In grauer Urzeit, man kann es sich heute gar nicht mehr vorstellen, wurde ich bei der Vorstellung eines meiner neu erschienenen Bücher regelmäßig zu irgendwelchen Fernsehsendungen, sogar zu Talk-Shows eingeladen. Mir Wohlgesinnte gaben mir dabei vorher stets den Ratschlag, bloß „sympathisch rüberzukommen“. Oder sagten hinterher, ich sei sehr sympathisch rübergekommen (oder auch nicht). Ich konnte mit diesem Sympathie-Zeug nie etwas anfangen. Schließlich stellte ich ja frei erfundene Geschichten vor, die den Leuten gefallen sollten, und hatte nicht den Anspruch, als der netteste Typ des Universums in die Geschichte einzugehen.

Große Künstler waren und sind übrigens sehr oft menschlich die größten Kotzbrocken, völlig egozentrisch, sexmonströs, drogenabhängig, verantwortungslos und kalt gegenüber ihren Familien und Angehörigen, schier linksextremistisch eingestellt, obwohl sie das Leben von Multimillionären genießen, einfach falsch. Aber, und dieses Aber machte und macht den Unterschied, sie besaßen und besitzen nun einmal ein spezifisches Talent, für dessen Genuß die Menschen bereit sind, Geld auszugeben, oft sogar viel Geld.

Das mit dem „sympathisch rüberkommen“ kannte ich noch von viel früher. Bevor ich Romane schrieb, verfaßte ich nämlich Drehbücher für Filmproduktionen oder Regisseure. Und es schien dabei immer ein ehernes dramaturgisches Gesetz zu sein, daß die Hauptfigur der Story irre sympathisch sein mußte. Ich konnte Wetten darauf abschließen, daß bei einer Drehbuchbesprechung irgendwer irgendwann den bedeutenden Satz fallenlassen würde „Die Figur muß sympathischer werden!“

Ich wußte mit dieser Schablone nie etwas anzufangen. Was sollte die Figur tun, um sympathischer zu werden? Sollte sie ihren Mitmenschen Blumen schenken, alte Leute über den Zebrastreifen begleiten oder Geld für wohltätige Organisationen spenden?

Gewiß, es gibt bestimmte Genres, bei denen das Sympathische der Hauptfiguren unabdingbar ist. Die Liebenden in einer romantischen Komödie sollten in ihrer Freizeit nicht gerade heimlich Kinder töten und deren Blut saufen. Und der Held eines Action-Krachers sollte nicht gerade die Vergewaltigung von Frauen als etwas Selbstverständliches betrachten.

Und doch wird die Sache kompliziert, je mehr man vom Klischee abweicht und Story und Figuren differenzierter werden – bis die abgedroschene Filmweisheit „die Hauptfigur muß sympathisch sein“ überhaupt keinen Sinn mehr ergibt.

Denn was soll an einem vereinsamten Halbirren wie Travis Bickle in dem Kultstreifen „Taxi Driver“ (USA 1976 / Regie: Martin Scorsese), am größenwahnsinnigen Verbrecher Tony Montana in „Scarface“ (USA 1983 / Regie: Brian De Palma), an einem Monster in Menschengestalt namens Hannibal Lecter in „Das Schweigen Lämmer“ (USA 1991 / Regie: Jonathan Demme) und an dem Groß-Betrüger Jordan Belfort in „The Wolf of Wall Street“ (2013 USA / Regie: Martin Scorsese) so sympathisch sein? Was soll an der Nutte Vivian Ward in „Pretty Woman“ (1990 USA / Regie: Garry Marshall), über die vermutlich schon mindestens 200 Männer drübergerutscht waren, bevor endlich auch Richard Gere randurfte, so sympathisch sein? Und wo genau soll in einem solch durchgeknallten Film wie „Pain & Gain“ (USA 2013 / Regie: Michael Bay), in dem sämtliche Figuren, einschließlich der Opferfigur, völlig unsympathisch sind, auch nur ein Funken an Sympathie zu finden sein? Weshalb wurden all diese Filme trotzdem zu Supererfolgen?

Ich habe an diese filmische Sympathieträger-Theorie nie so richtig geglaubt. Nun werde ich in meiner Meinung durch eine herausragende True-Crime-Doku von Netflix vollauf bestätigt: „Inventing Anna“.

 

 

In der neunteiligen Serie, die von der real existierenden Hochstaplerin Anna Sorokin handelt, gibt die atemberaubend gut spielende Hauptdarstellerin Julia Garner in keiner einzigen Einstellung der Versuchung nach, in irgendeiner Weise sympathisch zu wirken. Sie bleibt die ganze Strecke über völlig unsympathisch, empfindungslos, arrogant und, ja, im besten Sinne autistisch. Und doch ist es ein reines Vergnügen, dieser Soziopathin bei ihren diversen Betrügereien, die viele Menschen schädigten, zuzusehen.

Die 1991 in der Nähe von Moskau geborene Anna Sorokin (Anna Wadimowna Sorokina) ist die Tochter einer russischen Einwandererfamilie, die sich 2007 in Deutschland, Raum Eschweiler, niederließ. Von früh auf war sie ein markenfetischistisches Mädchen, das sich aus ihrem gewöhnlichen Elternhaus in die glamouröse High-Society-Welt hineinträumte. Nach Zwischenstationen in London und Paris gelang es ihr, unter dem Pseudonym Anna Delvey als angebliche Tochter eines millionenschweren russischen Oligarchen oder Diplomaten am Leben der wohlhabenden Gesellschaft New Yorks teilzunehmen. Damit täuschte sie über einen Zeitraum von 2013 bis 2017 Hotels, Geschäftsbekannte, Banken oder vermeintliche Freunde und betrog sie um insgesamt 275.000 US-Dollar. Im Jahr 2019 wurde sie wegen Betruges angeklagt, schuldig gesprochen und inhaftiert. Seit ihrer Entlassung aus dem Gefängnis wehrt sie sich bis heute mit Händen und Füßen, die USA zu verlassen und nach Deutschland abgeschoben zu werden, obwohl sie hier keinerlei Strafen erwarten.

Julia Garner, die mir wegen ihrer außergewöhnlich coolen Erscheinung und ihrem unterkühlten Schauspielstil schon bei der Serie „Ozark“ aufgefallen ist, spielt diese Anna erbarmungslos authentisch. Sie hat Mut zur Häßlichkeit und sieht mit ihrer überdimensionierten, klobigen Brille, ihren stets nach unten weisenden Mundwinkeln und ihren teppichartig langen Haaren aus wie eine dauerfrustrierte Eule.

Einige Szenen spielen in Deutschland, da eine Journalistin (die Erzählerfigur) bei ihren Recherchen ihre Eltern ausfindig gemacht hat, die weiterhin unter bescheidenen Umständen in Eschweiler leben und mit ihrer Skandal-Tochter nichts zu tun haben wollen. Die Mutter sagt der Journalistin, es wäre eine Illusion, wenn Eltern glaubten, daß sie ihre Kinder zu irgend etwas erziehen könnten, und Anna sei immer schon ein Fremdköper in ihrer Familie gewesen, da sie stets in ihrer eigenen Welt gelebt und nach Höherem gestrebt habe. Eine andere Frau, die die Recherchen vor Ort mitbekommen hat und mit ihr zur Schule gegangen ist, steckt ihr zu, daß die liebe Anna sich schon auf dem Gymnasium als Mode-Polizistin bei den Mädels aufgespielt habe.

Spätestens da wird klar, warum die richtige Anna auf keinen Fall nach Deutschland zurückwill. Nicht nur, daß Deutschland ein absolut langweiliges und auf Heuchelei bedachtes Land für Upper-Class-People ist, sondern es ist darin für Normalsterbliche nahezu unmöglich, in den inneren Kreis von Big Money einzudringen. Vielleicht kennt der eine oder andere in seinem Umkreis sogenannte Wohlhabende, also ganz kleine Reiche. Doch fast niemand kennt in Deutschland jemanden aus der Meta-Ebene des Geldes. Die wirklich Reichen verstecken oder camouflieren sich hier.

Bei mir war einmal ein Journalist, der eine Reportage über die sogenannten Hidden Champions, also mittelständische Unternehmen, die in Nischen-Marktsegmenten Europa- oder Weltmarktführer geworden sind, im Baden-Württembergischen produziert hat. Man gab ihm während seiner Recherche eine Adresse und sagte, daß er nach einem Herrn X fragen solle. Der Journalist stand dann schließlich vor einem stinknormalen, kleinen Eigenheim in einem Provinznest, in dessen Vorgarten ein Greisenschrat in zerlumpter Jogginghose Unkraut jätete. Es war Herr X, der ihm mitteilte, daß sein Unternehmen Metallgelenke insbesondere für Zeltgestänge produziere und weltweit jährlich einen Umsatz von 1,7 Milliarden Euro mache. Der Journalist solle aber bloß nicht seinen Namen erwähnen.

In den USA ist es ein bißchen anders. Die Reichen haben dort viel weniger Scheu, mit ihrem Vermögen zu protzen. Auch haben sie keine Berührungsängste zu Leuten, die zwar kein Geld haben, aber mittels ihrer Kreativität, ihrer exaltierten Art oder Originalität wie Magneten auf sie wirken. So ein Magnet war Anna.

Bei uns dagegen haben sich die Superreichen eine Burgfassade aus irgendwelchen vorgeblich hochmoralischen Stiftungen, die Politik beeinflussenden Netzwerken und hochdotierten Managern, die als Strohmänner dienen, errichtet, hinter der sie unsichtbar werden. Ihre Kinder sind bei „Fridays for Future“ engagiert oder spielen graue Angestelltenmäuse in irgendwelchen grün-linken Geschwätzinstituten – mit einem Milliardenvermögen im Rücken.

Natürlich gibt es auch bei uns die Rich Kids, die mit Papas Privatflugzeug mal schnell in die Karibik zu einer Champagner- und Hummer-Sause düsen. Aber diese bleiben stets unter sich. Eine naiv das kostspielige High Life feiernde Anna hätte in Deutschland nicht die geringste Chance, in diesen Inner Circle zu gelangen. Und das weiß sie.

Ebenso verhält es sich mit der Investitionsmentalität der reichen Deutschen. Hatte es Anna in New York, selbstredend auf betrügerische Art und Weise, beinahe hingekriegt, viele Investoren für eine Art exklusiven Club und Mehrzweck-Veranstaltungsort plus Kunststudio in einer Vorzeigeimmobilie an der Park Avenue für 40 Millionen Dollar zu interessieren, wäre sie bei uns schon an der Sparkasse bei einem Überziehungskredit von 1000 Euro gescheitert.

So wie der Bauer nur ißt, was er kennt, so investiert der reiche Deutsche nur in Vorhaben, die a) 200 Prozent sicher sind und b) am besten noch mit Steuergeldern subventioniert werden. Risiko ist hierzulande ein Angstwort. Dieses Sicherheitsdenken, und das nicht nur bei den Reichen, ist es auch, das die Deutschen allmählich in die wirtschaftliche Katastrophe führt. Insofern können wir Anna weniger als einen selbstsüchtigen Robin Hood, als vielmehr als eine Freiheitskämpferin der unverwässerten Marktwirtschaft ansehen. Die Leute, die sie schädigte, waren allesamt keine armen Kirchenmäuse. Die Einzige, die wirklich wie sie prekär lebte und einen großen finanziellen Schaden davontrug, hat später mit dieser Story in Buchform das Zehnfache der Schadenssumme eingefahren. Eine gute Investition, würde ich sagen.

Wie gesagt, es macht einen Riesenspaß, dieser unsympathischen, doch unfaßbar raffinierten Anna bei ihrem tausenderlei Schwindel zuzusehen.

Um nochmals auf das Supertalent Julia Garner zurückzukommen: Ihr Tunnelblick-Gesicht, ihre fast schmerzende Empathielosigkeit gegenüber anderen, ihre kontrollierte Eiseskälte selbst in verfahrensten Situationen sind es, die uns diese seltsame Figur so nahebringen. In keiner Szene läßt sie sich dazu hinreißen, eine psychologische Ursache in Annas Verhalten anzudeuten. Sie spielt „straight“, wie man die gradlinige Performance ohne psychologisierenden Firlefanz in der US-Mimenkunst bezeichnet, und sagt uns damit, so ist diese Frau nun mal.

Nebenbei hat sowohl die wahre, als auch die filmisch erzählte Geschichte einen zutiefst feministischen Ansatz, und dafür sollten alle unsere von männlicher Unterdrückung in der Dauerschleife heulenden Luxus-Emanzen sie in ihre Hall of Fame aufnehmen: Anna fickt die Männer, bevor diese überhaupt auf den Gedanken kommen, sie zu ficken.

In diesem Sinne Anna for ever!

„Inventing Anna“, Netflix

P.S.

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