ER macht Urlaub 9  (Fortsetzung)

Roman von Akif Pirinçci

Alle Rechte vorbehalten © Bonn / Germany 2026

Ich lag in der Dunkelheit mit dem Gesicht nach unten auf dem Asphalt. Mein Kopf brummte. Zunächst begriff ich überhaupt nicht, was geschehen war. Der Himmel war verschwunden. Die Straße war verschwunden. Der Friedhof war verschwunden. Es gab nur noch eine rauhe, kalte Schwärze, die nach Staub, Teer und Herbst roch. Irgendwo summte die Welt weiter. Aber sie tat es ohne mich.

Dann kamen die Schmerzen. Nicht auf einmal. Nicht wie eine Explosion. Sondern wie eine verdammte Armee. Zuerst trafen die Vorhuten ein. Ein Stechen hier. Ein Brennen dort. Ein dumpfer Schlag irgendwo tief im Körper. Dann erschien das Hauptheer und marschierte über mich hinweg. Mit Trommeln, mit Pauken, mit wehenden Fahnen. Innerhalb weniger Sekunden schien jede einzelne Zelle dieses sechzehnjährigen Körpers beschlossen zu haben, Beschwerde gegen ihre Behandlung einzulegen.

Langsam hob ich den Kopf. Der Asphalt klebte förmlich an meinem Gesicht. Auf der Straße vor mir sah ich dunkle Schmieren und kleine Lachen von Blut. Offenbar hatte mein Antlitz die Begegnung mit dem Planeten Erde weniger souverän überstanden, als ich es mir gewünscht hätte. Ich fühlte mich wie jemand, der gerade versucht hatte, einen Güterzug mit der Stirn aufzuhalten.

Unter Schmerzen stemmte ich mich hoch.

Mein Blick fiel auf meine Beine. Die Jeans war an mehreren Stellen aufgerissen. Der Stoff hing in Fetzen herab. Darunter schimmerten aufgeschürfte, blutende Hautpartien im Licht der Straßenlaternen.

Die Straße hatte sich großzügig ein Andenken von mir genommen. Oder genauer: von Tom. Und plötzlich traf mich die Erkenntnis härter als jeder Schmerz. Dieser Körper gehörte nicht mir. Er war mir geliehen worden, anvertraut, er war eine Leihgabe, ein Geschenk. Und ich hatte ihn behandelt wie ein ekelhafter Pauschal-Tourist, dessen Hotelzimmer für das Putzpersonals täglich zum Alptraum wird. Kaum setzte man den Herrn der Schöpfung auf ein Fahrrad und gab ihm eine Flasche Wodka, verwandelte er sich in Herr Volltrottel. Ich hätte mich ohrfeigen können. Wäre mein Gesicht nicht bereits ausreichend beschäftigt gewesen.

In der Ferne leuchtete das Marien-Hospital. Seine Fenster glimmerten durch die Dunkelheit wie ein Sternbild. Dort wartete jemand auf mich. Und ich hatte nicht die geringste Absicht, dieses Rendezvous zu versäumen. No, sir! Plötzlich wurde alles andere unwichtig. Der Schmerz, der Unfall, der Wodka, selbst Louis. Alles rückte in den Hintergrund wie Kulissen, die ein Bühnenarbeiter zur Seite schob.

Langsam, sehr langsam begann ich aufzustehen. Jeder Zentimeter war eine Verhandlung. Jedes Gelenk stellte Bedingungen. Jeder Muskel drohte mit Kündigung. Irgend etwas war vermutlich gebrochen. Vielleicht sogar mehrere Dinge. Aber das war ein Problem für spätere Jahrmilliarden.

Endlich stand ich. Schwankend, krumm, elend, wie ein König nach einer verlorenen Schlacht.

Da entdeckte ich das Fahrrad. Es lag einige Meter entfernt im Straßengraben. Und es sah erbärmlich aus. Der Rahmen war verbogen. Das Vorderrad stand schief. Der Lenker zeigte in eine Richtung, die mit den ursprünglichen Plänen des Herstellers nichts mehr zu tun hatte. Es wirkte seltsam leblos. Fast wie ein gefallener Kamerad. Und zu meiner eigenen Überraschung empfand ich Schuld. Nicht wegen des Metalls, nicht wegen des Gummis, sondern wegen der Geschichte.

Dieses Fahrrad hatte mich getragen. Verläßlich, ohne Klagen, ohne Widerrede. Und ich hatte es in den Tod geschickt. Vielleicht bedeutete Verantwortung genau das. Zu erkennen, daß man Dinge zerstören konnte, obwohl sie einem helfen wollten. „Vergib mir, treuer Gefährte“, sagte ich allen Ernstes in die Nacht.

Dann wandte ich mich ab und humpelte los. Wie eine Maschine aus Schmerzen, wie ein Wunder, das dringend repariert werden mußte. Und mit jedem Schritt schien alles heller zu werden.

Etwa fünfzehn Minuten später erreichte ich das Marien-Hospital. Um ehrlich zu sein, weiß ich bis heute nicht genau, wie. Die Erinnerung an diesen Weg besteht hauptsächlich aus Schmerzen. Aus Schritten und aus weiteren Schmerzen. Mein Körper hatte sich inzwischen zu einer lautstarken Protestbewegung entwickelt. Jeder Muskel demonstrierte, jedes Gelenk streikte, jeder Knochen reichte Beschwerdeschreiben ein. Ich hingegen ignorierte sämtliche Einwände.

Vor mir erhob sich das Krankenhaus. Groß, hell, nüchtern. Ein Gebäude, das weder Schönheit noch Trost ausstrahlte, sondern etwas viel Wichtigeres: Hoffnung. Tausende Menschen waren in den vergangenen Jahrzehnten durch diese Türen gegangen. Menschen bauten merkwürdige Dinge. Kathedralen, Gefängnisse, Kasinos, Waffenfabriken. Doch Krankenhäuser gehörten zu ihren besseren Einfällen.

Ich blieb im Schatten eines Baumes stehen und beobachtete den Eingangsbereich. Die automatische Glastür öffnete und schloß sich in regelmäßigen Abständen. Menschen kamen, Menschen gingen. Pflegekräfte, Besucher, Angehörige, ein alter Mann mit Blumen, eine Frau mit verheulten Augen. Alle bewegten sich durch ihre eigenen kleinen Dramen. Und ich stand mitten zwischen ihnen. Mit aufgerissenen Jeans, Blut im Gesicht und Wodka im Kopf und einem Plan, der vermutlich gegen ungefähr sämtliche Naturgesetze verstieß.

Die Empfangsdame saß hinter ihrem Tresen. Wenn sie mich so sah, war die Sache erledigt. Dann würde man mich festhalten. Untersuchen, verbinden, röntgen, befragen. Man würde mich in ein Bett legen. Nein, das kam nicht in Frage.

Also wartete ich. Die Menschen nennen so etwas Geduld. Ich nenne es erzwungene Untätigkeit.

Nach einigen Minuten geschah das Wunder. Nicht das große, nur ein kleines.

Die Frau stand auf, griff nach irgendeiner Akte und verschwand dann durch eine Seitentür.

Ich setzte mich in Bewegung. Gebückt, langsam und vorsichtig. Schon die automatische Tür zu durchqueren fühlte sich an wie die Erstürmung einer Festung. Sobald ich die Eingangshalle betreten hatte, schlug mir der typische Geruch entgegen. Desinfektionsmittel, Kunststoff, Sauberkeit.

Der Aufzug stand offen, als hätte er auf mich gewartet. Ich trat ein. Die Türen schlossen sich. Der Spiegel an der Rückwand zeigte mir mein Gesicht. Uff! Kein Wunder, daß mich niemand hereinlassen würde. Ich sah aus wie jemand, der eine Schlägerei gegen eine Autobahn verloren hatte. „Tom“, sagte ich leise zu meinem Spiegelbild im Geiste, „deine Herstellerin wird mich umbringen.“

Der Aufzug summte nach oben. Mit jeder Etage schien mein Herz schneller zu schlagen. Nicht vor Angst. Vor Erwartung. Vor etwas, was ich zu tun gedachte.

Endlich öffneten sich die Türen. Der Flur lag fast verlassen vor mir. Die Nacht hatte auch diesen Ort bereits erobert. Die Lampen brannten gedimmt. Die Stimmen waren verstummt. Nur das entfernte Summen medizinischer Geräte war zu hören. Ich humpelte weiter.

Zimmer 138. Dort! Endlich. Ich klopfte an die Tür. Keine Antwort. Noch einmal. Nichts. Langsam drückte ich die Klinke hinunter. Die Tür glitt auf, und ich trat ein.

Das Zimmer war fast vollständig dunkel. Nur die Monitore und Anzeigen der medizinischen Apparate spendeten kaltes bläuliches Licht. Es war, als würde der Mond selbst im Zimmer wohnen.

Bettie schlief. Die Maschinen standen um ihr Bett herum wie schweigende Wächter. Oder wie Priester einer Religion, die ausschließlich aus Zahlen bestand. Ein dünner Schlauch verlief zu ihrer Nase.

Ihr Gesicht wirkte noch schmaler als vor ein paar Tagen. Es war fast durchsichtig geworden. Der kahle Schädel war eine ungeheuerliche Beleidigung gegen alles Weibliche. Unter der Decke wirkte sie so leicht, als könnte man sie mitsamt dem Bett aus dem Fenster tragen wie eine Feder.

Und dennoch war da etwas. Etwas Unzerstörbares. Etwas, das selbst die Krankheit nicht berührt hatte. Bettie – einfach Bettie. Diejenige, die lachen konnte, obwohl das bißchen Leben ihr Gründe genug geliefert hatte, es nicht mehr zu tun. Diejenige, die immer zuerst an andere dachte. Diejenige, die morgen aufgeschnitten werden sollte wie ein defektes Uhrwerk, in der Hoffnung, daß die Uhr danach weiterlief. Was wenig dafür sprach.

Ich blieb stehen. Die Schmerzen meines Körpers waren plötzlich weit weg. Alles war weit weg. Es gab nur noch dieses Bett. Dieses Mädchen. Und die Nacht, die den Atem anhielt.

Langsam beugte ich mich über sie. „Bettie …“ Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

Sie rührte sich nicht. Also berührte ich vorsichtig ihre Schulter. „Bettie.“ Ihre Augenlider zuckten. Dann öffneten sie sich langsam. Zunächst blickte sie orientierungslos an die Decke. Dann zu mir. Und augenblicklich erschrak sie.

„Tom?!“ Sie richtete sich halb auf. „Was ist mit dir passiert?“ Ihr Blick wanderte über mein Gesicht. „Meine Güte, du blutest ja! Was machst du hier? Die Operation ist doch erst morgen!“

„Louis hat mich besoffen gemacht. Und auf dem Weg zu dir bin ich mit dem Fahrrad gestürzt.“

„Der Kotzbrocken-Louis?“

„Ja. Der Kotzbrocken-Louis.“

„Das sieht ihm ähnlich.“ Trotz ihrer Schwäche erschien für einen Augenblick das alte Bettie-Lächeln. Das echte. Das von früher. Das, das keine Krankheit der Welt hatte auslöschen können.

„Aber warum um Himmelswillen wolltest du um diese Zeit zu mir?“

Ich sah sie an. „Ich wollte mit dir tanzen.“

Sie blinzelte. „Tanzen?“ Dann musterte sie mein Gesicht erneut. „Okay, Digga. Du stehst unter Schock.“ Kurze Pause. „Oder bist immer noch besoffen.“

„Beides ist möglich.“

„Ich klingle jetzt nach der Schwester.“ Sie griff bereits nach dem Knopf. „Du mußt behandelt werden.“

„Nein, Bettie, bitte nicht.“

„Doch.“

„Nein.“

„Doch.“ Sie verdrehte die Augen. Selbst jetzt. Selbst hier. Selbst in diesem Zimmer.

„Mir geht’s soweit gut“, sagte ich.

„Du siehst aus, als hätte ein Mähdrescher versucht, dich zu adoptieren.“

„Ich will nur diesen einen Tanz von dir.“

Ihr Blick wurde weich. Traurig weich. „Ach Tom …“ Sie sah an sich herunter. Auf ihre dünnen Arme. Auf die Decke. Auf den Schlauch. „Schau mich doch an.“ Ihre Stimme war plötzlich leiser geworden. „Ich kann in dem Zustand gar nicht tanzen.“ Sie lächelte schwach. „Ich hab’s ja kapiert. Unsere Freundschaft ist für einen Jungen und ein Mädchen ungewöhnlich.“ Ihr Blick wanderte zum Fenster. „Wir hängen aneinander, seitdem wir denken können.“ Dann sah sie mich wieder an. „Und jetzt hast du Angst, daß du den Teil verlieren könntest, der dich beim Kartenspiel immer beschissen hat.“

Ich runzelte die Stirn. „Du hast mich beim Kartenspiel immer beschissen?“

„Nicht immer.“ Sie grinste. „Meistens.“

Zum ersten Mal seit ich das Zimmer betreten hatte, lachte sie lauthals. Und für einen Augenblick war sie wieder zwölf. Nicht krank, nicht kahl, nicht dem nächsten Morgen ausgeliefert. Einfach nur Bettie.

„Weißt du was?“ Sie seufzte. „Ich habe eine bessere Idee.“

„Die wäre?“

„Wir beten für die Operation morgen.“ Sie hob die Schultern. „Nicht, daß ich an Gott glaube oder sowas.“ Dann musterte sie mich. „Schon gar nicht an diesen einen widerlichen Gott, der aus dem schönsten Mädchen der Welt …“ Sie deutete auf ihren kahlen Kopf. „… Gollum gemacht hat.“ Sie lachte wieder. „Aber schaden kann es ja nicht, oder?“

Ich trat näher. Ganz nah. „Dieser Tanz ist ein Gebet, Bettie.“ Mein Herz schlug plötzlich so laut, daß ich glaubte, die Monitore müßten es hören. „Und es wird der beste Tanz deines Lebens werden.“

Sie sah mich lange an. Als versuche sie herauszufinden, ob ich verrückt geworden war.

„Komm“, sagte ich. Vorsichtig schob ich einen Arm unter ihren Rücken. Den anderen unter ihre Beine. Sie war erschreckend leicht. Fast schwerelos. Als hätte die Krankheit sie nicht nur ausgezehrt, sondern Stück für Stück aus der Wirklichkeit herausgelöst.

Langsam hob ich sie aus dem Bett. Sie verzog kurz das Gesicht. Dann lehnte sie sich an mich. „Meine Güte, Tom …“

„Was?“

„Du bist wirklich besoffen. Ich rieche es.“

„Ja.“

„Definitiv besoffen.“

„Ja.“

„Und ich glaube, ich bin inzwischen auch verrückt.“

„Sehr gut.“

Neben dem Bett erhob sich ein schmaler Infusionsständer aus Edelstahl wie eine metallene Standarte. An seiner Spitze hing ein durchsichtiger Beutel, dessen Inhalt langsam und unermüdlich in Betties Adern tropfte, als versuche die Medizin selbst, sie mit sanfter Gewalt im Reich der Lebenden festzuhalten.

„Hier.“ Ich führte ihre Hand an die Stange. „Halte dich daran fest.“

Sie umklammerte das kalte Metall.

Ich zog sie näher an mich. So nah, daß ich ihren Atem spüren konnte.

„Ich bin ziemlich hinüber und weiß nicht mehr genau, wie es früher war“, sagte sie leise. „Aber soweit ich mich erinnere, braucht man zum Tanzen Musik.“

„Ach ja.“ Ich nickte. „Das hätte ich beinahe vergessen.“ Mit der freien Hand griff ich in meine Jackentasche. Das Kommunikationsinstrument kam zum Vorschein. Daran baumelten die beiden Ohrhörer an Kabeln. Ich steckte einen in ihr Ohr, den anderen in meines.

„Was läuft denn?“

„Little Wonders.“

„Kenn ich gar nicht.“ Sie lächelte müde. „Muß vor meiner Thronbesteigung gewesen sein.“

Ich erwiderte das Lächeln. Dann blickte ich auf das Display. Einen Augenblick lang zögerte ich. Nicht wegen der Musik. Nicht wegen des Tanzes. Sondern wegen dessen, was gleich geschehen würde.

Ich berührte den Bildschirm. Und die Welt begann sich zu verändern. Die Musik setzte ein. Jene sanfte Melodie, von der Louis behauptet hatte, sie sei etwas für gehörlose Beamte. Nun schwebte sie durch die beiden winzigen Ohrhörer und füllte das Krankenzimmer mit einer Wärme, die in keinem Lautsprecher der Welt enthalten war. Es war, als würden die Töne nicht durch die Luft reisen, sondern direkt durch Erinnerungen. Während Rob Thomas sang:

Laß los,

Lass es von deinen Schultern fallen

Weißt du nicht,

daß das Schlimmste vorbei ist?

Laß es zu

Laß dich von deiner Klarheit bestimmen

Am Ende werden wir uns nur daran erinnern

wie sich alles mal angefühlt hat.

Bettie lehnte ihren Kopf gegen meine linke Schulter. Ihre Augen schlossen sich. Wir tanzten. Oder genauer gesagt: Wir schwankten. Ein vorsichtiges Hin und Her. Zwei Schiffbrüchige auf einem Floß. Ich trug den größten Teil ihres Gewichts. Dennoch hatte ich das Gefühl, sie würde mich tragen.

Mein Blick fiel auf ihren kahlen Kopf. Und blieb dort.

Dann begann sich die Wirklichkeit zu öffnen. Wie ein langsamer Zoom glitt mein Blick näher. Immer näher. Die Schädeldecke wurde durchscheinend. Durchsichtig. Schließlich verschwand sie.

Darunter erschien Betties Gehirn. Nicht als medizinische Illustration, nicht als Lehrbuchabbildung, sondern als etwas Lebendiges, etwas Atmendes. Die gewaltigen Windungen und Furchen wirkten wie Gebirgsketten einer unbekannten Welt. Graurosafarbene Kontinente aus Erinnerung und Bewußtsein. Täler, in denen Hoffnungen wohnten. Schluchten voller Ängste. Unscheinbare Hügel, auf denen sich die glücklichsten Augenblicke eines Menschenlebens niedergelassen hatten.

Ich glitt tiefer. Und plötzlich war ich von Licht umgeben. Milliarden Lichtpunkte, blinkten, antworteten einander, schickten einander Signale, empfingen Signale voneinander. Überall zuckten winzige Entladungen durch die Dunkelheit. Es sah aus wie ein Universum. Vielleicht war es sogar eines. Das Universum Bettie.

Dann erschien das erste Bild. Wie eine alte Super-8-Aufnahme, verkratzt, etwas verblichen, die Farben ausgewaschen von der Zeit.

Dort saßen wir. Drei Jahre alt. Im Sandkasten. Mit Förmchen und Schaufeln. Mit der feierlichen Ernsthaftigkeit kleiner Kinder, die überzeugt sind, gerade etwas Unsterbliches zu erschaffen. Unsere Mütter saßen auf einer Bank im Hintergrund. Sie redeten miteinander. Ab und zu sah eine von ihnen zu uns herüber. Bettie lächelte mich an. Ich lächelte zurück. Das Bild flackerte. Und verschwand.

Die Reise ging weiter. Durch Tunnel aus Erinnerungen. Durch blinkende Sternenfelder aus Synapsen.

Ein neues Bild entstand. Wieder Super 8. Wieder verkratzt.

Der Wald. Der riesige Baum. Bettie versteckte sich dahinter. Ich lief suchend zwischen den Stämmen hindurch und rief ihren Namen. Und hinter ihrem Versteck hielt sie sich die Hand vor den Mund, um nicht laut loszulachen.

Unsere Leben sind

In diesen kleinen Stunden entstanden

Diese kleinen Wunder

Dieses Auf und Ab des Schicksals

Die Zeit spielt keine Rolle

In diesen kleinen Stunden

Diese kleinen Stunden bleiben

Wieder antwortete Betties Gehirn darauf mit Bildern.

Da war das Zelt. Der Urlaub, den wir uns ausgedacht hatten, weil unsere Eltern sich keinen richtigen Urlaub leisten konnten. Unser Urlaub fand im Vorgarten statt. Doch es regnete den ganzen Tag, ein endloser Regen. Die Tropfen trommelten auf die Plane wie Millionen winziger Finger. Wir saßen frustriert darin, starrten hinaus, warteten auf Sonne – warteten vergeblich. Schließlich holten wir die Pokémon-Karten hervor. Und da plötzlich war der Urlaub gerettet.

Das Bild verblaßte. Ein weiteres entstand. Bunte Papiergirlanden. Eine Turnhalle. Schulfest. Tanzende Schüler. Und dann erschien Bettie. Vierzehn Jahre alt, in einem silbernen Kleid, die Haare hochgesteckt, das Make-up hoffnungslos übertrieben: Wunderschön! So wunderschön, daß sie selbst noch nicht wußte, was sie mit dieser Schönheit anfangen sollte.

Ich sah mich selbst zwischen all den Schülern. Und ich erinnerte mich an meinen Gedanken: Meine kleine Bettie-Maus. Ich fürchte, jetzt ist Schluß mit unseren Pokémon-Karten. Das Bild zerfiel.

Laß es davongleiten

Laß deine Sorgen hinter dich fallen

Laß es glänzen und strahlen

Bis du alles um dich herum fühlen kannst

Und es macht mir nichts aus

Wenn ich es bin, an den du dich wenden mußt

Wir kriegen das hin

Das was in unserem Herzen ist – das zählt am Ende

Ich spürte mit einem Mal Tränen auf meinen Wangen. Erst einzelne. Dann mehr. Meine Hände begannen zu zittern. Ganz leicht zunächst. Dann stärker. Denn die Reise näherte sich ihrem Ziel.

Noch ein Bild flackerte auf. So kurz, daß ich es beinahe übersehen hätte.

Bettie war vielleicht neun Jahre alt. Wir saßen auf einer Bordsteinkante vor einem Kiosk. Zwischen uns lag nur noch ein einziger Schokoriegel. Ich erinnerte mich wieder. Ich hatte mein Taschengeld vergessen und so getan, als wäre mir das egal. Bettie hatte den Riegel in zwei möglichst gleiche Hälften zerbrochen und mir die größere gegeben. Als ich sie darauf aufmerksam machte, zuckte sie nur mit den Schultern und sagte: „Ist doch logisch. Du bist größer als ich.“

Dann verschwand das Bild wieder. Ich begriff, daß die Welt nicht ärmer werden würde, wenn ein Stern erlosch oder hundert Galaxien aufeinanderprallten.

Auf einmal tauchte er auf. Der Tumor. Nicht groß, nicht monströs, nicht spektakulär. Gerade deshalb wirkte er so bedrohlich. Ein dunkles Gewebe. Eine graue, fremde Insel inmitten all dieser Erinnerungen. Eine falsche Note in einer Symphonie. Ein Schatten zwischen Milliarden Lichtern. Ein Eindringling. Ich betrachtete ihn lange.

Dann schnippte ich mit den Fingern!

Sofort raste die gesamte Reise rückwärts. Die Synapsen, die Lichtfelder, die Windungen. Alles schoß mit unvorstellbarer Geschwindigkeit an mir vorbei. Ich bebte jetzt am ganzen Körper.

Alles was ich bereue,

wird irgendwann weggespült sein

aber ich kann nicht vergessen,

wie ich mich jetzt im Moment fühle.

Bettie sackte plötzlich in meinen Armen zusammen, Nicht bewußtlos, nicht schlafend. Eher wie in einer Trance. Ich hielt sie fest, ganz fest.

Und dann sah ich es. Weit draußen. Jenseits aller Sternbilder jenseits aller bekannten Räume. Galaxien, Tausende, Zehntausende. Sie gerieten aus ihren Bahnen. Erst langsam, dann schneller. Spiralnebel begannen zu taumeln, Sterneninseln drifteten auseinander. Andere stürzten aufeinander zu. Lichtjahre verloren ihre Bedeutung. Kosmische Ströme rissen ganze Sternreiche mit sich fort.

Dann kam der Aufprall. Eine Galaxie traf die nächste. Und die nächste. Und die nächste. Milliarden Sonnen wurden verschlungen. Planetensysteme zerrissen. Sternhaufen explodierten wie Funken in einem Schmiedefeuer von göttlicher Größe. Das Universum schien sich selbst zu zerfleischen. Ein kosmisches Massaker. Ein Opfer, ein Preis, ein Ausgleich.

Und inmitten in diesem Inferno geschah etwas Winziges, etwas Unscheinbares, etwas, das für das Universum bedeutungslos war. Für ein sechzehnjähriges Mädchen, das eines Tages hundertundzwei Jahre alt werden sollte, jedoch nicht.

Langsam legte ich Bettie zurück ins Bett, zog die Decke bis zu ihren Schultern und strich ihr über die Stirn. Dann löschte ich diese Nacht aus ihrem Gedächtnis. Den Tanz, die Musik, mich, alles.

Als ich hinausging und auf den Flur trat, erschien die Lichtsäule. Still, senkrecht, inzwischen im gelben Bereich, unwirklich. Oben schwebte die Zahl: 51,003 %. Sie glomm wie ein Urteil.

Ich wollte noch darüber nachdenken. Doch dazu kam ich nicht mehr. Meine Beine gaben nach, die Welt wurde schwarz, und ich stürzte zu Boden.

 

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