ER macht Urlaub 10  (Fortsetzung)

Roman von Akif Pirinçci

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Das Kommunikationsinstrument klingelte. Zunächst wußte ich nicht, was dieses Geräusch bedeutete. Ich lag in der Dunkelheit, und alles um mich herum war schwarz. Nicht die große, reine Schwärze des Alls, sondern eine dumpfe, warme, stickige Schwärze, die nach Bettwäsche, Zimmerluft und einem fremden Körper roch, der heute Nacht offenbar beschlossen hatte, nicht mehr ordnungsgemäß zu funktionieren.

Langsam kehrte die Welt zurück. Mein Zimmer. Das schmale Bett. Der Schreibtisch im Halbdunkel. Die Regalbretter an der Wand, auf denen Toms kümmerliche Habseligkeiten standen wie Beweisstücke aus einem Leben, das mir nur geliehen war. Nicht zu vergessen das Poster von der Heavy-Metal-Band dort, auf dem vier Typen in SM-Lederoutfit zu sehen waren, offenbar photographiert nach ihrem Erfrischungsbad in einem unter Strom stehenden Schwimmbecken.

Ich lag in meinem eigenen Bett. Wie ich hierhergekommen war, wußte ich nicht. Das Letzte, woran ich mich erinnerte, war der Krankenhausflur. Die Lichtsäule. Diese gelbe, unerbittliche Zahl. Dann der Boden. Dann nichts mehr.

Hatte mich jemand gefunden? Die Herstellerin? Ein Pfleger? Ein Nachtwächter? Hatte man mich nach Hause gebracht? Hatte ich selbst den Weg gefunden wie ein beschädigtes Tier, das instinktiv in seinen Bau zurückkriecht? Ich wußte es nicht.

Mein Körper gab keine Auskunft. Er beschwerte sich nur.

Ich bewegte den Kopf. Ein Fehler. Sofort meldeten sich die Schmerzen, nicht mehr so brüllend wie gestern Nacht, aber noch immer mit jener beleidigten Beharrlichkeit, die Menschen offenbar als Heilungsprozeß bezeichneten. Mein Gesicht spannte. Die Rippen schmerzten bei jedem Atemzug. Mein Knie pochte dumpf unter der Decke. An mehreren Stellen klebten Pflaster auf der Haut. Irgendwo war Mull. Irgendwo Verband. Irgendwo die Arbeit von Händen, die mich offenbar gereinigt, versorgt und wieder in dieses Bett gelegt hatten. Von wem auch immer.

Das Kommunikationsinstrument klingelte weiter. Ich tastete zur Kommode und knipste die kleine Nachtlampe an. Ein schwacher gelblicher Kreis breitete sich im Zimmer aus. Ich nahm das Gerät in die Hand. Auf dem Display stand: Bettie. Mit einem Schlag war ich hellwach.

Ich nahm das Gespräch an. „Bettie?“ Am anderen Ende hörte ich nichts als Weinen. Nein, nicht Weinen. Ein schreiendes Schluchzen. Ein Heulen, das so tief aus ihr herauskam, daß es nicht mehr wie ein Geräusch klang, sondern wie ein Riß.

„Bettie?“

Keine Antwort. Nur dieses furchtbare, zerhackte Atmen.

„Bettie, Bettie, was ist los? Ist die Operation vorbei? Es tut mir so leid, daß ich davor deine Hand nicht halten konnte. Ich bin gestern nacht mit dem Fahrrad gestürzt.“

„… Tom …“ Ihr Schluchzen klang wie ein Schluckauf, der sich verirrt hatte. „… Tom, es ist etwas passiert. Etwas … etwas …“

„Was?“

„Vor der OP haben sie mich noch mal in diese Röhre geschoben. Für die letzten MRT-Bilder. Damit sie die letzte exakte Position von dem Scheiß-Tumor sehen konnten.“ Sie begann wieder zu heulen. „Tom … ach Tom …“

Ich hielt das Gerät fester. „Und?“

„Tom … Tom, lieber Tom …“ Dann brach ihre Stimme. „Er ist weg!“

Ich sagte nichts.

„Der Tumor ist weg. Fast weg. Die Kernspin-Aufnahmen zeigen keinen richtigen Tumor mehr. Nur noch einen mikroskopisch kleinen Rest. Und selbst der löst sich stündlich weiter auf.“

Für einen Moment hörte ich nur mein eigenes Herz. „Was meinst du damit, er ist weg?“

„Ich meine weg, Tom! Verschwunden!“ Sie lachte plötzlich. Ein vollkommen zerbrochenes Lachen. Dann weinte sie wieder. „Es ist ein Wunder. Es ist ein Wunder! Die Ärzte haben keine Erklärung dafür. Erst dachten sie, der Apparat wäre kaputt. Ist er aber nicht. Sie sagen natürlich nicht, es wäre ein Wunder. Die sagen irgendwas von spontaner Rückbildung und Abwehrkräften meines jungen Körpers und was weiß ich.“ Sie schniefte laut. „Aber ich sehe es ihren Gesichtern an. Die denken es auch. Die denken alle: Das gibt es nicht, das ist ein Wunder!“

Ich schloß die Augen.

„Ach Tom“, sagte sie, und jetzt brach alles aus ihr heraus, „das Leben ist schön. Das Leben ist so wunderschön!“

Etwas in mir wurde still. Ganz still, nicht leer, nicht kalt, nur still. „Bettie“, sagte ich leise. „Süße Bettie-Maus. Ich freue mich so sehr für dich. Verdammt, das ist die Untertreibung einer Untertreibung. Ich freue mir für dich den Arsch ab, Bettie. Ich feiere dich.“

Am anderen Ende begann sie wieder zu heulen. Aber es war nicht mehr dasselbe Heulen. Es war das Heulen eines Menschen, dem die Zukunft zurückgegeben worden war.

„Das Beste ist“, brachte sie schließlich heraus, „ich fühle mich wieder topfit. Also beinahe. Ich habe eben die ganze Krankenhauskantine leergefressen. Tut mir leid, Leute, für euch ist nix mehr da!“ Sie lachte und heulte gleichzeitig.

Ich lachte mit. „Ja, ja, ja, für euch ist leider nichts mehr da, Leute! Wonder Woman hat alles aufgefressen!“ Das Lachen schoß mir in die Rippen. Ich verzog das Gesicht. Der menschliche Körper hatte wirklich kein Gespür für feierliche Momente.

„Und weißt du, was ich als erstes getan habe, nachdem ich es erfahren habe, Tom?“

„Was?“

„Ich habe mir bei Amazon eine Perücke bestellt.“

„Das hast du nicht.“

„Natürlich habe ich das. Damit laufe ich rum, bis das Stroh auf der Platte wieder gewachsen ist.“

Ich prustete los. „Bettie!“

„Was denn? So wie es jetzt aussieht, soll ich in drei Tagen hier entlassen werden. Glaubst du, ich komme in die Schule wie Vin Diesel zurück und gönne den anderen Bitches meinen kahlen Anblick?“

„Eigentlich wäre das ein starker Auftritt.“

„Ja, aber nicht meiner.“ Sie schniefte. „Ich will unbedingt zurück in die Schule. Zu euch. Weißt du, vor dieser Sache habe ich jeden Morgen in die Kloschüssel gereihert, bevor ich dahin mußte. Und jetzt vermisse ich sie. Ich vermisse jeden Einzelnen in diesem Irrenhaus. Sogar die Lehrer.“ Kurze Pause. „Sogar den Kotzbrocken-Louis.“

„Dann muß es ernst sein.“

„Ja.“ Ihre Stimme wurde weicher. „Tom, ich will in den Sommerferien mit dir Urlaub machen.“

Ich sah in das schwache Licht der Nachtlampe. „Urlaub?“

„Ja. Wir fahren irgendwohin. Oder fliegen. Oder gehen zu Fuß, mir egal. Hauptsache Süden. Hauptsache Meer. Seit ich hier bin, habe ich fast 1800 Euro angespart. Eltern, Verwandte, Nachbarn. Mitleidsprofit, weißt schon.“

„Bettie …“

„Nein, hör zu. Du bist nicht mein Lieblingsstalker. Du bist mein Lieblingsmensch.“

Ich sagte nichts.

Auf diesen Satz war ich nicht vorbereitet. Nicht nach Sternen. Nicht nach Galaxien. Nicht nach dem, was ich getan hatte.

„Ich will mit dir schwimmen“, sagte sie. „Und ich will dich wieder beim Kartenspiel bescheißen.“

„Alles, was du willst, Bettie.“ Ich lächelte. „Urlaub ist immer eine schöne Sache. Naja, wie man’s nimmt.“

Sie atmete hörbar aus. Dann wurde sie plötzlich leiser. „Tom?“

„Ja?“

„Da ist noch etwas.“

„Was?“

„Aber halt mich jetzt nicht für bekloppt.“

„Niemals.“

„Ich hatte letzte Nacht einen Traum.“

Mein Körper wurde starr. „Einen Traum?“

„Ja. So einen spooky Traum. So etwas wie eine Ahnung.“ Sie schwieg kurz. „Ich habe geträumt, ich würde mit jemandem tanzen.“

Der astrale Verbrecher hatte Spuren hinterlassen. „Mit wem?“

„Ich weiß es nicht mehr.“ Sie klang jetzt fast enttäuscht. „Ich sah ihn nicht. Oder ich erinnere mich nicht mehr. Er hielt mich nur ganz fest während wir tanzten. Jedenfalls waren da überall Sterne um uns herum. Strahlende Galaxien. Oder wie man die nennt.“

Ich spürte, wie sich meine Finger um das Kommunikationsinstrument schlossen.

„Und dieser Tanz war unheimlich schön“, sagte sie. „Wie so ein seelisches Gleiten oder so. Nicht mit den Beinen. Mehr … innen.“

Ich atmete sehr langsam ein. „Komischer Traum“, sagte ich.

„Ja.“ Dann war sie wieder Bettie. „Oh, Tom, ich kriege schon wieder diesen Wolfshunger. Das ist nicht normal. Komm mich besuchen, so schnell du kannst. Du mußt meine Koffer nach Hause schleppen.“

„Selbstverständlich, Eure Wohlgeborene!“

„Schmatzekuß.“ Ein feuchtes, übertrieben lautes Kußgeräusch. Dann legte sie auf.

Ich hielt das Kommunikationsinstrument noch lange am Ohr, obwohl niemand mehr da war. Im Zimmer war es still. Die Nachtlampe warf ihren gelben Kreis auf die Kommode. Meine Rippen schmerzten, mein Gesicht spannte, mein Knie pochte. Aber all das war weit weg.

Ich legte das Kommunikationsinstrument neben mich und starrte in die Dunkelheit. Und zum ersten Mal seit Beginn dieses sogenannten Urlaubs begriff ich, daß Glück nicht laut sein mußte. Manchmal war es nur ein Zimmer. Eine Nachtlampe. Ein schmerzender Körper. Und eine Stimme am Telefon, die sagte, daß das Leben wunderschön sei. Für einen Augenblick glaubte ich es.

Es klopfte an der Tür.

Bevor ich antworten konnte, wurde sie bereits geöffnet. Die Herstellerin trat ein. Sofort fiel mir auf, daß etwas nicht stimmte. Sie wirkte müde. Nicht die gewöhnliche Müdigkeit nach einer Schicht in der Fischfabrik. Nicht jene alltägliche Erschöpfung, die Menschen mit Kaffee, Hoffnung und Selbstbetrug bekämpfen. Diese Müdigkeit saß tiefer. Sie hatte rote Augen. Und sie versuchte erfolglos, so zu tun, als hätte sie nicht geweint.

Ich richtete mich ein wenig auf. Allein diese Bewegung genügte, um meine Rippen daran zu erinnern, daß sie noch immer beleidigt waren.

„Tom, was machst du für Geschichten?“

„Mama, ich …“

Sie hob sofort die Hand. „Sag nichts. Ich weiß schon alles.“

Ich überlegte kurz. Dann sagte ich: „Mama, im sechzehnten Erdjahr wird das männliche Exemplar des Homo sapiens von großen Mengen Testosteron geflutet, was es dazu veranlaßt, Risiken einzugehen und Weibchen ausdauernd zu beobachten. Gleichzeitig hält es sich für erwachsen, obwohl die für Vernunft zuständigen Hirnregionen noch im Aufbau sind. Häufig erklärt es ein einziges Weibchen zum Mittelpunkt des Universums und verwechselt dessen Lächeln mit einem kosmischen Ereignis. Erstaunlicherweise überleben die meisten Exemplare diesen Zustand unbeschadet.“

Sie schaute mich an. Todernst. „Hältst du das für witzig?“

„Ja.“ Ich dachte kurz nach. „Das heißt nein.“

Sie setzte sich auf die Bettkante. Die Matratze gab unter ihrem Gewicht nach. Plötzlich wirkte sie sehr klein. Sehr verletzlich. Fast so verletzlich wie Bettie gestern Nacht.

„Ich möchte dir etwas sagen, Tom.“ Ihre Stimme war ruhig. Das machte die Sache schlimmer. „Ich habe niemanden außer dich. Keinen einzigen Menschen auf dieser Scheiß-Welt.“

Ich schwieg.

„Keinen einzigen.“ Sie starrte auf ihre Hände. „Wenn du plötzlich nicht mehr da wärst, dann wäre ich auch nicht mehr da. Ich würde es nicht sein wollen.“

Draußen fuhr irgendwo ein Auto vorbei. Für einen Augenblick hörte man nur das leise Brummen seines Motors.

„Ich habe nie Glück gehabt im Leben“, sagte sie.  „Das Glück sah mich immer nur aus der Ferne an und sagte `Du nicht!´. Die größte Summe, die ich jemals im Lotto gewonnen habe, waren sieben Euro.“ Sie lächelte traurig. „Und der Mann, in den ich mich verliebt habe, war gar kein Mann. Er stellte sich als die Attrappe eines Mannes heraus.“

Ich hatte keine Ahnung, was eine Attrappe war. Aber aus dem Zusammenhang ließ sich ableiten, daß es sich nicht um ein Kompliment handelte.

Dann sah sie mich an. Direkt.

„Aber du …“ Ihre Augen wurden feucht. „Als du auf die Welt kamst, da hatte ich im Lotto gewonnen.“ Sie lachte kurz. Eine Sekunde später liefen ihr Tränen über die Wangen. „Ich liebe dich so sehr, Tom.“ Jetzt kamen die Worte nur noch stockend. „Du bist wirklich mein Ein und Alles. Etwas wie angenehm Eingewachsenes.“

Sie beugte sich und gab mir einen Kuß auf die Sirn. Ich sah sie an. Und plötzlich verstand ich etwas. Liebe war offenbar nicht nur ein Gefühl. Liebe war auch Angst. Vielleicht sogar vor allem Angst.

„Wenn dir etwas passiert wäre letzte Nacht …“ Sie brach ab. „Wenn du dabei …“ Mehr brachte sie nicht heraus.

Ich räusperte mich. „Okay, ist gespeichert, Mama.“

Sie schnaubte. „Gespeichert?“

„Ja. Wird archiviert. Mehrfach gesichert. Zusätzlich auf externen Datenträgern abgelegt.“

Trotz allem mußte sie lachen. Ein kleines Lachen. Aber immerhin.

„Wollen wir nicht wieder zum witzigen Teil übergehen?“

„Welcher witzige Teil?“

„Wie ich eigentlich nach Hause gekommen bin.“

Sie wischte sich über die Augen. „Dein Drogendealer hat dich abgeliefert. Er trug dich wie einen eingerollten Teppich über seine Schulter.“

„Wovon redest du? Ich habe keinen Drogendealer, weil ich keine Drogen nehme. Okay, die Wodka-Episode wollen wir unter Lernprozeß eines Heranwachsenden verbuchen.“

„Er sah aber so aus.“ Sie schüttelte den Kopf. „Diese furchterregenden Tätowierungen. Das viele Metall im Gesicht. Diese verrückte Frisur. Er hatte sogar eine Verletzung im Gesicht. Bestimmt eine Schlägerei unter Seinesgleichen.“

„Ach Louis!“

„Und dieser Mantel!“ Sie zeigte empört zur Tür. „Dieser stinkende lange schwarze Mantel! Als hätte er ihn aus irgendeinem Moor gezogen, in dem man im Mittelalter Mörder ersoffen hat.“

Ich lachte laut auf. Meine Rippen fanden das nicht lustig. „Nein, Mama. Das ist ein Schulkamerad. Ein Gruftie. Und so eine Art Fan von mir. Folgt mir überall hin.“

„Fan?“

„Ja. Er ist ein Freak.“

„Das ist die verniedlichendste Beschreibung eines unangenehmen Menschen, die ich je gehört habe.“ Sie schüttelte erneut den Kopf. „Jedenfalls hat das Krankenhaus mich angerufen. Sie sagten, man hätte dich zusammengebrochen auf dem Flur gefunden.“

Mein Lächeln verschwand.

„Ich wollte sofort hinfahren.“ Sie atmete tief durch. „Dann riefen sie wieder an.“

„Und?“

„Du warst verschwunden. Als hätte dich jemand geklaut.“

Nun war es an mir zu schweigen.

„Kannst du dir meine Panik vorstellen?“

Nein, natürlich konnte ich das nicht. Nicht wirklich. Denn niemand hatte jemals Angst um mich gehabt. Vor Tom schon. Vor mir nicht.

„Mama.“ Diesmal meinte ich es ernst. „Es tut mir wirklich leid.“ Sie nickte. „Wird nicht wieder vorkommen. Ich habe eine Bitte.“

„Welche?“

„Laß mich noch ein oder zwei Stunden schlafen.“

Sie musterte mich. „Und dann?“

„Heute liegt ohnehin nichts an. Ich werde einen Ausflug machen.“

„Wohin?“

Ich lehnte mich zurück. Die Rippen protestierten sofort. „Zu meinem Vater.“

„Oh.“ Sofort verdunkelte sich ihr Gesicht.

„Ja.“ Kurze Pause. „Zum Filialengründer.“

Sie verdrehte die Augen so heftig, daß ich kurz befürchtete, sie könnten dauerhaft dort oben steckenbleiben. „Tom.“

„Ja?“

„Wenn du dort hingehst, nimm Bargeld mit.“

„Warum?“

„Falls du unterwegs verhungerst.“

Nach zwei weiteren Stunden Schlaf fühlte ich mich beinahe wie ein neuer Mensch. Nun ja. Ein neuer Mensch mit geprellten Rippen, aufgeschürften Knien und einem Gesicht, das aussah, als hätte es das Wort Asphalt wirklich in seiner ganzen Tragweite verstanden.

Die Herstellerin hatte Seelachs aus der Gefriertruhe gezaubert und ihn in einer Rahmsoße ertränkt, die vermutlich jeden Kardiologen der westlichen Welt in eine tiefe Depression gestürzt hätte.

Ich verschlang alles. Restlos. Mit einer Geschwindigkeit, die selbst mir verdächtig vorkam. Dabei mußte ich immer wieder an Bettie denken. An ihre leergefressene Krankenhauskantine. An ihre Perücke. An ihr hysterisches Lachen. Das Leben war ihr zurückgegeben worden, und ihr erster Gedanke war gewesen, sich Haare zu kaufen. Menschen waren wirklich bemerkenswerte Geschöpfe. Kaum hatte man sie vor dem sicheren Tod bewahrt, wollten sie wieder hübsch aussehen. Ich mochte das.

Als ich schließlich das Haus verließ, fühlte ich mich längst nicht voller Tatendrang. Dafür schmerzte noch zu vieles. Aber die Welt war wieder an ihren Platz zurückgerückt. Die Luft war kühl. Die Sonne stand bleich über den Dächern. Und meine Knochen protestierten nur noch in normaler Lautstärke.

Ich war bereits fast auf der Straße, als ich aus den Augenwinkeln etwas bemerkte. Das Fahrrad. Es lehnte an der Veranda. Und es sah aus wie neu.

Ich blieb stehen. „Louis“, dachte ich. Einen Augenblick betrachtete ich die Maschine. Kein verbogener Rahmen. Kein zerstörter Lenker. Keine Spur des Unfalls.

„Das ist ja ganz nett“, dachte ich weiter, „aber du bist ebensowenig ein Zauberer wie ich. Zauberer leben von Eintrittsgeldern. Wir nicht. Wir leben ausschließlich von unserer Substanz. Keine Eintrittsgelder. Null. Im Gegenteil. Für jeden Trick zahlen wir noch etwas drauf.“ Ich schüttelte den Kopf. „Also denk an die letzte Nacht und haushalte mit deinen Kräften, Digga. Abgesehen davon halte ich dich weiterhin für ein Arschloch mit Allmachtphantasien.“ Ich setzte mich in den Sattel und fuhr los.

Je weiter ich mich von unserem Viertel entfernte, desto trostloser wurde die Welt. Dabei war unser Viertel bereits arm. Aber es war eine ehrliche Armut. Die Menschen dort standen morgens auf. Sie gingen zur Arbeit. Sie stritten sich. Sie verliebten sich. Sie kämpften. Sie träumten von Dingen, die sie sich niemals leisten konnten. Das alles war unerquicklich, aber immerhin lebendig.

Hier dagegen schien etwas anderes geschehen zu sein. Etwas war gestorben. Nicht die Menschen. Etwas darunter, etwas Wichtigeres. Die Straßen wurden breiter und gleichzeitig leerer. Die Häuser höher und gleichzeitig bedeutungsloser. Riesige Plattenbauten erhoben sich links und rechts von mir wie graue Klippen aus Beton. Tausende Fenster blickten auf die Welt hinaus. Doch die meisten wirkten blind. Hinter Gardinen, Rolläden und vergilbten Scheiben schienen Leben stattzufinden, die sich längst vor sich selbst versteckten.

Auf den Bürgersteigen lagen Gestalten in Schlafsäcken und Decken. Manche schliefen. Andere starrten nur vor sich hin. Ihre Gesichter erinnerten mich an Menschen, die an einem Bahnhof auf einen Zug warteten, der vor Jahren abgefahren war. Drogenabhängige bewegten sich durch die Straßen wie Schlafwandler. Langsam und ziellos, als würden ihre Körper noch einem Ziel folgen, das ihre Seelen längst vergessen hatten.

Die Spielplätze zwischen den Häuserblocks wirkten wie aufgegebene Schlachtfelder einer verlorenen Kindheit. Schaukeln hingen schief in ihren Gestängen. Rutschen waren mit Graffiti beschmiert. Zerbrochene Bierflaschen glitzerten im Sand wie die letzten Überreste eines Festes, an das sich niemand mehr erinnerte.

Überall lag Müll. Nicht viel Müll. Zu viel Müll. Jene besondere Menge, bei der eine Gegend beginnt zu verkünden, daß niemand mehr an ihre Zukunft glaubt. Die Graffiti bedeckten nahezu jede freie Fläche. Mauern, Stromkästen, Garagen, Bushaltestellen, Namen, Zeichen, Flüche, Drohungen, Liebeserklärungen. Alles übereinandergeschichtet wie die Sedimentschichten einer Verzweiflung, die Generation um Generation weitervererbt worden war.

Und überall Hundekot. Erstaunlich viel Hundekot. Fast als hätten die Menschen irgendwann beschlossen, wenigstens ihre Hunde sollten sich hier frei entfalten dürfen.

Der Himmel über allem war farblos. Selbst die Sonne wirkte lustlos. Als hätte sie die Gegend längst aufgegeben und würde nur noch aus Gewohnheit erscheinen.

Während ich weiterfuhr, begriff ich langsam etwas über die Menschen. Armut war nicht das Schlimmste, was ihnen passieren konnte. Das Schlimmste war Hoffnungslosigkeit. Armut bedeutete, daß einem etwas fehlte. Hoffnungslosigkeit bedeutete, daß man aufgehört hatte, nach dem Fehlenden zu suchen.

Und genau das schien hier geschehen zu sein. Diese Straßen wirkten nicht arm. Sie wirkten erschöpft. Als hätten sie jahrzehntelang gekämpft und irgendwann beschlossen, daß sich der Kampf nicht mehr lohnte.

Während ich fuhr, blickte ich zufällig zurück – und sah ihn. Einen riesigen schneeweißen Van. Er fuhr hinter mir. Langsam, fast lautlos. Sein Lack glänzte wie frisch gefallener Schnee. Die Fenster waren dunkel getönt. Die Karosserie wirkte so sauber, als würde sie jeden Abend poliert und anschließend gesegnet werden. Das Fahrzeug sah aus, als hätte es sich in der Adresse geirrt. Wie ein Millionär auf einer Obdachlosenversammlung.

Ich hob den linken Arm. Winkte. Das universelle Zeichen für: Überhol doch endlich.

Doch der Van blieb hinter mir. Im gleichen Abstand, im gleichen Tempo.

Ich winkte erneut. Nichts. Er fuhr weiter. Beharrlich und geduldig, fast höflich. Als würde er auf etwas warten.

Schließlich erreichte ich die Siedlung. Sie stammte offenbar aus den sechziger Jahren. Damals hatte sie wahrscheinlich wie die Zukunft ausgesehen. Heute wirkte sie wie deren Ruine. Kleine Reihenhäuser duckten sich aneinander wie erschöpfte Arbeiter nach einer viel zu langen Schicht. Die Fassaden blätterten. Zäune rosteten. Fensterrahmen faulten. Aus allen Richtungen bellten Hunde. Irgendwo schrie eine Frau nach ihren Kindern. Weiter hinten schrie ein Mann nach seiner Frau. Noch weiter hinten schrie die Frau zurück. Ein Fernseher brüllte durch eine offene Tür irgendeinen Schwachsinn in die Welt hinaus. Es klang wie ein Wettbewerb darin, wer am lautesten sinnlos sein konnte.

Dann sah ich ihn.

Sofort. Weil Tom ihn sofort erkannte. Sein Vater. Mein Erzeuger.

Er stand im Vorgarten. Vor einem primitiven Grill. Würstchen brutzelten auf dem Rost. Zu seinen Füßen stand ein halb geleertes Sixpack Bier.

Als Tom klein gewesen war, hatte dieser Mann Hemden getragen. Gebügelte Hemden. Jacken, Rasierwasser, Lächeln.

Die Erinnerung war verblaßt. Der Mann vor mir nicht. Der Mann vor mir war aufgedunsen, fast fett. Er trug ein schmutziges T-Shirt und eine noch schmutzigere Jogginghose. Und er wirkte, als hätte er sich irgendwann vor langer Zeit entschieden, gegen jede Form von Selbstachtung Krieg zu führen.

Aus dem Haus hinter ihm drang Kindergeschrei. Dazwischen Fernsehgelärm. Dazwischen Geschrei. Dazwischen wieder Fernsehgelärm. Es klang wie ein schlecht dirigiertes Orchester des Unglücks.

Der Mann drehte die Würstchen mit einer klebrigen Grillzange um.

Plötzlich sah er mich. Und erkannte mich sofort.

„Tom!“

Ich stieg vom Fahrrad. „Hallo, Papa!“

Sein Blick wanderte sofort zu den Pflastern in meinem Gesicht. „Was ist mit deinem Gesicht passiert?“

„Kleiner Fahrradunfall.“

Instinktiv trat ich näher. Ich wollte ihn umarmen. Doch er wich sofort zurück. Als hätte ich eine ansteckende Krankheit.

„Nicht.“

Ich blieb stehen.

„Man umarmt nur die Guten.“ Er hob die Grillzange wie einen Zeigefinger. „Und nenne mich nicht Papa.“ Kurze Pause. „Jochen genügt. Willst du auch ein Würstchen?“ Er drehte eines mit der Grillzange um. Fett tropfte zischend auf die glühende Kohle und ließ eine kleine Rauchwolke aufsteigen. „Sonderangebot. Sechs Stück für ein Euro achtzig. Da kann man nicht meckern, was?“

„Nein danke. Ich habe gerade fabelhaft bei Mama gegessen.“

Er nickte langsam. „Wie geht’s ihr denn?“

„Soweit, so gut. Wir kommen prima miteinander klar.“

„Ja“, murmelte er. „Allen geht’s gut. Außer denen, denen es nicht gut geht.“ Er nahm einen tiefen Schluck aus seiner Bierflasche. „Tom, wenn du hierhergekommen bist, um Geld zu wollen: Ich habe keins. Ich habe auch keins, wenn nächste Woche das Geld vom Amt gekommen ist. Meine Familie, meine zweite Familie, wir …“

„Ich bin nicht wegen Geld hier, Pa… Jochen. Ich wollte dich nur nach all der Zeit wiedersehen.“

Er lachte trocken. Ein Lachen, das sich anhörte, als würde altes Holz brechen. „Wer will denn ein Stück Scheiße sehen?“ Er sah mich lange an. „Ich weiß ganz genau, was in deinem Kopf vorgeht, Tom. Mir kannst du nichts vormachen. Am liebsten würdest du mich bestrafen. Mir in die Fresse schlagen oder so. Oder etwa nicht? Dafür, daß ich dich und deine Mutter sitzengelassen habe. Keinen Unterhalt gezahlt habe.“ Er spuckte ins Gras. „Aber glaub mir, sie war auch nicht ohne. Ständig lag sie mir in den Ohren. Ich wäre faul. Ich würde die Rausschmisse aus den Jobs in Serie provozieren. Sie hat mich ausgelacht.“

„Dabei bist du doch gar nicht faul. Nicht wahr, Jochen?“

Während ich das sagte, schweifte mein Blick über das Haus. Es wirkte, als hätte es längst beschlossen einzustürzen und würde lediglich aus Gewohnheit noch stehenbleiben. Der Putz hing in großen, schmutzigen Fetzen von den Wänden. Die Dachrinne bog sich wie ein gebrochener Arm zur Erde. Einige Fensterscheiben waren blind vor Dreck, andere notdürftig mit Klebeband zusammengehalten. Im kleinen Vorgarten kämpfte das Unkraut erfolgreich gegen jede Vorstellung von Gartenpflege. Ein rostiges Kinderdreirad lag halb im Gras versunken, als hätte selbst seine Kindheit irgendwann aufgegeben.

Jochen bemerkte meinen Blick. „Hör zu“, sagte er ungewohnt ernst. „Es ist nicht so, wie du denkst. Laß dich von meinem jetzigen Äußeren nicht täuschen.“ Er richtete sich etwas auf. „Ich war ein sehr gutaussehender Mann damals. Etwas Besonderes. Ich hatte nie Probleme, die Weiber ins Bett zu kriegen. Deshalb ist deine Mutter ja auch auf mich geflogen. Naja, ein Blender war ich auch ein bißchen.“

Er nahm wieder einen Schluck Bier. „Aber ich bin nun mal nicht dafür geschaffen, mich für stumpfsinnige Scheißarbeit mit ein paar Kröten am Monatsende abspeisen zu lassen. Mich ausbeuten zu lassen.“ Seine Stimme wurde lauter. „Diese Scheiß-Ausbeuter! Mit ihren Scheiß-Bürokomplexen! Ihren Scheiß-Villen mit Swimmingpool! Ihren Scheiß-Protzkarren! Ihren teuren Scheiß-Urlauben! Sind die etwa besser als ich? Von wegen!“ Er stieß die Grillzange wie eine Waffe in die Luft. „Mich haben sie nicht drangekriegt!“

Ich lächelte nur. Ganz leicht. „Du hast es ihnen so richtig gezeigt, was, Jochen?“

Er ließ die Schultern sinken. „Ja, lach nur.“ Er sah plötzlich älter aus, viel älter. „Nenn mich ruhig einen Versager. Vielleicht bin ich ja einer.“ Er schwieg einen Moment. „Das Ding ist nur, daß du meine Gene geerbt hast.“ Sein Blick bohrte sich in meinen. „Du denkst mit deinen … wie alt bist du jetzt? Fünfzehn? Sechzehn? … dir stünde die ganze Welt offen.“ Er schnaubte. „Ein Scheiß steht dir offen! Das wirst du noch früh genug erfahren, Versager-Sohn.“

Ich betrachtete ihn einen Augenblick. Er glaubte jedes einzelne Wort. Das war das Traurigste daran. „Du hast nicht die leiseste Ahnung, wie nah du an der Wahrheit dran bist, Jochen.“ Ich lächelte müde. „Aber für heute habe ich genug aufmunternde Lebensweisheiten von einem `besonderen Mann´ gehört.“ Ich wandte mich zum Gehen.

„Hey!“ Seine Stimme klang plötzlich erschrocken. „Komm. Ich hab das nicht so gemeint, Tom. Manchmal habe ich meinen Schnabel nicht unter Kontrolle.“ Er zeigte zum Haus. „Willst du deine Halbgeschwister kennenlernen?“

Ich schüttelte den Kopf. „Ein andermal vielleicht, Jochen.“ Ich hob kurz die Hand. „Eine gedachte Umarmung.“

Dann ging ich zum Fahrrad. Nach wenigen Schritten blieb ich stehen. Etwas zog mich noch einmal zurück. Jochen stand immer noch vor seinem Grill. Er starrte auf die Würstchen. Nicht so, als würde er sie beobachten. Sondern als hätte er vergessen, warum er überhaupt dort stand.

Ich griff in meine Hosentasche. Die Herstellerin hatte darauf bestanden, daß ich Bargeld mitnahm. „Man weiß ja nie.“ Sie hatte recht gehabt. Ich zog einen Fünfzig-Euro-Schein hervor und hielt ihn Jochen entgegen.

Seine Augen wurden groß. Fast kindlich.

„Nimm“, sagte ich.

„Du …“ Er griff sofort danach. „Du willst ihn mir wirklich schenken?“

„Ist nicht geklaut.“ Ich grinste. „Die Frucht meiner Selbst-Ausbeutung.“

Er drehte den Geldschein zwischen den Fingern. „Tom… das mit den Genen… das war wirklich…“

„Ciao, Papa.“ Diesmal verbesserte ich mich nicht. Ich drehte mich um und ging.

Das Fahrrad schob ich nur noch. Nicht weil ich nicht hätte fahren können. Vielleicht hätte ich es gekonnt. Vielleicht wäre ich nach zehn Metern wieder in irgendeinem Gebüsch gelandet. Beides erschien mir möglich. Aber eigentlich schob ich es, weil ich nachdenken mußte. Über Jochen.

Über diesen Mann im schmutzigen T-Shirt, mit Bierflasche, Grillzange und jenem trotzigen Rest von ehemaliger Attraktivität im Gesicht, der nur noch dadurch auffiel, daß er inzwischen beleidigt in Ruinen lag. Ich hatte ihn nicht bestrafen wollen. Das überraschte mich.

Frank hatte ich bestrafen wollen. Bei Frank war die Wut klar gewesen. Hell und scharf. Fast angenehm in ihrer Eindeutigkeit. Jochen dagegen löste keine Wut aus. Eher etwas Unangenehmeres. Mitleid. Dieses klebrige, demütigende Gefühl, das den Betrachteten kleiner machte und den Betrachtenden nicht größer.

Vielleicht, dachte ich, war Versagen keine Tat. Vielleicht war es ein Klima. Eine Wetterlage, die sich langsam über einen Menschen legte, erst als leichter Dunst, dann als Nebel, schließlich als Dauerregen, bis er irgendwann nicht mehr wußte, daß es einmal Sonne gegeben hatte. Jochen war nicht gestürzt. Er war abgesunken. Das war schlimmer. Stürze hatten Dramatik. Absinken hatte Alltag.

Ich schob das Fahrrad weiter. Die Häuser der Siedlung lagen hinter mir, aber ihr Geruch schien mir zu folgen. Rauch, Bier, feuchte Wände, angebranntes Fett, nasse Hunde, alte Teppiche, kalte Asche. Eine ganze kleine Welt aus Niederlage, die nicht schrie, sondern vor sich hin müffelte.

Und dann hörte ich es. Oder besser gesagt: Ich hörte fast nichts. Das war das Merkwürdige daran. Neben mir glitt plötzlich der schneeweiße Van heran. Lautlos, zu lautlos. Ein Fahrzeug dieser Größe hätte brummen, knurren, wenigstens irgendeine mechanische Behauptung seiner Existenz abgeben müssen. Dieser Van jedoch bewegte sich, als hätte er mit Motoren nichts zu tun. Als würde er nicht fahren, sondern über die Straße nachdenken.

Ich blieb stehen.

Der Van blieb ebenfalls stehen. Sein Lack war so weiß, daß er beinahe unverschämt wirkte. Nicht einfach sauber, sondern beleidigend sauber. Die kaputten Häuser, die Mülltonnen, die fleckigen Fassaden spiegelten sich verzerrt darin und sahen im Glanz dieses Fahrzeugs noch elender aus, als wären sie eigens zum Vergleich herbeizitiert worden.

Ich starrte auf die dunklen Scheiben. Nichts. Kein Gesicht, keine Bewegung. Nur mein eigenes zerschrammtes Spiegelbild, klein und schief in dieser makellosen Fläche.

Dann öffnete sich die Seitentür. Nicht mit einem Rucken, nicht mit einem Klappern. Sondern mit einem beinahe höflichen Gleiten. Lautlos, präzise.

Ein Spalt erschien, dann mehr. Kühle, sehr saubere Luft strömte heraus. Ich sah zwei Männer. Nein, zunächst sah ich Weiß. Helles Beige. Teure Stoffe, perfekte Kragen. Hände, die aussahen, als hätten sie noch nie eine schwere Tasche getragen. Gesichter mit blendend weißen Zähnen und Frisuren, gegen die selbst Unwetter vermutlich höflich kapitulierten. Sie waren nicht einfach gut angezogen. Sie waren auf eine Weise gepflegt, die in dieser Gegend fast obszön wirkte. Quer über der Brust trugen beide kleine elegante Umhängetaschen. Teure Dinger. So sündhaft teuer, daß man damit vermutlich zwei Monatsmieten in Jochens Siedlung hätte bezahlen können. Der vordere von ihnen lächelte. Ein höfliches, tadelloses, völlig unverschämtes Lächeln.

„Entschuldigen Sie bitte vielmals“, sagte er, als würde er mich nicht in einer kaputten Vorortsiedlung ansprechen, sondern auf der Terrasse eines Golfclubs. „Wissen Sie zufällig, wo sich die Ankerstraße befindet?“

Ich trat einen Schritt näher. „Leider nein. Ich bin selbst fremd hier. Haben Sie kein Navi im Wa…“

Da legten sich vier Hände auf meine Arme. Nicht grob, nicht hektisch, nicht einmal wütend. Fest, höflich, unumgänglich. Für einen absurden Augenblick dachte ich, daß selbst ihre Entführung bessere Manieren hatte als die meisten Begrüßungen unter Menschen.

Dann wurde ich nach vorn gezogen. Das Fahrrad kippte hinter mir um. Ich verlor den Boden unter den Füßen.

Der Innenraum des Vans verschluckte mich. Die Seitentür glitt wieder zu. Lautlos, als hätte die Welt nur kurz geblinzelt.

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