ER macht Urlaub 6 (Fortsetzung)
Roman von Akif Pirinçci
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Derjenige, der plötzlich vor mir stand, war ungefähr einen halben Kopf größer als ich und sah aus, als hätte jemand einen todunglücklichen Friedhofswärter, einen mittelalterlichen Henker und einen sehr schlechtgelaunten Vampir in einen Mixer geworfen.
Schwarz. Alles an ihm war schwarz. Nicht einfach nur dunkel gekleidet schwarz. Nein. Mit religiösem Ernst schwarz. So schwarz, als habe er irgendwann beschlossen, der gesamten Menschheit persönlich mitzuteilen, daß Freude überschätzt werde und Sonnenlicht lediglich Hautkrebs verursache.
Ein bis fast zum Boden reichender Ledermantel hing um seinen Körper wie die persönliche Gewitterwolke eines Menschen, der morgens vermutlich zuerst Nietzsche zitierte und erst danach aufs Klo ging. Darunter mehrere Schichten Stoff, Lederriemen, Metallketten und irgendwelche Schnallen, deren eigentliche Funktion vermutlich längst niemand mehr kannte. Goths oder Grufties schienen sich grundsätzlich so anzuziehen, als müßten sie jederzeit entweder an einer Séance teilnehmen oder in einem verlassenen Industriegebiet einen Dämon beschwören.
Um seinen Hals baumelten mindestens fünf Kruzifixe in verschiedenen Größen. Eines silbern, eines schwarz lackiert, eines so groß wie ein mittelgroßes Küchenmesser. Menschen hatten eine erstaunliche Begabung entwickelt, selbst Folterinstrumente modisch wirken zu lassen. Vermutlich dauerte es nicht mehr lange, bis jemand mit elektrischen Stühlen als Ohrringen herumlief.
Sein Haar war an den Seiten abrasiert und in der Mitte zu einem gegelten schwarzen Irokesenschnitt aufgerichtet, der aussah, als hätte ein aggressiver Rabe beschlossen, dauerhaft auf seinem Schädel zu nisten. Die Spitzen wirkten so hart und stabil, daß man damit vermutlich kleinere Tiere hätte aufspießen können. An Nase, Augenbrauen und Lippen steckten Metallringe in einer Menge, bei der ich mich ernsthaft fragte, ob Magnetfelder in seiner Nähe zu summen begannen. Eine dünne Schmuckkette verlief tatsächlich von einem Nasenring bis zum Ohr, als müsse verhindert werden, daß einzelne Gesichtsteile plötzlich voneinander flohen. Wahrscheinlich hielten Grufties Schmerzen für eine Freizeitbeschäftigung.
Die Augenlider waren dick mit schwarzem Kajal umrandet. Dadurch wirkte sein Blick gleichzeitig todmüde, arrogant und leicht beleidigt vom gesamten Universum. Unter den Augen hatte er die Haut zusätzlich künstlich aufgehellt, vermutlich um den Eindruck zu erwecken, seit Jahrhunderten kein Sonnenlicht mehr gesehen zu haben. Diese Leute investierten erstaunlich viel Energie darin, absichtlich krank auszusehen.
Und trotzdem war da etwas Merkwürdiges an ihm: Unter all diesem Friedhofs-Zirkus schien tatsächlich ein athletischer Körper verborgen zu liegen. Breite Schultern. Kräftige Unterarme. Selbst unter dem Mantel zeichneten sich Bewegungen von Muskeln ab, als hätte sich ein Leistungssportler versehentlich in die Garderobe einer Grufti-Sekte verirrt.
Ich griff automatisch in Toms Erinnerungen. Und sofort war ich genervt. Den hatte ich jetzt wirklich gebraucht wie Fußpilz.
Louis – Louis Cyphre.
Natürlich. Schon der Name klang wie etwas, das ein übermotivierter Drehbuchautor erfunden hätte, nachdem er drei Horrorfilme und 5 Linien Koks reingezogen hatte.
Ich wußte nicht mehr genau, wann dieser Mensch erstmals in Toms Wahrnehmung aufgetaucht war. Wahrscheinlich bereits im Sandkasten irgendeines trostlosen Spielplatzes dieses Dreckslochs von Stadt, in dem ohnehin jeder jeden kannte. Seitdem liefen sie sich immer wieder über den Weg. Und seitdem schien Louis eine Art persönlichen Sport daraus gemacht zu haben, Tom im Vorbeigehen mit überheblichen Blicken und absurd präzisen Gemeinheiten zu traktieren.
Warum? Keine Ahnung.
Louis gehörte offenbar zu jener Sorte Irrer, die bereits als Kind beschlossen hatten: Das dort wird mein Feind. Ohne nachvollziehbaren Grund. Einfach aus innerer Notwendigkeit.
Wobei ich widerwillig zugeben mußte: Seine höhnischen Sprüche waren oft von beeindruckender Qualität gewesen. Boshaft, aber intelligent. Wie kleine vergiftete Kunstwerke.
Jetzt stand er vor mir und musterte mich mit seinen schwarzumrandeten Augen, als hätte er bereits beschlossen, daß ich ihn heute enttäuschen würde.
„Denk nicht einmal daran“, sagte er.
„Was hast du gesagt?“
Er verdrehte leicht die Augen.
„Ich sagte: Denkst du heute an das Training nachmittags?“ Seine Stimme klang erstaunlich normal. Fast gelangweilt. „Letztes Mal hast du’s sausenlassen, du faule Sau.“
Ich blinzelte. „Was für ein Training?“
Jetzt grinste er. Leider gut.
„Nimm endlich die Anti-Demenzpillen, die dir der Arzt verschrieben hat.“ Eine kleine Pause. „Oder frag deinen guten Freund Tom.“
WAS?!
Für einen winzigen Moment zog sich alles in mir zusammen. Er weiß es?
„Was hast du gesagt?“
Louis starrte mich kurz an. „Ist das jetzt so eine Art Tick von dir?“ fragte er. „Dieses ewige `Was hast du gesagt´? Oder hast du heimlich einen Hörschaden entwickelt?“
Dann winkte er ab.
„Egal. Sieh einfach zu, daß du nachher im Bad auftauchst.“ Er grinste schief. „Du weißt ja, wir sind die Auserwählten.“ Kurzes Zwinkern. „Wie im richtigen Leben. Hihi.“
Und plötzlich wußte ich, worum es ging.
Schwimmen.
Irgendein besonders ehrgeiziger Vollidiot im Bildungsministerium hatte beschlossen, den Spitzensport zwischen Schulen stärker zu fördern. Deshalb gab es jetzt regionale Wettbewerbe. Medaillen. Rankings. Urkunden. Diese Welt liebte es offenbar, selbst Kinder bereits früh gegeneinander antreten zu lassen wie preisgekrönte Rennpferde mit Depressionen.
Tom war überraschenderweise ein ziemlich guter Schwimmer. Diese Information beleidigte mich fast ein wenig. Und Louis offenbar ebenfalls. Deshalb mußten beide dreimal pro Woche außerhalb des Unterrichts in einem heruntergekommenen Schwimmbad trainieren, dessen Fliesen vermutlich bereits existiert hatten, als Deutschland noch geteilt war.
Hundert Meter Schmetterling.
Schon der Name klang – jawohl! – unerquicklich.
Eigentlich wollten beide das nicht. Aber irgendein Direktor, Sportlehrer oder anderer Verwaltungspriester hatte beschlossen, daß sie nun einmal das sportliche Aushängeschild der Schule seien. Also mußten sie antreten. Für Ruhm. Für die Schule. Für irgendwelche Tabellen im Internet, die sich spätestens in drei Wochen niemand mehr ansehen würde.
Louis zwinkerte mir noch einmal vieldeutig zu. Dann drehte er sich um, sein Ledermantel wehte hinter ihm her wie die tragische Gardine eines fahrenden Bestattungsunternehmens, und er verschwand im Gedränge des Flurs.
Sofort griff ich in meinen Rucksack und öffnete ihn. Tatsächlich. Zwischen Schulheften, zerknitterten Arbeitsblättern und einem halb zerdrückten Müsliriegel befanden sich eine Badehose, ein Handtuch und eine Flasche Duschgel.
Ich starrte hinein. Offenbar erledigten Menschen einen erheblichen Teil ihres Lebens völlig unbewußt. Dieser Körper mußte die Sachen irgendwann eingepackt haben, vermutlich gestern Abend oder heute Morgen, ohne daß ich auch nur den leisesten Eindruck davon behalten hatte. Erstaunlich. Der Mensch schien seinen Alltag zu großen Teilen wie ein Schlafwandler zu bewältigen. Kurz fragte ich mich, wie viele Existenzen auf diesem Planeten eigentlich funktionierten, ohne jemals wirklich anwesend zu sein.
Dann ging ich weiter zum Unterricht. Wobei „Unterricht“ ein sehr großzügiges Wort dafür war. Vor der Klasse stand diesmal keine Lehrkraft, sondern eine Frau vom Kultusministerium oder einer ähnlich fade klingenden Behörde. Sie trug einen perfekt sitzenden Hosenanzug, weiße Zähne und jene künstlich motivierte Freundlichkeit von Menschen, die beruflich Hoffnung verkaufen mußten. Auf dem digitalen Whiteboard hinter ihr erschienen ständig bunte Diagramme, Pfeile und Schlagwörter wie Karrierewege, Chancen und Perspektiven – Begriffe, die so wirkten, als hätte man sie in einer Fabrik für Beruhigungsmittel hergestellt.
Sie erklärte den Schülern mit leuchtenden Augen, daß ihnen nach der Schule Tausende Möglichkeiten offenständen. Ausbildung. Handwerk. Studium. Karriere. Selbstverwirklichung. Man müsse heutzutage gar nicht mehr unbedingt studieren, sagte sie. Manche Handwerker verdienten sogar besser als Akademiker.
Die Klasse hörte ihr mit jener speziellen Form jugendlicher Aufmerksamkeit zu, die äußerlich wie Konzentration wirkte und innerlich bereits aus Energydrinks, Langeweile und sexuellen Phantasien bestand.
Ich selbst kämpfte verzweifelt gegen den Schlaf. Mein Blick blieb immer wieder an Lissy hängen, die ein paar Reihen vor mir saß. Genauer gesagt: an ihren Haaren. Dieses blonde, weiche Schwingen, das selbst im kalten Licht des Klassenraums noch etwas Unverschämtes besaß. Inzwischen hatte ich dafür beinahe einen Fetisch entwickelt.
Während die Ministeriums-Frau begeistert über berufliche Chancen sprach, fragte ich mich plötzlich: Was bin eigentlich ich? Selbständiger? Unternehmer? Forscher? Handwerker? Privatier? Ich amüsierte mich bei dem Gedanken. „Beruf: Master of the Universe“ klang in menschlichen Ohren vermutlich leicht überheblich.
Als die Stunde endlich vorbei war und die Schüler hinausströmten wie Insassen eines gerade geöffneten Gefängnisses, fing mich plötzlich jemand auf dem Flur ab.
Marlis!
Ein sehr hübsches Mädchen mit glühendrotem Lockenhaar und einer solchen Menge Sommersprossen, daß man meinen konnte, bei ihrer Geburt sei neben ihr eine Sommersprossen-Bombe detoniert. Gesicht, Hals, Arme – überall diese kleinen kupferfarbenen Punkte. Und vermutlich, dachte ich sofort, auch überall dort, wo Kleidung endete. Sommersprossen. Nichts als Sommersprossen. Sie wirkte wie ein psychedelisches Bonbon mit Nervenzusammenbruch.
Schlagartig wurde mir blümerant zumute. Denn natürlich erinnerte ich mich jetzt. Toms Erinnerungen hatten mir bereits verraten, daß sie ungewollt schwanger geworden war. Und ich hatte seitdem inständig gehofft, dieses Thema möge sich irgendwie von selbst erledigen. Vergeblich.
„Komm mal mit“, sagte sie leise.
Sie führte mich hinaus auf den Pausenhof. Überall saßen und standen Jugendliche herum. Einige rauchten heimlich hinter Fahrradständern. Andere starrten auf ihre Kommunikationsinstrumente, als warteten sie auf eine göttliche Offenbarung in Kurzvideoform. Irgendwo schepperte blechern Musik aus so einem Ding. Zwei Jungen diskutierten aggressiv über was weiß ich was. Ein Mädchen lachte so laut, daß selbst die Tauben auf dem Schuldach beleidigt wirkten.
Die Sonne begann langsam durch die Wolken zu brechen und legte sich wie dünnes Gold auf Asphalt, Gesichter und beschmierte Tischtennisplatten. Für einen kurzen Moment wirkte selbst dieser Ort beinahe friedlich.
Marlis blieb stehen und sah mich an.
„Hast du gestern Bettie besucht, Tom?“
„Na klar.“
„Und wie geht’s ihr?“
„Unverändert. Sie wird in drei Tagen operiert.“ Ich zögerte kurz. „Alles Weitere liegt … in Gottes Hand.“
Sie verzog leicht das Gesicht.
„Ach Tom“, sagte sie leise. „Die Tage fliegen dahin. Der Bauch wird unmerklich dicker. Ich spüre es inzwischen.“ Sie verschränkte die Arme. „Lange läßt sich die Scheiße nicht mehr verstecken.“ Sie sah weg. „Und ich weiß immer noch nicht, was ich machen soll.“ Eine kurze Pause. „Ich kann doch nicht die Karikatur irgendeiner Asi-Schlampe aus dem Asi-Fernsehen werden, die in einem Jungmütter-Heim zusammen mit ihrem Baby verblödet.“
Ich räusperte mich leicht.
„Warum machst du nicht bei deinen Eltern reinen Tisch und erzählst es ihnen? Irgendwann, nein, sehr bald mußte es ja eh“, sprach der Schul-Seelsorger, der Tom nach dem Schulabschluß bestimmt als Beruf ergreifen würde.
Sofort schüttelte sie den Kopf.
„Das geht nicht.“
„Warum nicht?“
„Weil es Gründe gibt.“
Menschen liebten diesen Satz. „Es gibt Gründe.“ Fast immer bedeutete er: Gleich wird alles noch schlimmer.
„Aber Marlis“, sagte ich vorsichtig, „ich kann dir doch bei so einer bedeutenden Sache keinen Rat geben. Ich verstehe doch von sowas überhaupt nichts.“ Ich hob hilflos die Hände. „Schon gar nicht als Mann. Also … als Junge.“
Sie sagte nichts.
„Oder weißt du was“, sagte ich plötzlich, „wir könnten ChatGPT nach einer Lösung fragen. Heute morgen hat er mir sehr geholfen.“
Sie starrte mich an. „Was?!“
„Vergiß es.“
Wir schwiegen eine Weile.
Dann fragte ich: „Weißt du wenigstens, wer der Erzeuger ist?“
„Ja.“
„Ganz sicher?“
„Ja.“
„Warum setzt du dich nicht mit ihm auseinander?“
Sie lachte kurz auf. Freudlos.
„Weil das eine noch größere Katastrophe auslösen würde.“
Jetzt wurde ich aufmerksam.
„Wer ist es?“
Sie sah mich lange an.
„Tom“, sagte sie leise, „ich weiß, daß du niemandem etwas verraten würdest. Dafür bist du viel zu korrekt.“ Eine Pause. „Aber das geht wirklich nicht.“
Ich nickte langsam.
„Marlis“, sagte ich schließlich, „ich weiß wirklich nicht, wie ich dir helfen soll.“
Und dann sagte ich etwas, das sogar in meinen eigenen Ohren unangenehm klang:
„Laß es wegmachen.“
Sie zuckte leicht zusammen.
Ich merkte sofort, wie hart das geklungen hatte.
„Oder behalt es“, fügte ich hastig hinzu. „Es gibt doch irgendwelche Organisationen, die einem helfen. Für junge Mütter und sowas.“
Sie sagte weiterhin nichts.
„Hör zu“, fuhr ich fort, „wir haben noch drei Stunden Unterricht vor uns, danach dieses bekloppte Schwimmtraining wegen des Wettbewerbs und anschließend muß ich noch die Nonnen mit Essen beliefern.“
Ich wollte gehen. Doch plötzlich griff sie nach meiner Schulter und drehte mich wieder zu sich um.
Dann sah sie mir direkt in die Augen. Sehr lange. Zu lange.
Und schließlich sagte sie: „Es ist mein Stiefvater – Frank.“
Mit einem Schlag wurde mir übel. Nicht metaphorisch. Wirklich. Etwas sackte in mir ab wie ein Stein in schwarzes Wasser. Ich brauchte mehrere Sekunden, bevor ich überhaupt sprechen konnte.
„Hat er dich …?“
„Nein!“ sagte sie sofort. „Nein, so war das nicht.“
Sie fuhr sich nervös durchs Haar.
„Es war anders. Komplizierter. Wie ein Unfall.“
Ein Satz, der unter Menschen fast immer bedeutete: Es war furchtbar.
„Mama war für zwei Wochen auf Kur“, sagte sie leise. „Und ich hatte Geburtstag. Meinen sechzehnten.“
Sie schluckte.
„Er war immer der beste Vater der Welt gewesen.“ Ihre Stimme bekam etwas beinahe Zärtliches. „Den echten hab ich nie kennengelernt. Konnte mir sowieso gestohlen bleiben.“ Ein trauriges Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Aber Frank …“ Sie stockte kurz. „Frank war immer da.“
Jetzt begann sie schneller zu sprechen, als müsse sie ihn verteidigen, bevor überhaupt jemand Anklage erhob.
„Er hat mich zu jedem Reitturnier gefahren. Hat nachts meinen Hamster beerdigt, als ich zehn war. Hat mir Mathe erklärt. Hat mich in den Arm genommen, wenn ich Liebeskummer hatte. Er hat sogar mein Fahrrad repariert, obwohl er zwei linke Hände für sowas hat.“
Sie schnaubte kurz durch die Nase.
„Eigentlich ist er Architekt. Sehr erfolgreich sogar.“ Ein kaum hörbarer Stolz lag darin. „Er hat sein eigenes Büro. Mitarbeiter. Große Projekte. Neubauten, Villen, Bürogebäude … solche Sachen.“ Sie sah kurz zu Boden. „Mama sagte immer, wir hätten Glück gehabt mit ihm.“
Die Sonne war inzwischen ganz herausgekommen und ließ ihre Sommersprossen aufleuchten wie verstreute Kupferpartikel.
„An meinem Geburtstag hatte er das Wohnzimmer geschmückt“, sagte sie weiter. „Mit Girlanden und Happy-Birthday-Zeug. Wirklich richtig liebevoll.“ Ein kleines Zittern ging durch ihre Stimme. „Er hat mir ein neues Handy geschenkt. Ein total teures Teil.“
Kurze Pause.
„Dann haben wir angefangen zu trinken.“ Sie schloß kurz die Augen. „Er sagte, das wäre kein Sekt. Sondern Champagner.“
Irgendwo hinter uns schrien Jungen herum. Ein Ball flog kreischend über den Hof. Das Leben ging einfach weiter. Natürlich tat es das.
„Wir haben Musik gehört“, sagte sie weiter. „Und getanzt. Wie früher. Vater und Tochter eben.“
Jetzt liefen ihr Tränen übers Gesicht.
„Irgendwann waren wir beide halb betrunken. Oder ganz, ich weiß es nicht mehr.“
Sie atmete zittrig aus.
„Dann haben wir uns umarmt – und geküßt.“
Sie schwieg.
„Und ich hab gemerkt, daß diese Küsse anders waren.“
Eine lange Pause.
„Aber irgendwie …“ Sie brach ab. „Irgendwie hab ich es auch … genossen.“
Jetzt sah sie mich an wie jemand, der bereits auf sein Urteil wartete.
„Es war nicht nur seine Schuld“, flüsterte sie. „Meine auch.“
Ich sagte nichts.
Was hätte man darauf antworten sollen?
„Wir haben danach nie wieder darüber gesprochen“, sagte sie schließlich. „Wir tun einfach so, als hätte mein sechzehnter Geburtstag nie stattgefunden. Wir schauen uns nicht einmal in die Augen. Mama wird schon mißtrauisch.“
Ich stand vollkommen reglos da.
Dann sammelte ich mich langsam wieder. Sehr langsam. Und fragte: „Kannst du mir die Adresse seines Architekturbüros geben, Marlis?“
Nach der Schule fuhr ich mit dem Fahrrad zum Thyssen-Bad. Hatte Herr Thyssen das damals in den sechziger Jahren einfach so spendiert? Oder seine Familie. Oder irgendwelche Vermögensverwalter mit glatten Gesichtern und goldenen Füllfederhaltern. Keine Ahnung. Gehörte sich vermutlich so, wenn man den eigenen Körper durch Geld derart transformiert hatte, daß man praktisch Banknoten kacken konnte.
Schon von außen wirkte das Gebäude wie ein alternder König, der vergessen hatte zu sterben. Gewaltige Glasflächen, viel zu groß für heutige Verhältnisse, Beton, breite Treppenaufgänge, metallene Geländer mit Rostnarben. Über dem Eingang hing noch immer der verblassende Schriftzug: THYSSEN-BAD. Einige Buchstaben funktionierten nicht mehr.
Drinnen umfing mich sofort dieser typische Geruch von Hallenbädern: Chlor. Feuchtigkeit. Alte Fliesen. Nasse Haut. Müdigkeit.
Und gleichzeitig etwas anderes. Vergangenheit.
Das Sonnenlicht strömte durch eine gigantische Glaswand an der Stirnseite des Gebäudes. Früher mußte das überwältigend ausgesehen haben. Zwischen den normalen Scheiben befanden sich große Glasmalereielemente: schäumende Wellen, silbrige Fischschwärme, ein gewaltiger Wal, dessen Auge fast traurig wirkte. Das Licht brach sich darin und warf blaue und grüne Flecken durch die ganze Halle, als läge das Gebäude selbst bereits halb unter Wasser.
Frontal gegenüber zog sich über die gesamte Rückwand ein riesiges Kachelmosaik. Poseidon. Der alte Meeresgott pflügte mit erhobenem Dreizack durch tobende Wellen, der Bart gewaltig und aufgeschäumt wie eine Sturmfront aus Haaren. Hinter ihm kringelten sich Meerjungfrauen durch das Wasser, übertrieben schön, halbnackt, mit diesen idiotisch melancholischen Gesichtern, die Menschen mythologischen Frauenwesen immer gaben.
Ich blieb kurz stehen. Andere „Götter“ machten mich nervös. Natürlich wußte ich, daß keiner dieser antiken Phantasieclowns mir auch nur ansatzweise das Wasser reichen konnte. Trotzdem regte sich sofort dieses lächerliche Konkurrenzgefühl in mir. Faszinierend eigentlich, was Menschen sich über Jahrtausende zusammengesponnen hatten, um Bilder von MIR zu erhaschen: bärtige Himmelsväter, gehörnte Dämonen, Meereskönige mit Dreizack, Männer mit Falkenköpfen, blaue Vielarmige, blitzeschleudernde Muskelprotze. Und am Ende landeten sie trotzdem immer wieder bei – Bart. Offenbar war Gesichtsbehaarung für diese Wesen ein zwingendes Merkmal kosmischer Autorität.
Damals mußte dieses Hallenbad einmal das schönste in ganz Deutschland gewesen sein. Heute war es nur noch eine Ruine mit Restwürde. Überall fraß sich der Verfall durch die Architektur wie eine langsame Krankheit. Viele der türkisfarbenen Wandkacheln waren abgeplatzt und hinterließen nackten grauen Beton. Andere hatten ihre Farbe verloren und wirkten wie ausgewaschene Erinnerungen an Wasser. Der Boden war von zahllosen kleinen Rissen durchzogen. Manche Fliesen bewegten sich sogar leicht unter den Füßen, als hätte das Gebäude selbst keine rechte Lust mehr, zusammenzuhalten.
Die hohen Säulen entlang des Beckens waren unten von Feuchtigkeit aufgequollen. Der Putz bröckelte ab wie alte Haut. An einigen Stellen verliefen dunkle Rostadern über den Stein, als würde das Bad innerlich verbluten.
Von der Decke hingen uralte Lampenkästen, in denen das Licht müde flackerte. Eine davon summte permanent, als würde irgendwo ein gefangener elektrischer Geist langsam wahnsinnig werden. Die Kommune hatte offensichtlich kein Geld mehr für solchen Luxus. Oder keine Liebe mehr dafür. Bald würde das Bad schließen, hatte Tom irgendwo aufgeschnappt. Zu teuer. Zu marode. Nicht rentabel.
Menschen schlossen alles, was nicht mehr sofort Gewinn brachte: Bäder. Bibliotheken. Erinnerungen.
Am Beckenrand saß Louis. Natürlich saß er da wie ein verdammtes Gemälde.
Die Füße hatte er ins Wasser getaucht, während er mich bereits aus der Ferne mit diesem vieldeutigen, leicht beleidigenden Lächeln ansah, das bei ihm vermutlich angeboren war. In Badehose wirkte er noch absurder als sonst. Seine Brustwarzen waren mit silbernen Ringen durchstochen. Ich verzog innerlich das Gesicht. Vermutlich hatte er sogar Metall an Körperstellen befestigt, über die ich nicht nachdenken wollte. Iiihe!
Seine übliche Gruftie-Rüstung fehlte jetzt – keine langen Mäntel, keine Kruzifixsammlung wie der mobile Verkaufsstand eines Wallfahrtsorts. Nur die gegelte Irokesenfrisur trotzte noch immer jeder Vernunft und vermutlich auch der Schwerkraft.
Dafür sah man jetzt etwas anderes: Tattoos. Der ganze Oberkörper war davon überzogen. Keine primitiven Totenköpfe oder der übliche pubertäre Dämonenschwachsinn. Eher seltsame, schwer entschlüsselbare Symbole. Altägyptische Zeichen verliefen über Schulter und Brust wie Bruchstücke einer vergessenen Sprache. Dazwischen lateinische Bibelzitate, Warnungen vor Versuchung, Sünde und dem Teufel – ausgesprochen ironisch auf der Haut von Louis Cyphre. Über seinen Rippen zog sich das stilisierte Auge des Horus entlang, und an einer Seite seines Halses stand in verblassender schwarzer Schrift: „Γνῶθι σεαυτόν – Erkenne dich selbst.“
Selbst seine Beine waren tätowiert. Keine zusammenhängenden Bilder, eher Fragmente, als hätte jemand verschiedene Religionen, Mythen und Weltuntergänge in einem Topf zu Brei gerührt.
Und trotzdem wirkte nichts daran geschniegelt oder künstlich. Der Körper darunter war echt. Nicht diese aufgepumpte Fitneßstudio-Masse vieler junger Männer, die aussahen, als würden sie heimlich Motoröl trinken. Louis hatte den Körper eines Kriegers. Sehnig. Hart. Jeder Muskel schien irgendwo erlitten worden zu sein.
Ein erstaunliches Phänomen: Grufties schienen sich ausgerechnet mit dem Symbol einer Religion zu schmücken, die sie gleichzeitig demonstrativ unausstehlich fanden.
„Sieh an“, sagte er grinsend. „Der künftige Mark Spitz gibt uns die Ehre.“
„Haben wir denn keinen Trainer oder irgendeinen Aufpasser?“ sagte ich.
Louis lachte leise.
„Nein. Die Schule hat dafür keine Kohle.“ Er spreizte die Arme. „Wir müssen dankbar sein, daß wir überhaupt teilnehmen dürfen.“ Dann grinste er breiter. „Und wozu gibt es YouTube-Lectures?“
Ich blieb stehen.
„Du weißt aber schon“, sagte er plötzlich ruhiger, „daß es hier nicht um diesen Schwimm-Zirkus geht, alter Freund?“
„Nein“, erwiderte ich trocken. „Das weiß ich nicht, völlig grundloser alter Feind.“
„Hm.“ Er nickte anerkennend. „Langsam bekommst du Geschmack.“
Dann deutete er aufs Wasser. „Ich lasse dir den Vortritt. Steig schon mal rein.“
Das tat ich. Ich ging zum Startsockel, stieß mich ab und tauchte ins Wasser ein.
Sofort umfing mich diese schwere, gedämpfte Stille unter der Oberfläche. Das Wasser trug den Körper anders als Luft. Weniger brutal. Weniger endgültig. Ich begann langsam ein paar Bahnen zu schwimmen. Ruhige Bewegungen. Gleichmäßig. Fast meditativ.
Und zu meiner Überraschung gefiel es mir.
Der Körper glitt durchs Wasser, als hätte er sich danach gesehnt. Muskeln arbeiteten, Atem und Bewegung fanden plötzlich einen gemeinsamen Rhythmus. Zum ersten Mal seit langer Zeit dachte ich an nichts. Ein Zustand, den Menschen vermutlich Frieden nannten.
Ich drehte mich auf den Rücken und blickte zur hohen Glaswand hinauf, hinter der das Nachmittagslicht bereits golden wurde. Dann schaute ich zum Beckenrand.
Louis war verschwunden.
Ich runzelte die Stirn.
Und genau in diesem Moment zog plötzlich etwas an mir vorbei. Tief unten. Schatten. Ich tauchte sofort ab. Das Wasser wurde schlagartig dunkler. Dann schwarz. Nicht normales Dunkel. Kein Lichtmangel. Etwas Absolutes.
Gleichzeitig geriet das Wasser um mich herum in heftige Bewegung. Gewaltige Strömungen rissen plötzlich am Körper, als würde das gesamte Becken auseinanderbrechen.
Ich schoß nach oben und durchbrach die Oberfläche.
Das Hallenbad war verschwunden. Kein Becken. Keine Kacheln. Keine Säulen. Nur Ozean.
Ein gewaltiger Sturm tobte um mich herum. Haushohe Wellen warfen sich gegeneinander wie Armeen aus Wasser. Blitze schlugen zischend ins Meer ein und ließen die schwarze Oberfläche für Sekunden weiß aufglühen. Donner rollte nicht mehr – er brüllte. Die gesamte Natur schien plötzlich zu schreien.
Der Himmel war ein einziger zerfetzter Abgrund aus Wolken. Eine Welle traf mich frontal. Ich wurde unter Wasser gerissen und tauchte wieder ab.
Sofort verschlang mich die schwarze Tiefe wie ein lebendiger Schlund. Über mir tobte das Meer weiter, aber hier unten war der Sturm gedämpfter, schwerer, beinahe körperlich. Das Wasser vibrierte von den Einschlägen der Blitze. Jeder Donner jagte wie eine Druckwelle durch den Ozean.
Ich drehte mich langsam um die eigene Achse.
Nichts. Nur Dunkelheit, durchzogen von trübem grünlichem Licht, das irgendwo von weit oben herabsickerte wie das letzte Bewußtsein eines sterbenden Himmels.
Könnte ich hier ertrinken? In diesem Körper: selbstverständlich. In einem echten Sturm wie diesem: absolut sicher.
Aber das hier war keine Realität. Nein. Das war eine Falle! Eine Theaterbühne von grotesker Größe, dramatisch ausgeleuchtet und dekoriert wie eine Oper für Geisteskranke. Alles hier war darauf angelegt, Eindruck zu machen. Furcht. Ehrfurcht. Schuld. Eine psychologische Inszenierung mit Sturmmaschinen.
Und trotzdem: Der Schmerz fühlte sich echt an. Die Kälte fühlte sich echt an. Das Wasser in meiner Lunge fühlte sich erschreckend echt an.
Dann sah ich es.
Weit entfernt zunächst. Etwas schoß durch das Wasser auf mich zu. Rasend schnell. Direkt. Wie ein primitiver Torpedo aus einem alten Weltkrieg, abgeschossen aus dem Bauch eines längst versunkenen U-Boots.
Die Dunkelheit vor mir begann zu zittern.
Und je näher das Ding kam, desto deutlicher erkannte ich: Louis. Natürlich Louis.
Sein Gesicht war verzerrt vor Wut. Nein – nicht bloß Wut. Vor Haß. Echter, jahrtausendealter Haß. Die Augen weit aufgerissen, die Zähne gefletscht, die tätowierten Arme eng an den Körper gepreßt wie die Flügel eines Raubvogels im Sturzflug.
Er schwamm nicht. Er war ein Geschoß. Und während er näher und näher schoß, hörte ich plötzlich seine Stimme. Unter Wasser. Brüllend.
„HAU AB!“
Das Wort hallte kaskadenhaft durch die Tiefe. „HAU AB! HAU AB! HAU AB!“
Jedes Echo klang tiefer als das vorherige, als würde der gesamte Ozean mitschimpfen.
Dann traf er mich. Mit voller Wucht krachte seine linke Schulter gegen meine. Ein brutaler Aufprall.
Der Schmerz explodierte sofort durch meinen ganzen Körper. Ich wurde herumgeschleudert, verlor die Orientierung, Wasser schoß mir in Mund und Nase. Für einen Moment sah ich nichts außer wirbelnden Blasen und schwarzer Bewegung.
Und mitten in diesem Chaos dachte ich absurd nüchtern: Erstaunlich. Man kann unter Wasser offenbar schreien. Aber eigentlich wunderte mich inzwischen gar nichts mehr.
Ich fing mich wieder halb und drehte mich herum. Louis zog bereits eine weite Schleife um mich herum wie ein jagender Hai. Schnell. Elegant. Unnatürlich elegant. Sein Körper durchschnitt das Wasser mit einer Bosheit, die fast schön wirkte.
Dann hörte ich ihn wieder.
„Hau ab und geh zurück dorthin, wo du hergekommen bist!“ Er schoß an mir vorbei. „Zu deinem Galaxien- und Sternenschrott!“ Eine weitere Schleife. „Zu diesen explodierenden Sonnen und dem kosmischen Sperrmüll, bei dessen Anblick du dir vor lauter Selbstliebe einen runterholst!“ Sein Lachen vibrierte durchs Wasser wie etwas Krankes. „Auf dich selbst!“
Dann kam er erneut direkt auf mich zugeschossen. Diesmal traf mich seine rechte Schulter. Der Schlag war noch härter. Etwas knackte schmerzhaft in meinem Körper, und ich schrie auf. Sofort drang Wasser in meinen Mund. Panik schoß für einen Sekundenbruchteil durch diesen menschlichen Organismus.
„WER BIST DU?!“ brüllte ich zurück. „WO KOMMST DU HER?!“
Louis stoppte abrupt mitten im Wasser. Unmöglich eigentlich. Er schwebte einfach dort. Seine Augen glänzten dunkel. Dann grinste er. Langsam. Breit. Abscheulich.
„Woher ich komme? Ich komme aus deinem Arsch!“ sagte er. „Ich bin deine Arschgeburt.“
Blitze zuckten selbst hier unten durch die Tiefe und ließen sein Gesicht sekundenweise aufleuchten wie das eines ertrunkenen Engels.
„Was willst du von mir?“ schrie ich. „Weißt du nicht, wer ich bin?!“
Louis lachte. Nicht laut. Mitleidig.
„Jeder weiß, wer du bist.“ Er kam langsam näher. „Du bist das dreckigste Schwein überhaupt.“ Noch näher. „Ein debiles Scheusal.“ Jetzt direkt vor mir. „Ein behinderter Uhrmacher, der nicht einmal versteht, was seine eigenen Zahnräder im Uhrwerk bewirken.“
Sein Gesicht war jetzt nur Zentimeter von meinem entfernt. Und plötzlich verschwand jedes Grinsen daraus. „Und das Schlimmste ist nicht mal, daß du schlecht bist“, sagte er leise. „Sondern nur mittelmäßig.“ Stille. Selbst der Sturm schien für einen Moment zurückzutreten. Dann sagte Louis: „Du bist der Imperator der Mittelmäßigen.“
Das hatte gesessen. Nicht einfach nur beleidigt. Nicht einfach nur provoziert. Nein. Er hatte etwas getroffen, das ich selbst bislang sorgfältig umgangen hatte. Mittelmäßigkeit.
Das Wort breitete sich in mir aus wie ein elektrischer Schlag. Sofort stieg Wut in mir auf, aber nicht diese kleine, menschliche Reizbarkeit, die sich an roten Ampeln oder schlechten Internetverbindungen entzündete. Nein. Etwas Größeres. Gewaltigeres. Eine epochale Wut. Eine Kränkung von kontinentalem Ausmaß. Vielleicht weil Louis recht hatte. Oder schlimmer: teilweise recht.
Denn ich hatte diese Maschine inzwischen gesehen. Wirklich gesehen. Nicht aus kosmischer Entfernung. Nicht abstrakt. Sondern von innen. Dieses verdammte Flickwerk. Diese fehlkonstruierte biologische Apparatur aus Fleisch, Angst, Hormonen, Hoffnung, Gedärmen, Sehnsucht, Schmerz und Zufall. Eine Maschine, die ständig stotterte und ausfiel, um dann unter kläglichem Rattern, Ächzen und schmerzhaften Fehlzündungen wieder weiterzulaufen.
Das Leben auf dieser Erdkugel. Wie ein gigantischer Motor aus Gold und Schrott gleichzeitig. Überall Reibung. Überall Verlust. Überall falsche Verkabelungen.
Kinder mit Tumoren. Verlassene Frauen. Einsamkeit. Alte Menschen voller Angst. Liebe, die zu spät kam. Körper, die sich gegenseitig zerstörten. Wesen, die ständig nach Sinn schrien und doch kaum ihre eigene Psyche verstanden. Und trotzdem standen sie morgens wieder auf und machten Toast.
Die Wut explodierte. Ich ballte die rechte Faust.
„HALT DEIN SCHANDMAUL!“ schrie ich. Das Wasser vibrierte sofort um mich herum.
„HALT DEIN VERDAMMTES SCHANDMAUL! ICH BIN ALLES, IHR SEID NICHTS!“
Dann schlug ich zu. Meine Faust traf Louis mitten im Gesicht. Der Schlag war monströs. Nicht wie der Schlag eines Menschen. Eher wie der Einschlag einer Dampframme.
Ich sah noch, wie unter seinem Jochbein die Haut aufplatzte. Dunkles Blut schoß ins Wasser und zog sofort lange schwarze Schleier hinter ihm her wie Tintenspuren einer verwundeten Tiefseekreatur.
Louis wurde fortgeschleudert. Nicht ein paar Meter. Er schoß regelrecht rückwärts durch den Ozean, als hätte ihn eine Explosion getroffen. Durch die schwarze Tiefe. Durch den Sturm. Vielleicht ein paar Seemeilen weit.
Und während er davonraste, hörte ich ihn theatralisch kreischen: „BÄÄHHH!
PAPA HAT MICH GEHAUEN! BÄÄHHH! …“
Seine Stimme hallte grotesk durchs Wasser wie das Echo eines irre gewordenen Kindes. Dann verschluckte ihn die Dunkelheit.
Ich blieb zurück. Jetzt schwebte ich selbst reglos im Wasser. Genau wie er zuvor. Die Arme ausgestreckt. Fast gekreuzigt. Fast majestätisch.
Mittelmäßig? Nein. Ich konnte nicht mittelmäßig sein. Wie konnte eine Macht mittelmäßig sein, daß ein derart gigantisches und atemberaubendes Tableau erschaffen hatte? Sterne. Galaxien. Gravitation. Musik. Ozeane. Mathematik. Sex. Bewußtsein. Schwarze Löcher. Liebe. Sprache. Sonnenuntergänge. Das war keine Mittelmäßigkeit.
Und trotzdem – die Menschen hatten mich in kurzer Zeit infiziert, ja, verseucht. Mit ihrem Menschsein. Mit ihrer Kleinheit. Ihren Emotionen. Ihren individuellen Tragödien.
Und außerdem: Warum begegnete ich ständig nur den Kaputten? Den Sterbenden. Den Einsamen. Den Verlassenen. Den Fehlkonstruierten.
Wo waren denn die Glücklichen? Die Liebenden? Die Zufriedenen? Die am Strand unter einer Palme mit einem eiskalten Dring in der Hand und Papierschirmchen im Glas? Die Lotto-Gewinner, überhaupt Gewinner? Diejenigen, die morgens aufstanden und dachten: Ja, alles richtig gemacht. Guter Plan. Sie existierten doch ebenfalls. Milliardenfach vermutlich. Oder etwa nicht?
Aber stattdessen: Bettie. Marlis. Gundula. Die Herstellerin. Tom …
Und nun dieser kleine widerwärtige Friedhofsvampir namens Louis. Diese Rotzgöre. Dieser Bastard. Diese Schlange im Clownskostüm der Todessehnsucht. Dieser böse Geist, der Menschen auf die dunkle Seite lockte und ihre Seelen einsammelte wie andere Leute Treuepunkte.
„ICH HABE BETTIE DEN TUMOR NICHT IN DEN KOPF EINGEPFLANZT, ALTER TROTTEL!“
Louis’ Stimme kam plötzlich wieder aus der Dunkelheit. Weit entfernt zunächst.
„DAS WARST ALLEIN DU!“
Irgendwo zwischen den schwarzen Wassermassen erschien langsam wieder seine Silhouette.
„Verzeih bitte, daß ich gerade nicht näherkommen kann“, rief er. „Ich muß erstmal meinen Kiefer wieder einrenken.“ Ein widerwärtiges Knacken hallte durchs Wasser. Dann: „Meine Fresse … du hast aber auch einen Bums.“
„Das mit Bettie …“ begann ich. Doch Louis redete einfach weiter.
„Auch habe ich Schwester Gundula nicht mit diesem Furz von der blödsinnigen Anbetung deiner ach so glorreichen Herrlichkeit eingelullt!“ Blitze zuckten wieder durch die Tiefe. „Dabei hätte sie in ihren jungen Jahren mit ihrer `Pflaume´ Freuden kosmischen Ausmaßes haben können!“ Er lachte kurz und böse. „Das warst ebenfalls du!“
Er kam näher. Langsam diesmal. „Und ich habe auch Frank, dem großartigen Architekten, nicht gesagt, daß er seine Stieftochter schwängern soll.“ Noch näher. „Und ich habe Toms Mutter nicht von diesem Scheißkerl verlassen lassen, damit der eine neue Filiale gründet.“
Jetzt zeigte er direkt auf mich. „DU! DU! DU!“ Jedes Wort klang wie ein Hammerschlag. „Kapier es endlich: Du hast sie nie vor eine Wahl gestellt!“ Das Wasser begann erneut zu beben. „Deine scheiß rumpelnde und ächzende Maschine hat ihnen keine Wahl gelassen!“ Dann grinste er plötzlich wieder. Aber diesmal ohne jede Freude. „Also wenn du mich fragst“, sagte er, „bist du nicht gerade der Muster-Demokrat.“
„Die Menschen haben ein Sprichwort“, sagte ich. „Wo gehobelt wird, fallen Späne.“
Sofort merkte ich selbst, wie unerquicklich dieser Satz klang. Wie etwas, das ein Fabrikbesitzer sagt, dessen Maschinen gerade Arbeiter zermahlen haben.
„Und auf dich gemünzt, Louis: Der Teufel steckt im Detail. Ich habe Modelle erschaffen. Modell um Modell. Alle sehr erfolgreich.“
Ich hob langsam die Arme. „Und ein Leben wird erst dadurch lebendig, daß nach einem Tal wieder ein Hügel kommt. Nach Schmerz wieder Freude. Nach Verlust wieder Gewinn. Wie willst du Glück erkennen, wenn du niemals Unglück erlebt hast? Wie Liebe ohne Einsamkeit? Wie Frieden ohne Angst?“
Louis sah mich nur an. Reglos. Dann sagte er: „Das Problem ist nur: DU mußt den Preis der Späne und die Details des Teufels nicht bezahlen.“
Zum ersten Mal wirkte etwas an ihm nicht höhnisch. Nicht aggressiv. Eher müde. Fast traurig sogar. Als hätte er diese Diskussion schon zu oft geführt. Vielleicht seit Jahrtausenden. Dann hob er leicht die Schultern.
„Apropos ich“, sagte er. „Ich lasse ihnen wenigstens die Wahl.“
Das Wasser um uns herum war inzwischen fast schwarz geworden. Nur gelegentlich zerriß ein Blitz die Tiefe wie eine weiße Wunde.
„Diejenigen, die zu mir kommen“, sagte Louis weiter, „haben sich bereits entschieden. Für meine `Seite´.“
„Und was dann?“
Jetzt grinste er wieder. Aber das Grinsen wirkte schmaler als zuvor. Älter.
„Das bleibt mein Betriebsgeheimnis.“
Er zog langsam eine Kreisbewegung durchs Wasser, beinahe elegant.
„Jedenfalls werden sie bei mir nicht wie in deiner kaputten Maschine recycelt.“
Er deutete nach oben. Vielleicht meinte er den Sturm. Vielleicht das Universum selbst.
„Dieses ewige Weiterdrehen deines Stroms. Alles wird zermahlen, neu vermischt und wieder ausgespuckt.“ Seine Stimme wurde leiser. „Und am Ende bleibt vom ursprünglichen Ich nichts mehr übrig. Keine Seele. Keine Person. Nur kosmischer Kartoffelbrei.“
Ich wollte etwas erwidern. Doch plötzlich war Louis wieder direkt vor mir. So schnell, daß ich sein Näherkommen kaum wahrgenommen hatte. Angesicht zu Angesicht. Seine Augen glühten beinahe im dunklen Wasser.
„War das alles?“ fragte ich kühl.
„Ja“, sagte er. Kurze Pause. „Das war alles.“
Dann grinste er plötzlich wieder. Breit diesmal. Gefährlich. „Bis auf eine Kleinigkeit.“ Er kam noch näher heran. „MACH ES WIEDER RÜCKGÄNGIG!“
Der Satz traf mich härter als sein Schulterstoß zuvor.
„Wer einen Fehler macht“, sagte Louis langsam, „muß ihn auch beheben. Das ist keine Schande.“
Blitze zuckten durch den Ozean.
„Das mit der Cola-Dose war ganz nett.“ Er winkte ab. „Wirklich rührend sogar. Eine Dose Gerechtigkeit im Universum.“ Sein Gesicht verzog sich spöttisch. „Aber ich bitte dich: Wollen wir uns wirklich mit solchen Kinkerlitzchen aufhalten?“
Er hob er plötzlich den Finger.
„Ach übrigens“, sagte er beiläufig, „in diesem Zusammenhang solltest du wissen, daß dabei gerade das System Epsilon-Kappa-19-Orpheus hopsgegangen ist.“
Ich erstarrte.
Louis nickte langsam. „Ja, ja. Das hübsche Doppelsternsystem am Rand des Perseus-Arms.“ Er verzog gespielt traurig das Gesicht. „Mit dem kleinen blauweißen Zwergstern und den sieben Monden um Thalasson-IV.“ Seufzend schüttelte er den Kopf. „Tja.“ Er machte eine kleine Explosion mit den Fingern. „Einfach so futsch.“
Kurz herrschte nur das dumpfe Grollen des Ozeans. „Was für ein Jammer“, murmelte er. „Ein paar Milliarden Jahre Entwicklungszeit. Zivilisationskeime. Atmosphären. Ozeane. Vielleicht sogar irgendeine primitive Form von Liebe.“
Er sah mich wieder direkt an. „Kleine Ursache, große Wirkung.“ Ein weiteres Achselzucken. „Aber scheiß drauf.“ Sein Grinsen wurde wieder breiter. „Was kostet die Welt?“
Louis wurde langsam unschärfer. Nicht abrupt. Nicht wie jemand, der verschwand. Eher wie ein Bild, das allmählich aus dem Fokus glitt. Seine Konturen begannen im dunklen Wasser zu flimmern, als bestünde sein Körper plötzlich nur noch halb aus Materie und halb aus Erinnerung. Selbst seine Stimme veränderte sich. Sie kam jetzt aus größerer Entfernung, obwohl er noch direkt vor mir schwebte.
„Mach es rückgängig, altes Monstrum“, sagte er leise. Das Wasser um ihn herum wurde durchsichtiger. „Tue es.“ Sein Gesicht verlor bereits an Schärfe. Nur die Augen blieben noch deutlich sichtbar. „Selbst wenn deine dämliche Anzeige dabei auf 0 % fällt.“
Ein Blitz durchschnitt irgendwo die Tiefe.
„Tue es, wenn du deinen weiteren Urlaub nicht wie ein fettärschiger Tourist mit schockierendem Sonnenbrand verbringen willst.“ Jetzt begann selbst sein Grinsen zu zerfließen. „So ein widerlicher Globus-Bauch auf irgendeiner Puff-Insel in Asien, der beim Anblick des Frischfleisches gar nicht mehr aus der Geilheit rauskommt.“ Er lachte leise.
Das Lachen klang inzwischen fast körperlos „Tue es, wenn du dich jemals wieder in deinem kosmischen Spiegel betrachten willst.“ Nur noch Teile seines Gesichts waren sichtbar. „Du weißt ja …“ Die Stimme hallte jetzt aus mehreren Richtungen zugleich. „… gleichgültig, aus welchem Winkel du dich einem Spiegel näherst – das Spiegelbild schaut dir immer direkt ins Auge.“
Dann war er weg. Nicht einmal eine Blase blieb zurück. Nur Dunkelheit. Sturm. Das ferne Grollen des Wassers. Ich schwamm nach oben. Je näher ich der Oberfläche kam, desto heller wurde das Wasser wieder. Das Schwarz wurde grau. Das Grau wurde chloriges Hallenbadblau. Dann durchbrach ich die Oberfläche.
Kein Sturm mehr. Keine haushohen Wellen. Keine Blitze. Keine tobenden Naturgewalten. Nur das Thyssen-Bad. Der alte verrottete Kasten mit seinen ausgeblichenen Kacheln, den halb zerfallenen Säulen und dem riesigen Poseidon-Mosaik, das inzwischen aussah, als hätte selbst der Gott des Meeres die Lust an diesem Ort verloren.
Wasser tropfte aus meinem Gesicht. Ich atmete schwer.
Und dort saß Louis. Ganz normal am Beckenrand. Die Füße ins Wasser getaucht, als wäre nichts geschehen. Bloß eine Kleinigkeit war anders: Unter seinem linken Jochbein lief eine dünne Linie Blut über die Haut herunter.
Louis grinste.
„Wollen wir jetzt“, sagte er, „nach dem Alle-meine-Entchen-schwimmen-auf-dem-See-Niveau mal richtige Arbeit leisten oder wie geht’s voran, großer Meister?“
Ich sah ihn einen Moment lang nur an. Dann stieg ich wortlos aus dem Wasser. Das Chlor lief mir vom Körper, während ich zum Ausgang ging.
„Ich passe“, sagte ich schließlich. „Ich mache bei diesem Wettbewerb nicht mit.“ Kurze Pause. „Nicht mit dir.“
Louis sah mir gespielt traurig hinterher. „Ich hielt es von Anfang an für eine komplett bescheuerte Idee, Digger.“
Ich ging weiter. Hinter mir hörte ich wieder seine Stimme: „Beleidigte Leberwurst, huhu …“ Ich war mir sich, daß er hinter meinem Rücken Grimassen schnitt, die mein Gesicht beim Abgang nachäfften.
Dann lachte er. Dieses leise, widerwärtig gutgelaunte Lachen, das klang, als hätte jemand in einer Kirche heimlich Feuer gelegt.
