ER macht Urlaub 7  (Fortsetzung)

Roman von Akif Pirinçci

Alle Rechte vorbehalten © Bonn / Germany 2026

 

Am nächsten Tag nach der Schule saß ich wieder mit der Herstellerin am Küchentisch. Das Licht draußen war blaß, immer noch nicht ganz entschlossen, ob es ein freundlicher Tag werden wollte oder einer jener trüben Nachmittage, die sich wie feuchte Watte über die Welt legen und selbst den Dingen im Zimmer etwas Müdes verleihen. Der kleine Fernseher auf der Anrichte lief ohne Ton. Irgend jemand bewegte dort lautlos den Mund, als versuche er vergeblich, sich aus einer anderen Wirklichkeit bemerkbar zu machen.

Vor mir dampfte das Essen. Gulasch.

Schon dieses Wort hatte Gewicht. Es klang nicht wie eine bloße Speise, sondern wie etwas, das über Generationen hinweg durch Winter getragen worden war. Fleischstücke, weichgekocht in einer schweren, dunkelroten Soße, deren Oberfläche im Licht glänzte wie lackiertes Holz. Daneben Kartoffeln und Kopfsalat mit einem säuerlichen Dressing, das nach Essig und einem Hauch Senf roch.

Ich aß langsam. Nicht aus Höflichkeit. Eher aus Ehrfurcht.

Es verblüffte mich noch immer, mit welcher Hartnäckigkeit diese Wesen versuchten, tote Tiere nicht nur genießbar, sondern geradezu unwiderstehlich zu machen. Sie kochten sie, brieten sie, räucherten sie, zerstampften sie, zerkleinerten sie, hängten sie monatelang in kalte Räume, überzogen sie mit Gewürzen, tauchten sie in Soßen, erfanden tausende Varianten desselben Vorgangs – und jedesmal entstand etwas Neues daraus, als wäre Fleisch kein Material, sondern eine Sprache.

Ich kaute ein besonders zartes Stück und dachte darüber nach. „Es ist erstaunlich“, sagte ich schließlich. „Menschen können Tiere auf millionenlei Weisen zubereiten.“

„Mhm“, machte Mama und schnitt sich etwas Salat klein.

„Aber warum eßt ihr … ich meine wir, warum essen wir keine Hunde oder Katzen?“

Sie sah sofort auf. Nicht empört. Eher müde. Als hätte sie geahnt, daß ich irgendwann wieder einen Satz sagen würde, der einen normalen Menschen dazu gebracht hätte, diskret die Telefonnummer einer psychiatrischen Klinik herauszusuchen.

„Weil man das nicht macht.“

„Aber warum nicht? Hunde und Katzen essen doch selbst andere Tiere. Eigentlich ist das unlogisch.“

Sie seufzte und legte die Gabel hin.

„Es gibt halt Tabus, Tom. So viel müßtest du doch mittlerweile mitgekriegt haben.“

Tabus.

Das Wort blieb sofort in mir hängen wie ein Widerhaken. Tabus waren sonderbare Konstruktionen. Unsichtbare Mauern, die stärker wirkten als echte. Niemand konnte sie anfassen, niemand genau erklären, und doch gehorchten Millionen Menschen ihnen mit einer Ernsthaftigkeit, die beinahe religiös war. Sie aßen bestimmte Dinge nicht. Berührten bestimmte Dinge nicht. Dachten bestimmte Gedanken nicht zu Ende. Nicht weil es unmöglich gewesen wäre, sondern weil etwas in ihnen zurückwich.

Vielleicht, dachte ich, brauchten diese Wesen Tabus wie Geländer an einem Abgrund. Nicht weil sie immer abstürzen wollten, sondern weil sie plötzlich merkten, daß sie es könnten.

Ich betrachtete Mama. Sie aß weiter, ruhig, routiniert, ohne zu ahnen, daß sie eben beiläufig eine der tragenden Säulen menschlicher Zivilisation zusammengefaßt hatte.

Tabus. Unsichtbare Linien, die verhinderten, daß alles ineinanderfloß. Mensch und Tier. Liebe und Gewalt. Leben und Tod. Ohne sie wäre vermutlich binnen weniger Wochen alles in einem einzigen großen, schreienden Durcheinander versunken.

Und plötzlich verstand ich, warum Religionen so erfolgreich gewesen waren. Sie lieferten keine Antworten. Sie lieferten Zäune.

Später fuhr ich wieder los. Nonnenversorgung. Erst in die Großküche, wo ich alles abholte, dann in Richtung Kloster.

Die orangefarbene Tasche hing über meiner Schulter, schwer von den Essensbehältern, und das Fahrrad rollte durch die Vorstadt, vorbei an den immer gleichen Häusern, den immer gleichen Vorgärten, den immer gleichen kleinen Leben, die sich mit erstaunlicher Ausdauer wiederholten.

Doch schon nach wenigen Minuten bemerkte ich etwas.

Zuerst nur undeutlich. Eine kleine Verschiebung im Inneren dieses Körpers. Keine körperliche Schwäche. Kein Schmerz. Eher ein Fehlen.

Etwas war nicht mehr da. Nicht sichtbar. Nicht benennbar. Und gerade deshalb umso bedrückender. Es fühlte sich an wie ein Raum, den man jahrzehntelang betreten hatte und der plötzlich leerstand. Als hätte irgendwo eine Maschine aufgehört zu arbeiten, deren leises Summen man nie bewußt wahrgenommen hatte, bis es fehlte.

Verlust.

Das Wort kam langsam. Und mit ihm eine Traurigkeit, die keinen konkreten Gegenstand brauchte. Keine Erklärung. Kein Bild. Nur dieses dumpfe Wissen: Etwas, das immer dagewesen war, existierte plötzlich nicht mehr.

Ich trat langsamer in die Pedale. Der Wind war kühl heute. Dünn. Die Welt wirkte matter, als hätte jemand eine unsichtbare Schicht Staub über sie gelegt.

Dann erschien das Kloster. St. Gertrudis vom Ewigen Licht. Die gotischen Mauern ragten grau und unbeweglich in den Himmel, die Spitzbogenfenster dunkel wie geschlossene Augen. Der kleine Innenhof lag still zwischen Garten, Atelier und der Kapelle, deren schmaler Glockenturm aussah, als wolle er sich noch ein letztes Mal gegen die Zeit aufrichten.

Doch heute war etwas anders. Keine Bewegung. Keine Stimmen. Nicht einmal das langsame Rollen eines Rollstuhls.

Ich stellte das Fahrrad ab und trat mit der Essensbox hinein. Der Speisesaal war leer. Der lange Tisch stand bereit, Teller und Besteck ordentlich ausgelegt, als warteten sie geduldig auf Menschen, die sich verspäteten. Das Licht fiel schräg durch die hohen Fenster herein und legte blasse Rechtecke auf den Boden.

Niemand da.

Ich wartete. Fünf Minuten. Dann zehn.

Schließlich stellte ich die Box ab.

Und plötzlich wußte ich es. Natürlich.

Ich ging hinaus. Über den Flur. Durch den stillen Innenhof. Direkt zur Kapelle. Schon bevor ich eintrat, hörte ich es. Dieses leise, flüsternde Murmeln.

Gebete.

Die Kapelle lag im kalten Halbdunkel. Kerzen brannten vor dem Altar und warfen ein zitterndes Licht auf die alten Holzbänke, auf die steinernen Wände, auf den geschnitzten Gekreuzigten hinter dem Altar, dessen ausgemergelter Körper wirkte, als würde er sich noch immer unter einer Last krümmen, die längst vergangen sein müßte.

Die Nonnen knieten dort. Alle fünf. Den Rosenkranz in den Händen, dicht an ihre Münder gedrückt, die Lippen unaufhörlich flüsternd in Bewegung. Ihre Stimmen vermischten sich zu einem einzigen leisen Strom aus Bitten, Erinnerungen und Erschöpfung.

Und in der Mitte der Kapelle stand ein offener Sarg. Blütenweiß ausgeschlagen.

Darin lag Schwester Oberin Gundula. Tot.

Ich blieb stehen.

Sie wirkte kleiner als bei unserer letzten Begegnung. Fast durchsichtig. Das pergamentene Gesicht war geglättet, die hyperblauen Augen nun geschlossen, und tatsächlich lag etwas um ihren Mund, das entfernt an ein Lächeln erinnerte. Nicht Triumph. Nicht Freude. Eher die stille Erleichterung eines Menschen, der endlich etwas Schweres abgestellt hat.

Ich trat näher. Lange betrachtete ich sie. Und diesmal bekreuzigte ich mich richtig. Nicht aus Nachahmung. Nicht aus Ironie. Sondern weil plötzlich alles andere unangemessen erschienen wäre.

Jemand berührte sanft meine Schulter. Ich drehte mich um. Eine der alten Nonnen stand hinter mir, so schmal und zerbrechlich, als hätte ein stärkerer Windstoß genügt, um sie fortzutragen.

„Tom, lieber Junge“, sagte sie leise. „Es ist gestern passiert.“ Ihre Augen wurden feucht. „Sie schlief ganz friedlich ein. Fast mit einem Lächeln im Gesicht. Als würde sie sagen: Es ist vollbracht.“ Sie schluckte schwer. „Ich wünschte, so würde es auch mit mir zu Ende gehen.“

Ich wußte nicht, was ich antworten sollte. Zum ersten Mal nicht deshalb, weil mir die Menschen fremd waren, sondern weil jedes Wort plötzlich zu klein erschien.

Die alte Nonne griff unter ihren Habit. „Ach Tom … bevor sie sich zum letzten Mal ins Bett legte, gab sie mir das hier.“ Sie zog einen weißen Briefumschlag hervor. Nicht zugeklebt. Darauf stand in zittriger Schrift: TOM

„Sie sagte, es wäre für dich bestimmt.“

Ich nahm ihn entgegen. Der Umschlag fühlte sich überraschend leicht an. Fast gewichtslos. Und doch hatte ich plötzlich Mühe zu atmen.

Ich verließ die Kapelle und setzte mich draußen auf die kalten Klosterstufen. Der Himmel über dem Innenhof war farblos geworden. Irgendwo bewegten sich langsam die Äste eines Baumes im Wind.

Ich öffnete den Umschlag. Darin lag ein gefaltetes Blatt Papier. Mehr nicht. Ich faltete es auseinander. In der Mitte stand, mit krakeliger, zittriger Schrift: „Der beste Platz …“ Sonst nichts. Nur unten eine Zeichnung. So kindlich, daß sie beinahe wehtat.

Ein kleines Mädchen im Röckchen, mit lachendem Mund und hochgestreckten Strichmännchen-Armen. Darüber eine lachende Sonne.

Ich starrte darauf. Und plötzlich brach etwas in mir auseinander. Nicht langsam. Nicht würdevoll. Sondern brutal. Die Tränen schossen aus meinen Augen, heiß, unkontrollierbar, in einer Gewalt, die mich selbst erschreckte. Kein stilles Weinen. Kein melancholisches Zittern. Es war ein körperlicher Zusammenbruch. Der Atem stolperte. Der dünnflüssige Rotz lief mir aus der Nase. Mein Brustkorb verkrampfte sich, als würde etwas darin mit bloßen Händen zusammengedrückt.

Jetzt verstand ich es. Verlust. Nicht als Begriff. Nicht als philosophische Idee. Sondern als Verstümmelung. Etwas war aus der Welt verschwunden, unwiderruflich, und nichts würde diese Form jemals wieder herstellen können.

Ich weinte so heftig, daß meine Sicht verschwamm. Die Mauern des Klosters lösten sich auf. Der Himmel zerfloß. Und in dieser Unschärfe sah ich plötzlich das Universum.

Tief draußen, fern hinter allen bekannten Sternfeldern: das System Epsilon-Kappa-19-Orpheus. Louis hatte davon erzählt. Von meinem Cola-Dosen-Malheur. Ein Sonnensystem, das auseinandergebrochen war.

Und nun sah ich es. Langsam. In furchtbarer Schönheit. Die Sonne blähte sich auf wie ein riesiges, glühendes Organ, das plötzlich zu viel Schmerz in sich trug. Ihre Oberfläche riß auf, kilometerhohe Feuerzungen schleuderten sich lautlos ins All, während die Planeten um sie herum erst beschleunigten, dann taumelten, dann aus ihren Bahnen gerissen wurden wie Kieselsteine in einer Explosion göttlicher Gewalt. Ganze Kontinente brachen auseinander. Ozeane verdampften in weißen Dampfwolken, die sofort wieder vom schwarzen Vakuum verschlungen wurden. Einer der Gasriesen platzte förmlich auf; seine gewaltigen Atmosphärenschichten wurden wie farbige Seidentücher in die Dunkelheit hinausgerissen, während sein Kern implodierte und sich zu einem glühenden Fragment zusammenfaltete. Trümmer von der Größe kleiner Monde schleuderten lautlos aneinander vorbei, kollidierten, zerbarsten erneut, Milliarden Tonnen Gestein, Eis und Metall, die sich in einem majestätischen, vollkommen gleichgültigen Tanz gegenseitig vernichteten. Und während alles explodierte, implodierte es gleichzeitig. Ein kosmischer Zusammenbruch. Ein Sterben von solcher Größe, daß selbst Zeit für einen Augenblick stillzustehen schien.

Dann … Ruhe. Die Trümmer drifteten langsam auseinander. Das Licht wurde schwächer. Und am Ende blieb nur noch eine einzige kleine Sonne. Still. Einsam.

Und ein kleiner Planet ohne einen Mond, der sie umkreiste.

Langsam hob ich den Kopf.

Die Tränen liefen noch immer über mein Gesicht.

„Gundula“, flüsterte ich. Und gab ihm ihren Namen.

Ich stellte die leere Essensbox auf den langen Tisch im Speisesaal. Die fünf Nonnen waren noch immer in der Kapelle. Oder bei Gundula. Oder bei dem, was von Gundula übriggeblieben war.

Die Zeichnung lag zusammengefaltet in meiner Jackentasche. Ich spürte sie dort wie einen kleinen Stein.

Und dann geschah etwas Merkwürdiges. Trauer blieb selten allein. Menschen erzählten sich gern Geschichten über Verlust. Über Würde. Über Loslassen. Über stille Akzeptanz. Doch das war nur die halbe Wahrheit. Vielleicht nicht einmal das.

Oft entstand aus Verlust Wut. Sehr viel häufiger, als sie bereit waren zuzugeben. Denn Trauer war schwer zu tragen. Wut dagegen war leicht. Wut hatte Richtung. Sie brauchte keine Antworten. Nur ein Ziel. Einen Schuldigen. Jemanden, auf den man zeigen konnte.

Und während ich über die leeren Klostergänge ging, während die Rosenkränze hinter den Mauern weiterflüsterten, begann etwas in mir nach einem solchen Schuldigen zu suchen. Irgendwo verbanden sich dann plötzlich die Fäden. Der Tod und das Gespräch über Tabus: Marlis. Der Architekt. Frank. Der Mann, der sich aus dem Leben seiner Tochter davongestohlen hatte. Der Mann, dessen Tat dieser Körper schon seit einiger Zeit wie einen schlecht verheilten Splitter mit sich herumtrug. Die Wut fand eine Richtung. Und Richtungen waren für Wut ungefähr das, was Sauerstoff für Feuer war.

Eine Stunde später fuhr ich durch den neu errichteten Industriepark am Stadtrand. Und staunte. Die Stadt selbst war ein müder Organismus aus bröckelndem Putz, kaputten Bushaltestellen, Spielhallen, Imbißbuden und Menschen, die sich mit erstaunlicher Beharrlichkeit durch ihre Enttäuschungen schleppten.

Hier dagegen wirkte alles wie aus einer anderen Realität. Breite Straßen. Makellose Gehwege. Rasenflächen von einem Grün, das fast beleidigend wirkte. Künstliche Seen, deren Wasser so sauber war, daß es aussah, als würde man es jede Nacht heimlich austauschen. Junge Ahornbäume. Zierkirschen. Kunstobjekte aus Stahl und Glas. Keine Graffiti. Kein Müll. Nicht einmal Hundekot.

Ich verlangsamte.  Wenn Menschen genug Geld haben, dachte ich, schaffen sie es plötzlich doch, nicht wie Schweine zu wohnen.

Ich blickte auf die spiegelnden Fassaden. Vielleicht war das der eigentliche Unterschied zwischen Arm und Reich. Nicht das Geld. Sondern die Menge an Häßlichkeit, die man sich leisten konnte zu vermeiden.

Das Gebäude erhob sich am Ende eines kleinen Platzes. Ein postmoderner Koloß aus Glas, Granit und selbstbewußter Architektur. Breite Freitreppen. Gebogene Fensterfronten. Metallene Säulen. Alles wirkte ein wenig so, als hätte jemand eine Bank, ein Kunstmuseum und einen Größenwahn miteinander gekreuzt.

Im Foyer stand eine große schwarze Anzeigetafel. Ich trat näher.

Stockwerk 1

AURUM CONSULTING

Wir machen Zukunft berechenbar.

Daneben ein goldenes Logo, das aussah wie eine stilisierte aufgehende Sonne.

Stockwerk 2

NOVA DESIGN STUDIO

Marken, die bleiben.

Ein silbernes N.

Stockwerk 3

SEIBERT ARCHITEKTEN

Darunter:

Wir bauen Räume für das Leben, das Sie verdienen.

Ich verzog das Gesicht. Der Aufzug brachte mich lautlos nach oben. Dritter Stock. Ein langer Flur. Helles Holz. Weiße Wände. Großformatige Architekturfotografien. Menschen liebten es offenbar, Bilder von Gebäuden aufzuhängen, in denen sie nicht wohnten. Am Ende des Ganges fand ich die Glastür.

SEIBERT ARCHITEKTEN

Ich klingelte, und eine junge Frau öffnete. Busineßkostüm. Perfekte Frisur. Ein Lächeln, das vermutlich jeden Morgen gemeinsam mit den Schuhen angezogen wurde.

„Guten Tag.“

„Guten Tag“, sagte ich.

„Ich würde gern mit Herrn Seibert sprechen.“

„Haben Sie einen Termin?“

„Nein.“

„Wie heißen Sie?“ Sie musterte mich kurz. In der Tat war ein sechzehnjähriger Junge mit Fahrradjacke nicht die typische Kundschaft.

Dann erklang eine Stimme aus dem Inneren des Großraumbüros.

„Tom? Tom!“

Ich blickte über die linke Schulter der Dame. Am größten Schreibtisch des Raumes hatte sich jemand erhoben.

Frank Seibert war einer jener Männer, die offenbar mit einem stillschweigenden Sondervertrag mit der Zeit geboren worden waren. Vermutlich Ende vierzig, vielleicht sogar Anfang fünfzig, und doch wirkte er eher wie jemand, der gerade von einem gelungenen Tenniswochenende zurückkehrte. Sein volles, dunkelblondes Haar zeigte keine Spur jener schleichenden Verwüstung, mit der das Alter die meisten Männer zuerst angriff. Die Haut war gebräunt, aber nicht die künstliche Bräune eines Solariums, sondern jene teure, glaubwürdige Mallorca-Bräune von Menschen, die sich regelmäßig dort aufhielten, wo andere nur Urlaub machten. Seine Zähne waren makellos, sein Lächeln selbstverständlich, als hätte ihm nie jemand beigebracht, an sich selbst zu zweifeln. Selbst die kleinen Fältchen um seine Augen wirkten nicht wie Spuren von Sorgen, sondern wie Auszeichnungen für ein gelungenes Leben.

Er trug ein hellblaues Hemd, dessen Ärmel lässig bis zu den Unterarmen hochgekrempelt waren. Die Unterarme selbst sahen aus, als würde ihr Besitzer nicht nur über Fitneß reden, sondern tatsächlich etwas dafür tun. Nichts an ihm wirkte angestrengt. Nichts verzweifelt. Er gehörte zu jener seltenen Sorte Mensch, die einen Raum betrat und sofort den Eindruck erweckte, sie habe dort bereits Hausrecht. Frauen mochten ihn vermutlich sofort. Männer taten oft so, als würden sie ihn nicht mögen, bemühten sich aber unbewußt darum, von ihm gemocht zu werden.

Das Ärgerlichste an Frank Seibert war jedoch nicht sein Aussehen. Es war die Tatsache, daß er dabei auch noch sympathisch wirkte. Nicht geschniegelt. Nicht arrogant. Sondern auf diese lockere, sonnige Weise, die den Verdacht aufkommen ließ, das Leben habe ihn über Jahrzehnte hinweg konsequent bevorzugt.

„Tom! Bist du das?“ Frank winkte. „Laß ihn rein, Doro.“

Die Frau trat zur Seite.

„Komm rein. Komm rein!“

Ich betrat das Büro. Überall saßen Mitarbeiter vor riesigen Monitoren. Komplexe Baupläne leuchteten darauf. Linien. Schnitte. Grundrisse. Digitale Kathedralen. Menschen verbrachten offenbar Jahre damit, Räume zu planen, in denen andere Menschen später über ihre Scheidungen diskutieren würden. Ein seltsames Geschäft.

Ich ging zum Schreibtisch. Frank stand auf. Lächelte. Und reichte mir die Hand.

„Freut mich, dich zu sehen. Ich kenne deine Mutter von den Elternsprechabenden. Und ich weiß natürlich, daß Marlis und du befreundet seid.“

Er grinste.

„Sag nichts. Ich weiß schon, warum du hier bist.“

Mir wurde schlagartig mulmig zumute.

Das wissen Sie, Herr Seibert?“

„Nenn mich Frank.“ Er winkte ab. „Dieses blöde Siezen sparen wir uns für unsere Kunden auf.“

Dann lehnte er sich zurück. Selbstsicher. Entspannt. Gefährlich entspannt.

„Natürlich weiß ich, warum du hier bist.“

„Tatsächlich?“

„Natürlich.“ Er verschränkte die Arme.

Frank lachte. Und genau das überraschte mich. Daß dieser Mann die Sache mit Marlis völlig offen vor seinen Mitarbeitern aussprach. Ohne Nervosität. Ohne jede Spur von Scham. Als hätte man einen Menschen aus Teflon gebaut. Nichts blieb an ihm haften.

„Marlis hat es mir erzählt. Bei euch in der Schule war doch diese Berufsberaterin.“

Ich schwieg.

Frank nickte zufrieden. „Und jetzt erkundigst du dich bestimmt nach einem Schulpraktikum, weil du dich für Architektur interessierst.“ Er zeigte mit dem Finger auf mich. „Habe ich recht oder habe ich recht?“

Ich betrachtete ihn. Lange. Dann lächelte ich. „Ins Schwarze getroffen, Frank.“

„Na also! Komm“, sagte er. „Wir machen einen kleinen Spaziergang.“ Er griff nach einem Jackett. „Man darf hier nämlich nicht rauchen.“ Er verzog das Gesicht zur Grimasse eines Wüterichs. „Auch wenn ich der Chef bin.“ Er schüttelte den Kopf.

Ich folgte ihm. Und während wir gemeinsam Richtung Aufzug gingen, spürte ich, wie die Wut in mir langsam das Haupt erhob. Nicht mehr als Feuer. Noch nicht. Aber bereits als etwas anderes. Als Geduld. Und Geduld war oft die gefährlichere Form von Wut.

Wir verließen das Gebäude und traten hinaus in die künstliche Landschaft des Industrieparks. Inzwischen hatte sich etwas am Himmel verändert. Die dichte graue Wolkendecke, die den ganzen Tag wie ein schlechtgelaunter Verwalter über der Welt gehangen hatte, bekam plötzlich einen Riß. Erst einen schmalen. Dann einen breiteren. Und schließlich brach die Sonne hindurch. Nicht vorsichtig. Nicht tastend. Sondern mit voller Gewalt.

Innerhalb weniger Sekunden verwandelten sich die Glasfassaden der Bürogebäude in riesige Spiegel. Die künstlichen Seen begannen zu glitzern, als hätte jemand Diamantenstaub darüber gestreut. Die jungen Ahornbäume warfen scharfe Schatten auf die perfekt geschnittenen Rasenflächen, und selbst die Betonwege wirkten plötzlich freundlicher, als sie es vermutlich verdienten.

Frank zog eine Zigarettenschachtel aus der Jacke. Mit jener routinierten Bewegung eines Menschen, der diesen Vorgang schon tausende Male vollzogen hatte. Das Feuerzeug klickte. Die Flamme erschien. Ein tiefer Zug. Dann stieß er den Rauch langsam aus.

„Nicht daß du denkst, ich wäre ein Kettenraucher oder so etwas, Tom.“ Er grinste. „Ich rauche höchstens zehn Zigaretten am Tag. Zuhause sowieso nicht. Nicht einmal im Garten. Meine Frau würde mich sonst töten.“ Er lachte. Ein angenehmes Lachen. Die Sorte Lachen, bei der andere automatisch mitlachen wollten.

„Aber der Druck hier ist manchmal enorm. Es geht um Millionen. Um zig Millionen. Wenn bei einem unserer Projekte etwas schiefgeht, wird das nicht mit einem Rotstift korrigiert. Dann stehen plötzlich Banken, Investoren, Bauherren und Anwälte vor der Tür.“

Er zog erneut an der Zigarette. „Da wird selbst ein friedlicher Mensch gelegentlich rückfällig.“

„Ich verstehe, Frank.“

Ich betrachtete das Wasser des kleinen Sees. Wie vor ein paar Tagen den anderen den echten See.

„Eigentlich wollte ich mit dir auch nicht über deinen Zigarettenkonsum sprechen, sondern …“

„Ach ja.“ Frank schnippte etwas Asche auf den Weg. „Die Architektur.“ Er deutete mit der Zigarette auf mich. „Super Sache. Marlis interessiert sich nur für TikTok und diese Irren da darin. Aber wir beiden Männer sind aus altem Holz, was?  Du aus jungem altem Holz und ich …“ Er lachte wieder. „Naja, ist ja auch egal.“

Wir gingen weiter. Vor uns spiegelte sich die Sonne auf einer Glasfassade so hell, daß man kurz die Augen zusammenkneifen mußte.

„Was interessiert dich denn an Architektur wirklich, Tom?“ Frank sah mich von der Seite an. „Ich muß das leider wissen, wenn ich dir eine Praktikumsstelle geben soll.“ Er hob den Finger. „Übrigens: Bei mir wird jeder anständig bezahlt. Auch der Praktikant. Ich halte nichts von diesem Ausbeutungs-Scheiß.“

Ich nickte. Natürlich hatte ich genau das erwartet. Frank Seibert war offenbar einer jener Menschen, die sogar ihre Tugenden mit einer beneidenswerten Selbstverständlichkeit zur Schau stellten.

„Was mich besonders an der Architektur interessiert, Frank, ist die Statik.“

Frank blieb beinahe stehen. „Wow!“ Er war völlig überrascht. „Also das hätte ich jetzt nicht gedacht.“

Wir gingen weiter.

„Ich dachte, junge Leute stehen auf völlig abgefahrene Gebäude. Irgendwelche verdrehten Glaswürfel oder Häuser, die aussehen wie explodierte Toaster. Und natürlich auf die Verteufelung der alten Säcke wie mich, die bis jetzt alles falsch gemacht haben.“ Er deutete auf die modernen Bürogebäude. „Dabei bauen wir hier als Brot-und-Butter-Geschäft hauptsächlich funktionale Sachen. Bürogebäude. Kindergärten. Ärztehäuser. Parkhäuser. Manchmal sogar schnöde Supermarktparkplätze. Die Villa eines arabischen Star-Rappers landet eher selten auf meinem Schreibtisch – also überhaupt nicht.“

Frank zog an seiner Zigarette. „Und warum gerade die Statik?“

Ich blickte geradeaus. Die Sonne spiegelte sich auf dem Wasser. Eine Ente zog ihre Bahn durch den künstlichen See. Für einen Moment dachte ich wieder an Gundula.

Dann sagte ich: „Weil die Statik alles zusammenhält.“

Frank nickte zunächst beiläufig.

Ich sprach weiter. „Statik ist eigentlich wie eine Familie.“

Er sah mich an. „Eine Familie?“

Meine Stimme blieb ruhig. Fast zu ruhig. „Eine Familie ist so etwas wie ein Haus.“ „Jeder Mensch darin übernimmt irgendwann eine bestimmte Last. Manche tragen mehr. Manche weniger. Manche merken gar nicht, daß sie überhaupt tragen.“

Frank rauchte. Schwieg.

„Und wenn die Statik richtig berechnet wurde, bleibt das Gebäude stehen. Jahrzehnte. Vielleicht Jahrhunderte. Aber wenn jemand die Berechnung falsch macht … Oder wenn jemand absichtlich eine tragende Wand entfernt …“

Frank hörte nun aufmerksam zu.

„Oder wenn jemand die Grundlast ignoriert. Das Fundament. Das Vertrauen. Die Dinge, an denen sich alle anderen orientieren.“

Ein leichter Wind strich über den See. Die Sonne verschwand kurz hinter einer Wolke und tauchte alles für einen Augenblick in ein gedämpfteres Licht.

„Dann passiert etwas Merkwürdiges.“ Ich blieb stehen. „Das Gebäude stürzt meistens nicht sofort ein. Zuerst entstehen kleine Risse.“

Ich sah ihn jetzt direkt an.

„Dann weitere.“ Die Wut war noch immer da. Aber jetzt war sie kalt. Fast höflich. „Manchmal vergehen Jahre. Von außen sieht alles vollkommen normal aus. Die Fassade glänzt. Die Fenster sind sauber. Die Bewohner lächeln. Alles scheint in Ordnung. Aber tief im Inneren arbeitet die falsche Statik weiter. Unaufhörlich. Tag und Nacht.“

Frank hatte aufgehört zu rauchen.

Die Zigarette glomm zwischen seinen Fingern. „Und irgendwann“, sagte ich leise, „kommt der Tag, an dem das ganze Gebäude zusammenbricht. Nicht wegen des letzten Risses. Sondern wegen des ersten.“

Der Wind bewegte die Wasseroberfläche. Die Sonne trat erneut hervor. Und plötzlich hatte ich das komische Gefühl, daß Frank Seibert genau verstand, worüber hier eigentlich gesprochen wurde. Nicht über Häuser. Nicht über Architektur. Sondern über etwas, das zwischen uns ging wie ein unsichtbarer Dritter.

Wir beiden standen uns nun an dieser Stelle gegenüber, als hätten wir uns vorher genau hier verabredet.

„Du hast mich schon verstanden, Frank. Marlis ist schwanger. Von dir. Du weißt schon, das Geburtstagsvergnügen.“

Mit einem Mal verstand ich den Begriff der Genugtuung in seiner tiefen Bedeutung.

„Aber kennst du das, Frank? Während man miteinander über eine bestimmte Sache redet, fliegen einem völlig andere Dinge durch den Kopf. Hat nichts mit Langeweile zu tun, du bist echt ein – wie sagt man? – inspirierender Typ.  Doch hast du schon mal über diese Verwirrten und Irren gelesen, die sich mit Benzin übergießen und dann selbst entzünden? Eine glimmende Zigarette genügt schon.“

Ich schnippte mit dem Finger.

Er kam nur noch dazu „Was?!“ auszurufen und fing dann sofort Feuer. Der ganze Mann stand plötzlich in Flammen, war eine brennende Fackel.

„Keine Sorge, Frank“ sagte ich. „Es ist nur … eine Demonstration. Weil du ein Tabu gebrochen hast, das für Menschen von immenser Bedeutung ist. Keine Sorge, ist gleich vorbei. Ertrage es wie ein Mann aus `altem Holz´.“

Der brennende Frank wedelte mit seinen Flammenarmen wie ein kaputtes Blechspielzeug und gab einen röchelnden, abartigen Schrei von sich. Ich sah, wie sich seine Gesichtshaut in Sekundenschnelle auflöste.

„Ich hab mal in einem Medizinbuch gelesen, das auf solche Fälle detailliert eingeht.“  sagte ich. „Also physikalisch und biologisch passiert Folgendes: Der Körper gerät innerhalb kürzester Zeit in einen extremen Ausnahmezustand. Das Nervensystem wird von massiven Schmerzsignalen überflutet. Adrenalin und andere Streßhormone werden ausgeschüttet. Kreislauf, Atmung und Bewußtsein können rasch beeinträchtigt werden. Schwere Verbrennungen führen zu einem lebensbedrohlichen Schockzustand.“

Der brennende Frank fiel auf die Knie wie ein Gläubiger beim Erscheinen des Heilands … und brannte weiter.

„Und subjektiv … aber das weißt du ja jetzt.“

Schließlich kippte der Feuer-und-Flamme-Mann vornüber, als wolle er den Boden küssen.

Ich schnippte wieder mit dem Finger, und es war alles wieder so, als wäre nichts passiert. Der gutangezogene Frank lag wohlbehalten und in sich zusammengebrochen mit dem Gesicht auf dem Kiesweg.

„Du wirst es wieder in Ordnung bringen, Frank. Aber nicht später, jetzt gleich. Du läßt alles stehen und liegen und fährst sofort nach Hause, sagst es deiner Frau und gestehst ihr alles. Und dann verschwindest du aus der Statik dieser Familie. Aber du verschwindest nicht einfach so. Du wirst mit deinem Vermögen weiterhin dein Leben lang für sie aufkommen. Wenn nicht, denk an mein Medizinbuch. Marlis bekommt das Kind. So luxuriös wie es keine junge Mutter ein Kind bekommen hat. Danach wird sie wieder zur Schule gehen.“

Dann spazierte ich wieder zu meinem abgestellten Fahrrad zurück. Und während ich ging, erschien erneut die Lichtsäule vor mir. Unscharf und zitternd. Oben grün, in der Mitte gelb, unten rot: 95, 007 %.

 

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