Es gab einmal eine Zeit in diesem Lande, da wollten es einige dem Staat so richtig zeigen. Obwohl es sich bei ihnen nur um eine Handvoll Männer und Frauen (also völlig gleichberechtigt) handelte und der Staat sein Gewaltmonopol mit hunderttausendfach überlegenem Personal gegen sie durchzusetzen vermochte, schafften es diese Leute dennoch, ihn herauszufordern, unter der politischen und wirtschaftlichen Elite und der Justiz Angst und Schrecken zu verbreiten und eine allgemeine Atmosphäre der Destabilisierung in der Gesellschaft heraufzubeschwören.

Die „Rote Armee Fraktion“ (RAF) und ihre Nachfolgegenerationen in den 70ern und beginnenden 80ern waren eine marxistisch-maoistische Terrorsekte, deren Ziel die Auflösung der aus ihrer Sicht irre kapitalistischen BRD zugunsten eines nebulösen, totalitär-kommunistischen Paradieses war. Ihre Bekanntmachungen (meist über sieben Ecken durch die linke Presse verbreitet) gestalteten sich als derart von ihrem Tunnelblick geprägt, mit solch einem kryptischen Marx-Sprech versehen und so trocken formuliert, daß man schon nach dem ersten Absatz aufhörte zu lesen, weil man den Text einerseits nicht verstand, andererseits dabei vor Langeweile fast umkam.

Um ihr Ziel zu erreichen, steckten diese Männer und Frauen Gebäude in Brand, legten Bomben, schossen Politiker, Finanzgrößen, Polizisten oder Zufallsopfer zu Krüppeln, entführten symbolträchtige Figuren aus der Polit-, Justiz- und Wirtschaftswelt, ermordeten sie und taten noch so einiges, damit der durch demokratische Wahlen legitimierte Staat sich nirgendwo und zu keiner Zeit mehr sicher fühlen konnte. Kurz gesagt, die Rote Armee Fraktion bestand aus Staatsfeinden par excellence.

Trotz dieser Gräueltaten flogen Andreas Baader, Karl-Heinz Dellwo, Gudrun Ensslin, Wolfgang Grams, Eva Haule, Christian Klar, Ulrike Meinhof, Brigitte Mohnhaupt, Inge Viett, Holger Meins und wie sie sonst alle hießen in verklausulierter Manier die Herzen größerer Teile damaligen Links-Intelligenzija zu. Zwar verurteilte man auch dort die barbarische Gewalt, fand jedoch das Anliegen der Terroristen irgendwie „sympathisch“. Deshalb wurden sie auch Sympathisanten genannt.

Der Begriff Staatsfeind ist also ambivalent. Je nachdem, aus welchem Blickwinkel man ihn betrachtet, kann ein Staatsfeind auch ein Widerstandskämpfer, ein Rebell oder ein Aktivist sein.

Die Mitglieder der Roten Armee Fraktion waren Unmenschen, kaltblütige Killer, an deren Händen viel Blut klebte, emotionslose Zombies. Aber eins waren sie sicher nicht: Maulhelden. Sie machten sich nicht der heute inflationär verwendeten und bei jedem Facebook-und-Twitter-Furz zu Echauffierungsausbrüchen führenden „Haßverbrechen“ schuldig, sondern ließen ihren Worten tatsächlich Taten folgen. Sie waren der personifizierte und ganz praktische Haß. Wenn sie sagten, daß sie diesen oder jenen als nächsten im Visier hätten, dann kriegten sie ihn auch über kurz oder lang.

Das Unglaubliche an der RAF war, daß die Strafverfolgungsbehörden deren Personal mit Vor- und Nachnamen kannten, daß Fahndungsplakate mit Gesichtern ihrer Mitglieder auf Schritt und Tritt überall in der Republik bestplatziert hingen und daß wegen ihnen sogar eine spezielle Methode der polizeilichen Einkreisung erfunden wurde: die Rasterfahndung. Und trotzdem gelang es etlichen RAF-Mitgliedern über verblüffend lange Zeit hinweg, einigen sogar bis zum Fall der Mauer, komplett unterzutauchen. Teilweise mit freundlichem Support der damaligen DDR versteht sich. Ein paar von ihnen, so wird in Ermittlerkreisen spekuliert, leben immer noch im Untergrund.

Zum Wesen des Staatsfeinds eine kleine Zwischenbemerkung. Viele denken bestimmt, daß der islamische Terrorist heutzutage den klassischen Staatsfeind abgelöst hätte. Das ist ein Irrtum! Der islamische Terrorist oder der aus privater religiöser Überzeugung selbständig handelnde islamische Amokläufer hat nichts gegen den Staat. Im Gegenteil, er will sogar einen sehr harten und autoritären Staat, der nach Gottes Wort handelt und diejenigen züchtigt und tötet, die dies nicht tun. Der islamische Terror richtet sich gegen die westliche Lebensweise ganz allgemein, ihm sind keine komplizierten wirtschaftlichen oder politischen Theorien wie bei der RAF inne. „Allahu akbar“ genügt ihm als Motivation.

Wir wollen uns einmal vorstellen, wie die RAF vorgegangen wäre, hätte sie zu jener Zeit unsere jetzige digitale Technologie, insbesondere Kommunikationstechnologie besessen. Der Grund für diese Spekulation ist eine Aussage von Gesundheitsminister Karl Lauterbach, die er im Zusammenhang mit den Mitte April aufgeflogenen Mitgliedern einer bundesweiten Telegram-Chatgruppe aus „Reichsbürgern“ und radikalen Gegnern der Corona-Politik, sogenannten „Querdenkern“, gemacht hat. Sie hatten angeblich Sprengstoffanschläge und die Entführung Lauterbachs geplant. Bei bundesweiten Durchsuchungen wurden zuvor vier Beschuldigte festgenommen. Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) sprach von einer „schwerwiegenden terroristischen Bedrohung“. Lauterbach sagte dazu:

„Noch nie hatten wir so viele Staatsfeinde“

Nun ist Karl Lauterbach – tja, wie soll man ihn ehrlicherweise beschreiben, ohne daß man eine Beleidigungsklage an den Hals kriegt? – ein sehr spezieller Mann und ein noch speziellerer Politiker. Er hat schon vieles gesagt, was grundfalsch, ohne Sinn und Verstand und einfach lachhaft war.

Aber in diesem Fall stimmt er hundertprozentig mit der Regierungsagenda überein, nach der hinter jedem im Suff getätigten Kommentar von irgendeinem Schwachmaten und Möchtegern-William Wallace in den sozialen Medien eine drohende Machtergreifung aus der Nazi-Ecke steckt und der „Kampf gegen Rechts“ mit noch mehr Millionen und Milliarden Steuergeld zu finanzieren sei. Alle naselang werden irgendwelche Chat-Gruppen gesprengt, in denen sich drei Vollidioten ins Delirium steigern, wie sie bald einen Putsch bewerkstelligen würden. Sie ergehen sich dabei an An-die-Wand-stellen-Rachegelüsten und Nürnberg-2.0-Phantasien.

Daraufhin werden Wohnungen von Sondereinsatzkommandos gestürmt und, sobald darin etwas Waffenartiges, sei es auch nur ein Luftgewehr, gefunden wird, hat man in letzter Minute eine rechtsextremistische RAF zerschlagen.

Das mag Sinn ergeben oder auch nicht, und, wer weiß, bei diesen Maulhelden könnte in Zukunft tatsächlich eine Sicherung durchschmoren, wenn man es laufenließe und es nicht rechtzeitig verhinderte. Sozusagen wie man es an der Dauer und Steigerung der Lautstärke beim Gebrüll einer Affenhorde ablesen kann, wann es zum Kippunkt kommen wird und alle sich dann gegenseitig den Schädel einschlagen.

Anderseits gibt es außer solchen angeblich brandgefährlichen Telegram-Kanälen, die der rechten Radikalität Vorschub leisten sollen, so etwas wie das Zentralorgan der Antifa „Indymedia.org“, in dem offen und frei von der Leber weg linksextremistische Zerstörungs- und Gewalttaten vorbereitet und gefeiert werden, ohne daß ein Staatschutz sich bemüßigt fühlte, diese ungeheuerliche Echokammer der wahren Staatsfeinde lahmzulegen. In den über jeden Telegram-Schwachsinn geifernden Leitmedien kommt das Thema Indymedia sowieso nie vor.

Zurück zu der Frage, wie die RAF vorgegangen wäre, wenn sie damals schon über die heutige Kommunikationstechnologie verfügt hätte.

Hätte sie auf Telegram angekündigt „Wir, das RAF-Kommando `Siegfried Hausner´, werden Hanns Martin Schleyer (von 1973 bis 1977 deutscher Arbeitgeberpräsident und seit 1977 Vorsitzender des Bundesverbandes der Deutschen Industrie) entführen und, falls die Bundesregierung nicht auf die Forderung nach Freilassung von elf inhaftierten RAF-Mitgliedern eingeht, ermorden“? Hätte sie bei VKontakte angekündigt „Wir werden bei unserer sogenannten Mai-Offensive sechs Bombenanschläge verüben, in deren Folge vermutlich vier Menschen ums Leben kommen und über 70 verletzt werden“? Hätte die RAF auf GETTR verraten „Wir werden durch einen unserer Scharfschützen den Präsidenten der Treuhandanstalt, Detlev Karsten Rohwedder, erschießen und seine Frau verletzen“?

Wohl eher nicht. Denn die RAF bestand, wie gesagt, nicht aus Maulhelden, und Konspiration war ihr Markenzeichen.

Tatsache ist, daß vieles, von dem die RAF damals halluziniert hat, heute Wirklichkeit geworden ist, und die echten Staatsfeinde im Staate selbst sitzen. Das von der RAF propagierte Ideal des Sozialismus unterscheidet sich nur graduell vom gegenwärtigen deutschen, in dem die Bürger immer schneller und erfindungsreicher und diesmal mit großer Unterstützung der Mainstreammedien in einen Kollektivismus hineingedrängt werden. Nur die Namen und Titel haben sich geändert, die „Erzählung“ ist eine andere.

Hieß es früher, der Kommunismus, ja, sogar der Pol-Pot-Kommunismus müsse kommen, damit ein jeder ausbeutungsfrei und ohne den bösen Konsumterror leben könne, so wird die freiwillige Verarmung und der sukzessive Wohlstandsverlust durch immer neue vermeintliche Krisen wie Klima-Apokalypse, Pandemien und eine eingebildete Bußpflicht gegenüber kulturfremden Ethnien gerechtfertigt. Die Sympathisanten der RAF und deren Kinder und Enkelkinder im Geiste bekleiden heute hohe Regierungsämter und handeln ganz im Sinne ihrer einstigen Idole: Die RAF hätte Bauklötze gestaunt.

Die inflationär vielen Staatsfeinde, von denen Karl Lauterbach rumspinnt, also jene vom Kaliber der RAF, existieren nur in seiner wirren Phantasie. Vielmehr handelt es sich bei der heutigen Staatsfeindlichkeit um virtuelle Onanie der Gewalt, um Meckern auf Verschwörungstheorie-Niveau und das sich Auskotzen von Hilflosen und Ohnmächtigen. Alle Gewalt geht heutzutage vom Staat aus. Die RAF hat also ihr Ziel indirekt erreicht. Und noch nie hatten wir so wenige Staatsfeinde.

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