker gegen sich gedrückt, als wären sie bloß eine höfliche Formalität zwischen ihr und der Welt.

Und sie bewegte sich. Nein. Sie ging nicht. Sie schwebte beinahe. Alles an ihr schien einem anderen Rhythmus zu folgen als der Rest dieser Schule. Ihre langen blonden Haare schwangen bei jedem Schritt leicht auseinander und fingen das Neonlicht ein, als hätten sie beschlossen, selbst aus dieser trostlosen Beleuchtung noch etwas Sinnliches zu machen. Ihre blauen Augen besaßen diese gefährliche Klarheit junger Schönheit, die noch nicht vollständig begriffen hat, welchen Schaden sie anrichten kann. Oder vielleicht hatte sie es längst begriffen.

Ihr Mund leicht geöffnet. Nicht absichtlich verführerisch. Gerade deshalb verführerisch. Ihr Hals schmal und hell wie etwas, das man eigentlich nicht ansehen dürfte. Selbst unter dem weiten Stoff ihrer Kleidung zeichnete sich ihr Körper ab – nicht deutlich, sondern in Andeutungen, die schlimmer wirkten als jede Offenheit. Die weiche Bewegung ihrer Brust beim Gehen. Die schmale Linie ihrer Taille. Die langsame, fast grausame Selbstverständlichkeit ihrer Hüften.

Menschen hatten dafür ein Wort erfunden: Sex-Appeal. Ein albernes Wort. Und zugleich erschreckend präzise.

Je näher sie kam, desto stärker reagierte dieser Körper auf sie. Nicht nur mein Denken. Mein ganzer Organismus geriet plötzlich in eine Art fiebrige Erwartung. Wärme. Spannung. Dieses primitive Ziehen tief unten im Körper, das selbst Gedanken langsamer machte. Ich dachte an den Morgen unter der Dusche. Vielleicht hätte ich da einfach nachgeben sollen.

Der Gedanke traf mich mit brutaler Direktheit. Und plötzlich dachte ich wieder an den Cola-Trick. Nicht plump. Nicht so, daß sie sich sofort in mich verliebte wie in einer schlechten menschlichen Wunschphantasie. Nein. Nur eine winzige Verschiebung. Ein kaum merklicher Eingriff. Ein kleiner Blick hinter den Vorhang dieser Welt.

Warum eigentlich nicht? „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert“, meldete sich eine von Toms Redensarten. Ein entsetzlicher Satz. Und gleichzeitig erstaunlich verführerisch.

Sie kam näher. Immer näher. Und für einen kurzen, beschämenden Moment wollte ich alles sehen. Nicht philosophisch. Nicht symbolisch. Einfach sehen. Diesen überschönen Körper, verborgen unter Stoff und Bewegung. Die geheimen Linien ihrer Existenz. Die Vollständigkeit ihrer körperlichen Gegenwart. Jene verborgenen Bereiche, um die sich offenbar ein erheblicher Teil menschlicher Sehnsucht drehte.

Die Zahl erschien wieder vor meinem inneren Auge.

99,999 %.

Vielleicht inzwischen weniger. Vielleicht weil meine Finger bereits zum Schnippen ansetzten?

Lissy war jetzt fast bei mir. Ihr Blick glitt bereits halb an mir vorbei, uninteressiert, beiläufig, als wäre ich nur ein weiterer Schüler unter vielen.

Und genau in dem Moment, als ich beinahe entschlossen war, es trotzdem zu tun – tauchte plötzlich jemand vor meiner Nase auf.

Eine seltsame Gestalt. Sie sagte „Denk nicht mal daran!“

 

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