ER macht Urlaub 8 (Fortsetzung)
Roman von Akif Pirinçci
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Während ich nach Hause fuhr, erschrak ich mich. Über mich selbst und was ich eben getan hatte. Aber ich erschrak nicht einmal, nicht zweimal, nicht dreimal. Ich erschrak in einer Tour, der Schrecken hörte gar nicht auf. Er saß hinter mir auf dem Gepäckträger. Er hing mir an den Schultern wie ein nasser Mantel. Er trat mit mir in die Pedale und starrte mir von innen in die Augen.
Ich hatte geglaubt, diese Wesen lediglich zu beobachten. Urlaub. Was für ein lächerliches Wort. Urlaub. Inzwischen kam mir das Ganze vor wie der Aufenthalt eines Chemikers in einem Labor, der versehentlich selbst in sein Reagenzglas gefallen war.
Hunger, Scham, Mitgefühl, Trauer. Und jetzt auch noch Gerechtigkeit. Oder war es Rache gewesen?
Ich wußte es nicht. Das war ja das Problem. Ich wußte inzwischen vieles nicht mehr. Diese Wesen wurden von Geburt an mit ihren Gefühlen gequält. Sie hatten Jahre Zeit, sich an sie zu gewöhnen. Sie lernten irgendwann, daß man nicht jedem Impuls folgen durfte. Nicht jeder Wut. Nicht jedem Schmerz. Nicht jedem Verlangen. Ich dagegen bekam all diese Zustände auf einmal. Wie jemand, der noch nie einen Tropfen Alkohol getrunken hatte und plötzlich in einem einzigen Abend sämtliche Schnäpse der Welt in sich hineinschüttete. Und nun taumelte ich innerlich durch dieses neue Land.
Vielleicht sollte ich den Urlaub einfach abbrechen. Warum nicht? Ein menschliches Sprichwort kam mir in den Sinn, ein überraschend vernünftiges: Andere Mütter haben auch schöne Töchter. Ja, andere Galaxien hatten auch schöne Planetensysteme. Andere Sterne. Andere Welten. Andere Geschöpfe. Ich hatte sie doch selbst erschaffen. Trillionenfach.
Warum also hierbleiben? Warum ausgerechnet auf diesem feuchten kleinen Planeten, auf dem liebenswürdige Nonnen starben, Kinder Tumore bekamen, Stiefväter ihre sechzehnjährigen Töchter schwängerten und Menschen ihre Nahrung mit solcher Hingabe zubereiteten, als wollten sie den Tod selbst überlisten? Ich könnte gehen. Jetzt sofort. Ich müßte nur wollen.
Doch kaum dachte ich daran, kam mir ein unangenehmer Verdacht. Was, wenn es anderswo gar nicht besser war? Anders, gewiß, aber besser? Vielleicht gab es dort bloß anderen Kladderadatsch. Andere Sorgen. Andere Formen der Dummheit. Andere Arten von Unglück.
Schlußähnlich gestand ich es mir in seiner ganzen Tragweite ein: Mein Werk bestand nicht aus lauter Paradiesen. Vielleicht war es voller Varianten. Und ganz ehrlich? Konnte ich mich von diesen Kaputten überhaupt noch trennen? Von Mama? Von Bettie? Von Marlis? Sogar von diesem sonnengebräunten Statikverbrecher Frank? Und von dem Kinderbild von Schwester Gundula, die sie für mich gezeichnet hatte – „Der beste Platz“ …?
Ich lachte kurz. Ein trauriges Lachen. „Mein Gott“, murmelte ich. Und mußte sofort noch einmal lachen. Ein kleines, beklommenes Hahaha. Und abgesehen davon, daß jeder Urlaub irgendwann zu Ende ging. Oder etwa nicht?
Es wurde allmählich Abend. Der Himmel verfärbte sich langsam. Das Blau verlor an Kraft und begann in jene melancholischen Töne überzugehen, die Menschen offenbar besonders liebten. Vielleicht weil sie sie an Vergänglichkeit erinnerten.
Morgen war Samstag. Keine Schule. Keine Nonnenversorgung.
Ich fuhr am See entlang. Dann sah ich sie. Eine Art Freilicht-Bar. Eine große Holzplattform ragte weit ins Wasser hinaus. Tische und Stühle standen darauf. Menschen saßen dort und tranken, redeten und lachten. Über ihnen spannte sich ein riesiges dreieckiges Segel, das im Abendwind leise knisterte wie die Haut eines gewaltigen schlafenden Tieres. Girlanden aus bunten Lampen durchzogen den Platz, rot, gelb, blau, grün. Sie spiegelten sich im Wasser und ließen den See aussehen, als hätte jemand eine Handvoll Sterne hineingeworfen.
Es war schön. Nicht großartig. Nicht kosmisch. Nicht überwältigend. Einfach schön. Und gerade deshalb gefährlich. Denn diese Art Schönheit war es, die Menschen an einen Ort kettete. Fast wäre ich vorbeigefahren.
Doch dann sah ich ihn. Ganz vorne in der ersten Reihe direkt am Wasser.
Louis Cyphre, der athletische Gruftie.
Er starrte mich aus der Ferne an. Und schüttelte langsam den Kopf.
Der lange schwarze Mantel war natürlich noch da und hing an ihm wie ein Stück Nacht, das sich geweigert hatte, bis zum Morgen zu verschwinden. Die asymmetrische Frisur ebenfalls, auf der einen Seite kurzgeschoren, oben der surreale Irokese. Auf der anderen Seite fielen die schwarzen Haare über die Schulter. Die Tätowierungen krochen noch immer über Hals und Hände, und das Metall in seinem Gesicht funkelte im beginnenden Abendlicht wie kleine Warnschilder. Er wirkte wie die Endfassung eines Menschen, der in seiner Jugend einmal „Nein!“ zur Welt gesagt und danach beschlossen hatte, dieses Nein konsequent vierundzwanzig Stunden am Tag zu tragen.
Ich bremste, stellte das Fahrrad ab, ging zu seinem Tisch und blieb vor ihm stehen.
„Idiot!“ begrüßte er mich.
„Ich könnte dich zermalmen“, sagte ich.
„Vollidiot!“
„Folgst du mir etwa?“
„Ich folge vielen.“ Er lächelte hintergründig. „Mein Name ist Legion, denn wir sind viele.“
„Das ist auch aus diesem Buch, nicht wahr? Markus 5,9?“
„Ja.“ Er grinste. „War nur so ein Insider-Gag.“
„Ich habe mit deinem Insider-Quatsch nichts am Hut“, sagte ich.
„Meine Güte.“ Er deutete auf den freien Stuhl. „Jetzt setz dich doch erstmal hin, du alter Stinkstiefel. Wir trinken einen.“
„Du meinst Alkohol?“
„Nein. Fensterputzmittel.“
„Ich trinke keinen Alkohol.“
Louis verzog das Gesicht. „Meinst du, du trinkst keinen Alkohol oder Tom?“
„Ich, wir beide – glaube ich.“
„Woher willst du das wissen, wenn du nie Alkohol getrunken hast?“
„Es ist ungesund.“
Louis starrte mich an. Dann begann er zu lachen.
„Ungesund? Wie Frank, der an Marlis‘ Geburtstag großzügigen Gebrauch vom Stockholm-Syndrom bei einer Sechzehnjährigen gemacht hat?“ Er schüttelte den Kopf. „Apropos: Spontane Selbstentzündung. Echt jetzt? Hätte es nicht eine Nummer kleiner getan? Einen ordentlichen Tritt in die Eier oder so?“
Ich sagte nichts. Er verzog angewidert das Gesicht.
„Übrigens hat dein kleines Feuerwerk wieder irgendwo einen Kollateralschaden angerichtet.“
„Was diesmal?“
„Die Galaxie NGC-XI-884 Karthago Minor. Ungefähr zweihundert Millionen Lichtjahre von hier. Du hast dort für einen Sekundenbruchteil die Kausalität verbogen.“
Ich zuckte mit den Schultern und setzte mich ihm gegenüber. „Und?“
Louis winkte ab. „Und nichts. Diese Galaxie war ohnehin die totale Scheiße. Nicht ein einziges intelligentes Lebewesen. Nicht einmal eine Mikrobe. Gar nichts. Ein paar hundert Milliarden Sterne, jede Menge tote Planeten, gefrorene Monde und Temperaturen, bei denen selbst ein Eiswürfel um einen Pullover betteln würde. Ehrlich gesagt war das wahrscheinlich die interessanteste Sache, die dort seit acht Milliarden Jahren passiert ist.“
Er lehnte sich zurück.
„Du bist lost, mein Bester, wie wir junge Leute heutzutage zu sagen pflegen.“
Dann drehte er sich um und winkte dem Kellner zu. „Garçon!“
Ein junger Mann näherte sich unserem Tisch. Vollbart. Tätowierungen. Ein schwarzes T-Shirt, auf dem in weißen Buchstaben stand: FUCK THEM ALL. Die Menschen liebten solche Aufschriften. Sie liefen mit Parolen herum, die sie niemals ihrem Steuerberater ins Gesicht gesagt hätten.
„Na, was wollt ihr trinken, Jungs?“ Sein Gesicht trug den Ausdruck permanenter, professioneller Verachtung für alles, was jünger war als dreißig.
„Bringe er uns eine Flasche besten Schnaps des Hauses und zwei Gläser. Wodka oder so. Und eine Packung Kippen.“
Der Kellner lächelte wissend. „Tut mir leid, Jungs. An Jugendliche dürfen wir keinen Alkohol ausschenken. Jugendschutzgesetz. Cola oder so?“
Louis sah ihn lange an. Sehr lange. Dann sagte er: „Ich habe eine Frage an dich, und sie ist wirklich nicht beleidigend gemeint.“
„Ja?“
„Hast du schon einmal versucht, deinen Kopf in deinen Arsch hineinzustecken? Ich meine rein anatomisch. Oder physikalisch, wenn du so willst.“
Der Kellner blinzelte.
„So. Raus hier. Sofort!“
Louis seufzte. „Das war eine ernstgemeinte wissenschaftliche Frage, Mann.“ Dann machte er eine kleine Wischbewegung mit der rechten Hand.
Sofort veränderte sich der Gesichtsausdruck des Kellners. Er holte tief Luft und begann mit überraschend hoher Stimme „La vie en rose“ zu singen. Einer vollkommen unpassenden Stimme, die irgendwo zwischen Pariser Straßensängerin, kastriertem Operettenengel und defektem Radioapparat schwebte. So süß, so rosig, so sentimental, so unerträglich gefühlvoll, daß selbst die Glühlampen über uns einen Moment betreten wirkten. Er sang es mit weit aufgerissenen Augen, als sähe er sich selbst von innen dabei zu und könne nicht begreifen, warum sein Körper plötzlich beschlossen hatte, ein Chanson zu werden.
Die Gäste drehten sich um. Ein Paar am Nachbartisch hörte auf zu kauen. Eine Frau mit Weißweinglas legte die Hand auf die Brust, vermutlich weil sie dachte, dies gehöre zum Programm.
Der Kellner verstummte mitten in einer besonders herzzerreißenden Passage seines französischen Liebeskummers. Für einen Augenblick stand er einfach nur da. Mit offenem Mund. Und dem Gesichtsausdruck eines Mannes, der soeben erfahren hatte, daß er versehentlich seine eigene Großmutter geheiratet hatte.
Die Gäste blickten ihn an. Er blickte die Gäste an. Dann färbte sich sein Gesicht langsam rot. Er drehte sich um und verschwand.
Keine drei Minuten später erschien er erneut. Er vermied es diesmal sorgfältig, Louis anzusehen. Auf dem Tablett standen eine Flasche Wodka, zwei Gläser und eine Schachtel Zigaretten. Offenbar hatte sich seine Auffassung des Jugendschutzes innerhalb kürzester Zeit erheblich flexibilisiert. Dann stellte er alles ab, nickte steif und entfernte sich wieder. Sehr schnell.
Louis griff nach der Flasche und schenkte die beiden Gläser randvoll. Gleichzeitig zog er eine Zigarette aus der Packung. Das Feuerzeug klickte. Einen Augenblick später glomm die Spitze auf. Er inhalierte tief.
Der Rauch strömte über sein Gesicht und legte sich zwischen die Piercings und Metallteile wie Nebel zwischen die Ruinen einer versunkenen Stadt. Das Licht der bunten Lampen spiegelte sich auf den kleinen Stahlringen in Nase, Augenbraue und Lippe, während die Rauchschwaden daran vorbeizogen und sein Gesicht für Sekunden verschwimmen ließen.
„Nastrovje!“ rief er. „Auf all die schönen Dinge im Leben!“
Wir stießen an. Das Glas klirrte gegen meines.
Ich hob es an. Und trank. Nicht einen Schluck, sondern ungefähr die Hälfte des Glases in einem Zug. Der Wodka schoß mir den Hals hinunter wie flüssiges Feuer. Ich hustete. Meine Augen tränten augenblicklich.
Der Geschmack war abscheulich. Eine Mischung aus Lösungsmittel, Medizin und einer ausgesprochen schlechten Idee.
Ich setzte erneut an. Doch da schoß Louis vor.
„Hey!“ Er packte mein Handgelenk. „Was machst du da?!“
„Ich trinke.“
„Langsam, langsam, Herr Allmächtiger.“ Er riß mir das Glas beinahe aus der Hand. „Immer Schluck für Schluck.“
„Warum?“
„Weil mein Gesprächspartner sonst eingeschlafen ist, bevor ich ihn angeschissen habe.“ Er deutete mit der Zigarette auf mich. „Außerdem hasse ich die anschließende Kotzerei.“
Ich stellte das Glas ab. Der Geschmack brannte noch immer auf meiner Zunge. Doch dann geschah etwas. Etwas Seltsames. Der Körper begann sich zu verändern. Nicht sichtbar. Von innen.
Zuerst wurde mir warm. Eine angenehme Wärme. Sie breitete sich von der Brust aus durch Arme und Beine aus wie Sonnenlicht, das langsam einen kalten Raum füllte. Die Muskeln lockerten sich. Die Schultern wurden leichter. Der Druck hinter meinen Augen verschwand. Dann bemerkte ich, daß auch die Gedanken sich veränderten. Sie liefen nicht mehr so straff. Nicht mehr in geordneten Bahnen. Die Ecken wurden runder. Die Schwere wurde weicher. Die Sorgen verloren ihre scharfen Kanten. Es war, als hätte jemand das Universum mit einer dünnen Schicht Watte ausgepolstert.
Ich blickte über den See. Die bunten Lichter spiegelten sich auf dem Wasser. Irgendwie sah alles plötzlich freundlicher aus. Sogar die Menschen. Eine höchst verdächtige Entwicklung.
„Interessant“, murmelte ich.
„Nicht wahr?“ Louis grinste „Darum trinken die Leute das Zeug.“
„Es macht sie dümmer“, sagte ich.
„Ja.“
„Und langsamer.“
„Ja.“
„Und unvorsichtiger.“
„Ja.“
„Das klingt nicht besonders sinnvoll.“
„Willkommen im Club.“
Ich sah auf mein Glas. Dann auf den See. Dann auf die Leute. Und stellte überrascht fest, daß ich sie für einige Sekunden nicht haßte.
„Gibt es überhaupt schöne Dinge auf diesem Planeten?“ sagte ich. „Mir kommt es so vor, als bestünde hier alles aus Schmerz.“
„Schwachsinn!“ Louis nahm einen Zug von seiner Zigarette. „Das Schöne ist sogar das Hauptmerkmal dieses Planeten.“
„Ach ja?“
„Natürlich.“
Er griff in die Tasche seines langen Mantels. Suchte. Wühlte. Zog schließlich etwas hervor.
Ein rot-orangenes Kunststoffteil. Es sah so aus wie die Verniedlichung eines Optikerinstruments.
Er legte es auf den Tisch. „Hier, ich habe dir ein Geschenk mitgebracht.“
„Was ist das?“
„Ein View-Master.“
„Ein was?“
„Ein uraltes Kinderspielzeug.“ Er nahm das Ding wieder hoch. „Kinder haben früher Bilder angeschaut, bevor sie den ganzen Tag auf Bildschirme gestarrt haben.“ Er zeigte auf die beiden Okulare. „Man hält es vor die Augen. Innen steckt eine Bildscheibe. Auf der Scheibe sind zwei fast gleiche Fotos. Das Gehirn macht daraus ein dreidimensionales Bild. Kinder haben damals stundenlang mit diesen Dingern gespielt. Du schaust hinein, drückst den kleinen Hebel nach unten und klack – erscheint das nächste Bild. Dann wieder klack. Und wieder. Im Grunde ist das nichts anderes als eine Maschine, die Staunen produziert. Ein primitives Gerät, zugegeben. Aber manchmal reichen zwei Bilder und ein bißchen Phantasie aus, um etwas zu erschaffen, woran selbst Erwachsene irgendwann nicht mehr glauben: Wunder.“ Er zuckte mit den Schultern. „Im Grunde eine primitive virtuelle Realität für die Kleinen, die noch draußen gespielt haben.“
Ich betrachtete das rot-orange Ding. Es wirkte lächerlich. Billig. Kindisch. Ein Stück Plastik.
„Und warum schenkst du es mir?“
Louis lächelte. Ein ungewöhnliches Lächeln. Nicht spöttisch. Nicht boshaft. Fast melancholisch. „Weil es dir etwas zeigen wird.“
„Was denn?“
Er blies Rauch in die Abendluft. „Das Schöne.“
Ich nahm noch einen Schluck. Diesmal brannte der Wodka weniger. Oder vielleicht war mein Körper inzwischen dabei, sich mit diesem flüssigen Wahnsinn anzufreunden.
Ich hob den View-Master gegen die Lampe über uns und blickte durch die beiden Okulare. Vor einem milchig weißen Hintergrund erschien etwas, das aussah wie ein winziger Klecks rosafarbener Zahnpasta.
„Was sehe ich da?“
„Ein Neugeborenes der Etruskerspitzmaus.“
„Der was?“
„Der Etruskerspitzmaus. Das kleinste Säugetier der Welt. Die Mama wiegt kaum zweieinhalb Gramm. Mit Schwanz zusammen nicht einmal einen Zentimeter lang. Ihr Herz schlägt ungefähr fünfzehnhundertmal pro Minute.“
Die Rauchschwaden seiner Zigarette zogen gelegentlich durchs Bild.
„Nur du kannst etwas derart spektakulär Filigranes bauen, du Bastard.“
Ich betrachtete den winzigen Körper. „Ja, süß“, sagte ich.
„Nein.“ Louis schüttelte den Kopf. „Nicht süß. Schön. Weil es ein Wunder ist.“
Ich drückte den Hebel. Klack.
Nun erschien ein gewaltiges Meerestier. Er schien förmlich aus dem Bild herauszubrechen. Gigantische Wasserfontänen explodierten um ihn herum. Sein dunkelblauer Körper glänzte in der Sonne, und für einen Augenblick wirkte er wie ein schwimmender Kontinent, der beschlossen hatte, kurz die Oberfläche zu besuchen.
„Das ist ein Blauwal“, sagte Louis. „Das größte und schwerste Säugetier der Welt. Dreiunddreißig Meter lang. Zweihundert Tonnen schwer.“
Er nahm wieder einen Zug von seiner Zigarette.
„Und das Beste daran: Nicht einmal ein Jäger. Frißt Plankton. Tonnenweise. Das Leben hier ist eine nimmer endende Abfolge von Sensationen, mein Freund.“
„Ja“, murmelte ich. „Das ist es.“ Ich nahm wieder einen Schluck. Und noch einen. Der Wodka begann inzwischen tiefer in mir zu arbeiten. Die Gedanken wurden langsamer. Nicht dümmer. Nur weniger verbissen. Sie verloren ihre Uniformen. Ihre Dienstgrade. Ihre Marschordnung. Alles in meinem Kopf marschierte seit Tagen herum wie eine Armee aus Problemen. Nun setzten sich die Soldaten plötzlich ins Gras.
Ich drückte den Hebel dreimal hintereinander. Klack. Klack. Klack.
Und plötzlich erschienen die Bilder einer Inselgruppe unter gleißender Sonne. Ich hielt unwillkürlich den Atem an. Strände von solcher Helligkeit, daß der Sand aussah, als wäre er aus zermahlenem Mondlicht hergestellt worden. Granitfelsen lagen zwischen Palmen wie von Riesen sorgsam placierte Kunstwerke. Das Meer wechselte seine Farben alle paar Meter: türkis, smaragdgrün, azurblau, kristallklar. Wenn man schon einen Meter weit ins Wasser geht, fühlt man sich wie in einem Aquarium voller Zierfische. Schwärme kleiner bunter Wesen glitten zwischen Korallen hindurch, während das Sonnenlicht bis auf den Meeresgrund fiel und dort tanzte. Die Palmen neigten sich über die Buchten, als hätten sie ihr ganzes Leben nichts anderes getan, als Schönheit zu bewundern.
„Wo ist das?“
Louis verzog das Gesicht. „Falsche Frage.“
„Ach ja?“
„Was ist das?“ Er hob sein Glas. „Es ist ein Ort, an den alle Menschen nach ihrem Tod kommen, wenn sie brav gewesen sind. So jedenfalls ihre simple Vorstellung.“
„Das Paradies?“
„Fast.“ Er grinste. „Die Seychellen. Indischer Ozean.“ Er lehnte sich zurück.
„Und um ein für alle Mal mit einer Legende aufzuräumen: Die Fluch-der-Karibik-Reihe wurde nicht dort gedreht. Sondern auf St. Vincent, den Grenadinen und teilweise auf Hawaii. Damit das klar ist!“
„Warum?“
„Vermutlich, weil die Seychellois sich geweigert haben, ihre heiligen Strände mit Dixi-Klos für Filmcrews zu entweihen.“
Ich nickte feierlich und nahm wieder einen Schluck. „Verständlich. Mist, dort hätte ich Urlaub machen sollen. Ich wette, mit Fischen und Seepferdchen hat man nicht so viel Ärger.“
„Warte ab, bis du ihre Scheidungsraten kennst.“
Ich lachte. Tatsächlich lachte ich. Der Wodka hatte inzwischen einen Teil meiner Schwermut aufgeweicht. Nicht beseitigt. Nur etwas weiter weggeschoben.
Klack. Das nächste Bild erschien. Ein Porträt. Ein Mann mit hoher Stirn, aufmerksamem Blick und einem Gesichtsausdruck, als hätte er bereits sämtliche menschlichen Dummheiten studiert.
„Und wer ist das?“ wollte ich wissen.
„So etwas Ähnliches wie du.“
„Wie bitte?“ Ich verstand nicht.
„Auch ein Schöpfer“, erwiderte Louis. „William Shakespeare.“ Er nahm sein Glas und setzte es wieder an. „Zusammen mit Homer haben die beiden beinahe das komplette Repertoire menschlicher Konflikte und Gefühle erfunden. Oder zumindest so erzählt, daß alle Welt davon hingerissen war.“
Er sah mich an. „Verstehst du, Digga? Schönheit ist nicht nur etwas, das funkelt und blinkt und Bella figura macht. Nicht nur etwas fürs Auge. Schönheit besitzt eine eigene Seele. Eine eigene Mechanik. Eine eigene Musik.“ Er deutete auf die Menschen um uns herum. „Und diese kaputten Wesen wissen das.“
Ich hob mein Glas. Mittlerweile spürte ich meine Zunge etwas schwerer als sonst. „Korrekt.“ Ich grinste. „Und alles auf meinem Mist gewachsen. Dem Imperator der Mittelmäßigkeit.“ Ich lachte. „Hahaha. Entschuldige. Das macht man hier so, wenn man jemanden auf seinen eigenen Widerspruch aufmerksam machen will.“
Louis betrachtete mich mit einer Mischung aus Ernst, Belustigung und einer Spur Bosheit. „Ja.“ Er nickte. „Das macht man so.“ Dann zeigte er mit der Zigarette auf den View-Master. „Klick weiter.“
„Warum?“
„Jetzt kommt der Gipfel der Schönheit.“
Das tat ich. Und fühlte mich trotz des Wodka-Schutzes augenblicklich so, als hätte man mir gerade die Nase gebrochen: Die nackte Lissy unter der Dusche! Mit einer Hand seifte sie ihre Brüste ein. Mit der anderen ihre … Der ganze perfekte Körper, die blonden Haare, jede Hervorhebung und jede Ausbuchtung und jedes sprichwörtlich Göttliche daran war naß, Tropfen für Tropfen, Schauer für Schauer an ihrer Haut und Schaum für Schaum. All das elektrisierte diesen Körper, in dem ich steckte. War der ursprüngliche Plan nicht, daß es umgekehrt laufen sollte?
Wieder hörte ich das Pochen in mir. Von Tom? Wußte allerdings nicht, was er mir sagen wollte: „Hör auf …“ oder „Klick weiter, weiter, weiter …“?
Während ich noch überlegte, umarmte mich Louis plötzlich von hinten, griff an den Hebel des Apparates und klickte kichernd selbst. Als ich jedoch im nächsten Bild Lissy sich von hinten unter dem Duschschauer bückend sah, riß ich mich von ihm los und warf das Scheißding auf den auf den Boden.
Das orange-rote Plastik beschrieb einen kurzen Bogen durch die Luft, bevor es auf den Holzdielen der Plattform zersplitterte und zerbarst. Krach! Die Bildscheibe sprang heraus. Einzelteile schlidderten zwischen den Tischbeinen hindurch und verschwanden in der Dunkelheit.
Mehrere Gäste drehten sich erschrocken um.
„Was sollte das?!“ rief ich.
Louis betrachtete die Trümmer. „Du warst niedergeschlagen.“ Er zuckte mit den Schultern. „Da dachte ich, du solltest auch mal das Schöne in dieser Welt sehen.“ Dann lächelte er. Dieses verdammte Lächeln.
Zwischen den Piercings, den Tätowierungen und den harten Schatten seines Gesichts wirkte es wie etwas, das in einem menschlichen Gesicht eigentlich nichts zu suchen hatte. Das Metall in seiner Lippe blitzte kurz auf, während sich seine Mundwinkel hoben. Es war kein freundliches Lächeln. Nicht einmal ein böses. Eher das Lächeln eines Menschen, der einen Witz kannte, dessen Pointe erst Jahre später verstanden wurde.
„Tue nicht so“, fuhr er fort. Er blies Rauch aus. „Früher oder später wirst du genau das erleben wollen, du Heuchler.“
„Unsinn.“
„Tja.“ Er nahm die Zigarette aus dem Mund. „Du hast dir halt den falschen Körper ausgesucht.“ Er grinste. „Ein Achtzigjähriger wäre bei diesen Bildern vermutlich eingeschlafen.“
Ich antwortete nicht.
„Wußtest du übrigens, daß der Testosteronspiegel bei Männern durchschnittlich ungefähr zwischen achtzehn und fünfundzwanzig Jahren seinen Höhepunkt erreicht?“ Er deutete mit der Zigarette auf mich. „Mit deinen sechzehn Jahren befindest du dich also noch in der Endphase dieser Entwicklung.“
Ja, das wußte ich, du Freak, dachte ich. Andererseits schien sich die Angelegenheit tatsächlich zu einem Problem auszuwachsen. Ich hatte die Gesetze der Thermodynamik formuliert, hatte Quasare und Pulsare erschaffen. Doch nichts davon hatte mich auf die Tyrannei eines sechzehnjährigen männlichen Körpers vorbereitet. Irgendwo in meinem Blut schwammen einige Milliardstel Gramm einer Substanz namens Testosteron. Eine chemische Winzigkeit. Kaum der Rede wert. Und dennoch schien dieses unscheinbare Molekül fest entschlossen zu sein, sämtliche vernünftigen Überlegungen zu überstimmen. Die Menschen nannten das Erwachsenwerden. Mir kam es eher vor wie eine sehr elegante Form des Wahnsinns.
„Weißt du was?“ Louis drückte seine Zigarette aus. „Ich finde es inzwischen stinklangweilig hier.“ Er deutete auf die Lautsprecher. „Die Musik klingt, als wäre sie speziell für gehörlose Beamte komponiert worden.“
Im Hintergrund säuselte irgendein harmloses Lied über Liebe, Hoffnung oder vergleichbare Fehleinschätzungen.
Louis verzog das Gesicht zu einer Grimasse des Ekels. „Ich verlange ja gar nicht, daß rund um die Uhr `Ace of Spades´ läuft.“ Er schüttelte den Kopf. „Aber zum dritten Mal innerhalb kürzester Zeit `Little Wonders´? Das ist Folter. Komm.“ Er stand auf. „Ich bringe dich an einen Ort, wo wirklich die Post abgeht.“
„Zu einem Strip-Club?“
„So ähnlich.“ Er zeigte auf die Flasche. „Nimm die mit.“
Wir erhoben uns. Der Kellner bemerkte uns sofort. Offenbar hatte sein Geschäftssinn die Scham überlebt. Er setzte bereits zum Kassieren an.
Doch Louis hob lediglich zwei Finger an den Mund und imitierte für wenige Sekunden pantomimisch die dramatischen Bewegungen eines französischen Chansonniers. Der Kellner erstarrte. Sein Gesicht verlor jede Farbe. Dann machte er auf dem Absatz kehrt und verschwand in die entgegengesetzte Richtung.
„Effizient“, sagte ich.
„Traumata sind oft erstaunlich nachhaltig.“
Als wir beim Fahrrad ankamen, bemerkte ich, daß der Boden unter meinen Füßen gewisse Stabilitätsprobleme entwickelt hatte. Nicht dramatisch. Aber eindeutig. Die Welt schwankte. Nur ganz leicht. Als würde sie sich nicht mehr vollständig auf ihre eigene Schwerkraft verlassen. Die Straßenlaternen besaßen plötzlich kleine Lichtkränze. Die Dunkelheit zwischen ihnen war weicher geworden. Und mein Körper fühlte sich gleichzeitig schwerer und leichter an. Eine erstaunliche Leistung.
„Hey!“ Louis beobachtete mich. „Was machst du da?“ Ich war gerade über das Fahrrad gebeugt. „Du kannst in deinem Zustand nicht fahren. Es sei denn, du bist ein Genickbruch-Fetischist.“
Er schob mich zur Seite. „Setz dich auf den Gepäckträger.“
„Das ist entwürdigend“, maulte ich. „Ich bin allmächtig.“
„Ja, allmächtig und besoffen. Ganz schlechte Kombination.“
Also setzte ich mich auf den verdammten Gepäckträger, und Louis kutschierte mich durch die Stadt. Der Wind strich kühl über mein Gesicht. Die Häuser glitten vorbei. Fenster erloschen. Rolläden senkten sich. Menschen verschwanden hinter Mauern und Vorhängen. Alles war wie auf Kommando. Tagsüber kämpften sie erbittert um Geld, Liebe, Anerkennung, Macht und Parkplätze. Doch nachts ergaben sie sich freiwillig der Bewußtlosigkeit. Jede Nacht. Wie eine Zivilisation, die sich kollektiv entschlossen hatte, für mehrere Stunden von der Bildfläche zu verschwinden.
Vielleicht war Schlaf die eigentliche Religion der Armen. Und der Versager. Und der Erfolgreichen. Und überhaupt aller. Die Dunkelheit machte ohnehin keinen Unterschied. Sie legte sich über Villen und Sozialwohnungen mit derselben Gleichgültigkeit. Über Bankdirektoren und Paketboten. Über Heilige und Deppen. Je weiter wir fuhren, desto leerer wurden die Straßen. Die Stadt blieb zurück. Die Laternen wurden seltener. Die Nacht größer.
Schließlich hielt Louis an. Vor uns erhob sich ein altes schmiedeeisernes Tor. Dahinter lag ein Friedhof.
„Hier geht die Post ab?“ sagte ich
„Warte ab“, erwiderte Louis.
Wir traten ein. Der Vollmond hing über dem Gelände wie eine uralte Münze, die jemand vor Jahrtausenden in den Himmel geworfen und dort vergessen hatte. Schmale Wege schlängelten sich zwischen den Gräbern hindurch. Grabsteine ragten aus dem Boden wie versteinerte Erinnerungen. Manche waren neu, glatt und geschniegelt, andere schief, verwittert und von Moos überwachsen. Hier und da erhoben sich kleine Mausoleen, deren dunkle Türen aussahen, als würden sie Geheimnisse bewachen, die längst niemanden mehr interessierten. Zypressen standen regungslos zwischen den Gräberfeldern. Ihre schwarzen Silhouetten erinnerten an schweigende Wächter. Der Wind bewegte gelegentlich die Zweige der alten Bäume, und jedes Rascheln klang in der nächtlichen Stille bedeutender, als es sein dürfte. Über allem lag jener eigentümliche Frieden, den nur Orte ausstrahlen, an denen niemand mehr etwas gewinnen oder verlieren konnte.
Wir waren tiefer in den Friedhof hineingegangen, als ich zunächst geglaubt hatte. Die Wege wurden schmaler. Die Bäume älter. Die Grabstätten größer.
Irgendwann blieb Louis stehen. Ringsum standen schwarze und weiße Grabplatten aus Marmor, aus denen sich gewaltige Engelsfiguren erhoben. Ihre Flügel waren so weit ausgebreitet, als wollten sie den Mond selbst vom Himmel fegen. Das kalte Licht legte sich auf ihre steinernen Gesichter und ließ sie lebendig wirken. Manche blickten zum Himmel empor, andere schienen über die Gräber zu wachen. Zwischen ihnen standen Kreuze, Obelisken und Mausoleen wie die letzten Überreste einer untergegangenen Republik der Toten.
„Was passiert jetzt hier?“ wollte ich wissen. Ich nahm einen Schluck direkt aus der Flasche.
Louis antwortete nicht sofort. Er steckte sich erst eine weitere Zigarette an. Die Flamme seines Feuerzeugs leuchtete kurz auf. Dann verschwand sie wieder. „Ich wollte mit dir reden.“
„Wir reden die ganze Zeit. Warum ausgerechnet hier?“
„Die passende Bühne für mein Anliegen, denke ich.“ Er blies Rauch in die Nacht. „Ich möchte dir eine Geschichte über diesen Friedhof erzählen. Eine historische Geschichte.“
Ich verdrehte die Augen.
„Die Menschen haben sich irgendwann Plätze ausgesucht, auf denen sie ihre Toten vergruben“, fuhr er fort. „Möglichst weit weg von den Lebenden. Der Tod hat ihnen schon immer Angst gemacht.“ Er zeigte mit der Zigarette auf den Boden. „Es gilt als ziemlich sicher, daß unter diesem Friedhof ein weiterer Friedhof liegt. Und darunter vielleicht noch einer. Hunderttausende Skelette. Hunderttausende Schädel. Schicht über Schicht. Generation über Generation.“
Ich sah zwischen den Gräbern hindurch. „Worauf willst du hinaus?“
Louis lächelte nicht. Das allein war bemerkenswert. „Darauf, daß ich Jahrtausende alt bin. Ich habe sie alle überlebt. Die auf den Ochsenkarren und die auf der Daimler Motorkutsche. Ein Grund zur Freude? Tja …“ Seine Stimme wurde leiser. „Ich kenne inzwischen jeden Friedhof der Welt. Glaub mir, das ist kein angenehmes Wissen.“
Er blickte in die Dunkelheit. „Dieses Wissen hat mich weiser gemacht. Aber am Ende auch trauriger. Zum ersten Mal wirkte er müde. Nicht körperlich. Etwas anderes. Etwas viel Tieferes. „Ich existiere in einer Depression.“
Der Wind bewegte die Zweige der Bäume.
„Über die Jahrtausende habe ich viel über die Menschen erfahren. Ich bin ein Menschenkenner geworden. Im wahrsten Sinne des Wortes.“ Er zog an seiner Zigarette. „Der Nebeneffekt, der Kollateralschaden dieser Erkenntnis ist: Ich habe mich sattgesehen. Mich sattgefühlt. Mich satterlebt.“
Er lachte kurz „Ich mag die Menschen sogar. Besonders die schlechten. Du kannst dir denken, warum. Ist eben meine Natur.“ Dann wurde seine Stimme wieder ernst. „Und trotzdem lebe ich in einem Gefängnis. Lebenslänglich.“
Ich setzte mich auf eine Grabplatte. Der Marmor war überraschend kalt. „Wieso? Wer hat dir denn dieses Gefängnis gebaut?“
Louis schwieg. Dann bemerkte ich etwas, das ich noch nie bei ihm gesehen hatte: Tränen, tatsächlich Tränen. Sie standen in seinen Augen, während er gleichzeitig an seiner Zigarette zog. Eine bemerkenswerte Kombination.
„Erinnerst du dich wirklich nicht?“ Seine Stimme zitterte. „Du warst das.“ Plötzlich sank er auf die Knie. Direkt vor mir. „Warum hast du mich verstoßen, Vater?“ Der Wind schien für einen Augenblick stehenzubleiben. „Warum hast du mich verbannt?“ Er hob die Hände. „Ich war doch dein treuester Diener.“ Dann sah er zu mir auf. „Ich liebte dich.“ Die Worte klangen nicht gespielt. Das machte sie unangenehm. „Mehr als mich selbst.“
Und mit einem Mal … erinnerte ich mich. Oder vielmehr: Etwas in mir erinnerte sich. Nicht vollständig. Nicht einmal annähernd. Es war wie ein Wurf von rollenden Glasmurmeln. Jede Murmel enthielt ein Bild, einen Augenblick, einen Blick, eine Bewegung. Etwas Gewaltiges, etwas Schreckliches. Neid war im Spiel gewesen und Hybris, eine Art Palastrevolte. Doch sobald ich versuchte, die Teile zusammenzufügen, glitten sie wieder auseinander.
„Ja“, sagte ich langsam. „Jetzt erinnere ich mich dunkel, sehr dunkel“ Ich schloß kurz die Augen. „Und eigentlich will ich mich gar nicht erinnern.“
Louis starrte mich von unten an.
Ich nahm einen weiteren Schluck. „Es interessiert mich nicht mehr.“ Dann winkte ich ab. „Du brauchst nicht länger unter uns … Menschen zu bleiben. Dein Wunsch sei dir gewährt.“ Ich zeigte irgendwo in die Nacht. „Du bist frei.“
Sein Mund öffnete sich. „Frei? Wirklich frei? Wirklich wirklich frei?“
„Ja“, sagte ich. „Verschwinde einfach und geh woanders jemandem auf den Sack.“
Was dann geschah, war selbst für Louis bemerkenswert. Er warf sich wie ein Sekten-Groupie mit ausgestreckten Armen auf den Boden. „Danke!“ Er küßte beinahe meine Schuhe. „Danke, danke, danke!“ Seine Stimme überschlug sich. „Du Barmherziger! Du Gerechter!“
Danach richtete er sich langsam wieder auf. „Ich kann diese Scheißwelt endlich verlassen!“ Er dachte kurz nach, während er wieder auf die Beine kam. „Das heißt, nachdem ich noch eine Zigarette geraucht habe.“ Weitere Überlegung. „Vielleicht nehme ich die ganze Schachtel mit.“ Und genau in diesem Augenblick verschwand die Dankbarkeit aus seinem Gesicht, als hätte man einen Schalter umgelegt.
Das zynische Lächeln kehrte zurück. „Andererseits … Zeugte es nicht von himmelschreiender Undankbarkeit, dich jetzt einfach so allein zurückzulassen?“
„Nein“, sagte ich. „Ich kann schon selber auf mich aufpassen.“
Er lächelte. „Ich sollte bleiben.“
„Warum?“
„Um zu helfen.“
Ich nahm einen weiteren Schluck.
„Wie alt bist du?“ wollte er dann überflüssigerweise wissen.
„Ich habe kein Alter. Das weißt du.“
„Also ChatGPT sagt 13,8 Milliarden Jahre – das Universum betreffend. Wenn du mich fragst, ist das verdammt alt. Mit Verlaub, aber eigentlich gehörst du in den Körper eines 90-jährigen im Seniorenstift, als in den eines 16-järigen. Ich könnte dir helfen, dich unterstützen, dir Beistand leisten, dir schwere Entscheidungen abnehmen, dir die schwere Last von den Schultern nehmen. Es wäre wie in einem traditionsreichen Familienbetrieb, der harmonisch einen Generationswechsel vornimmt. Du wärst der Senior-Chef, der beratend ab und zu Mal reinschaut und entscheidende Dinge zurechtrückt, aber ansonsten seine meiste Zeit auf dem Golfplatz verbringt. Und ich schmeiß derweil den Laden. Na, was hältst du davon? “
Ich nahm noch einen weiteren Schluck aus der Wodka-Flasche und lächelte dann gütig. „Zitat: Hast du schon einmal versucht, deinen Kopf in deinen Arsch hineinzustecken?“
Für einen Augenblick wirkte er beinahe beleidigt. Dann kramte er in der Manteltasche und zog ein zerknülltes Papier und einen goldfarbenen Füllfederhalter hervor.
„Hey, warum denn so gleich negativ wie ein altersstarrsinniger Greis mit dem Motto `Das habe ich schon immer so gemacht´? Ich biete dir eine echte Partnerschaft an, alter Mann. Und Erleichterung. Du brauchst das hier nur zu unterschreiben.“
„Jetzt weiß ich, was Versuchung bedeutet“, sagte ich. „Die Episode im Thyssen-Bad war nur eine Show von dir, wenn auch auf dem höchsten intellektuellen Niveau. Dir geht es weder um die Menschen, nicht einmal um die bösen unter ihnen, noch um ihre Seele. Dir geht es um Macht, um die absolute Macht, um die Allmacht. Du willst mich austauschen. Wie damals. Jaja, jetzt erinnere ich mich sehr gut an dich. Der zum blutigen Fleischklumpen verprügelte Boxer, der dennoch um Revanche bettelt.“
Plötzlich hielt ich inne. Bettie. Morgen. Die Operation.
Die Erkenntnis traf mich wie ein Schlag. Ich sprang auf. Die Flasche glitt mir aus der Hand und zersprang auf der Grabplatte. „Ich muß weg“, sagte ich. „Morgen wird Bettie operiert, und ich muß davor mit ihr noch einmal tanzen.“
Louis blinzelte. „Was?! Was für ein Tanz? Hast du jetzt völlig den Verstand verloren, alter Mann? “ Sein Lächeln an diesem Abend verschwand vollständig.
Als ich aufstand und hastig weggehen wollte, warf er sich auf den Boden und klammerte sich an mein rechtes Bein fest wie ein Ertrinkender an den anderen Ertrinkenden. Ich konnte kaum richtig gehen und schleifte ihn so ein paar Schritte weit mit, was enorm anstrengend war.
„Nein, nein, Boß!“ schrie er dabei. Ich will dir doch nur helfen. Mir schwebt etwas Brüderliches vor. Ja, Brüderlichkeit ist der richtige Begriff. Hand in Hand. Oder in der Sprache der Ökonomie: Vorstandsvorsitzender, also du, und ich der Spitzenmanager von Apple oder Coca-Cola oder so. Okay, Scheißvergleich. Vater und Sohn? Du hast recht, das hört sich nicht nur noch beschissener an, sondern …“
Ich drehte mich blitzartig um und trat ihm mit voller Wucht ins Gesicht. Die gleiche Stelle an seiner Gesichtshaut über dem Jochbein platzte wieder auf, und ein dünner Blutstrahl schoß daraus hervor.
Dann lief ich zum Ausgang des Friedhofs. Hinter mir hörte ich noch Louis‘ Stimme. Ein brüllendes und klagendes Geschrei, von dem ich befürchtete, daß es bald die Toten aufwecken würde. Ich hörte längst nicht mehr hin.
Der Friedhof zog an mir vorbei. Schwarze Engel. Weiße Engel. Kreuze. Grabplatten. Mondlicht. Alles verschwamm zu einer einzigen silbernen Landschaft aus Stein und Erinnerung.
Der Wodka arbeitete inzwischen mit bemerkenswerter Hingabe in meinem Körper. Die Welt war nicht mehr ganz dort, wo sie sein sollte. Wege bewegten sich leicht. Entfernungen wirkten unzuverlässig. Selbst die Schwerkraft schien gelegentlich ihre Meinung zu ändern.
Endlich erreichte ich das Tor. Das Fahrrad stand noch dort treu wie ein Hund. Ich schwang mich auf den Sattel. Sofort schwankte das gesamte Gefährt gefährlich zur Seite. „Oho“, murmelte ich. Das war kein besonders guter Anfang.
Ich trat in die Pedale. Das Fahrrad setzte sich in Bewegung. Zunächst langsam. Dann schneller. Dann viel schneller. Der Wind fuhr mir ins Gesicht. Die kalte Nachtluft vertrieb einen Teil des Alkoholnebels aus meinem Kopf, allerdings nicht genug, um die Situation wirklich zu verbessern.
Die Straße lag fast verlassen vor mir. Laternen glitten vorbei. Alles schoß an mir vorbei, als hätte jemand die Welt auf Vorspulen gestellt. Ich versuchte, geradeaus zu fahren. Das Fahrrad hatte offenbar andere Pläne. Mal driftete es leicht nach links, mal nach rechts. Einmal war ich kurz überzeugt, die Straße selbst hätte einen Schlenker gemacht.
„Bettie“, sagte ich zu mir. „Ich will tanzen, ich will tanzen mit dir! “ Und trat noch kräftiger in die Pedale. Die Reifen summten auf dem Asphalt. Der Lenker vibrierte unter meinen Händen. Weiter. Immer weiter.
Dann sah ich es in der Ferne. Das Marien-Hospital. Die beleuchteten Fenster ragten aus der Dunkelheit wie ein kleiner künstlicher Stern. Noch ein Stück, nur noch ein kleines Stück. Ein paar Minuten, vielleicht weniger. Ich beugte mich weiter nach vorne. Das Fahrrad beschleunigte. Die Nacht begann zu fließen.
Plötzlich tauchte direkt vor mir etwas auf. Eine dunkle Erhebung vielleicht. Ein dicker Ast. Oder ein Stück Wurzel. Ich konnte es nicht mehr genau erkennen. Es war einfach da.
Ich riß am Bremshebel. Die Bremsen griffen. Zu spät. Das Vorderrad traf das Hindernis. Die Welt blieb stehen. Zumindest fühlte es sich so an.
Dann geschah alles gleichzeitig. Der Lenker schlug nach oben. Das Fahrrad stellte sich auf. Und ich verlor den Kontakt zur Erde. Für einen winzigen Augenblick herrschte vollkommene Stille. Ich schwebte. Hoch über der Straße. Und während sich der Himmel und die Erde umeinander drehten wie zwei Tanzpartner, die ihre Schritte vergessen hatten, fiel ich wieder.
Ein gewaltiger Schlag fuhr durch meinen Körper. Es war, als hätte mich ein Riese mitten in der Bewegung gepackt und mit voller Kraft gegen die Erde geschleudert. Der Aufprall schleuderte die Luft aus meinen Lungen. Für einen Augenblick vergaß ich sogar das Atmen. Ich schlitterte über den Asphalt. Die Nacht, die Straße und die Lichter des Krankenhauses wirbelten wild umeinander. Dann blieb ich liegen.
Und über mir stand der Mond, als wäre überhaupt nichts passiert.
