DAS SCHEITERN SYNTHETISCHER SYSTEME

SERIE

TEIL III – SCHAUSPIELER GESUCHT

Da das alte synthetische System von der Gleichheit der Menschen ganz offensichtlich versagt hatte, hatten sich die Lobbyisten der Armen ein anderes synthetisches System ausgedacht, welches nun endgültig jedermann zufriedenstellen würde. Es funktionierte folgendermaßen: Die Menschen waren nicht alle gleich! Warum war man eigentlich nicht gleich am Anfang darauf gekommen? Wie hatte man nur übersehen können, daß einige nichts anderes im Sinne hatten, als andere auszubeuten, übers Ohr zu hauen, ja zu versklaven, um ihren eigenen Wert zu steigern? Und wie bewerkstelligten sie das?

Durch ihr Kapital und ihre „Produktionsmittel“. Kurz, wenn ein „Ausbeuter“ irgendwo eine Fabrik hinpflanzte oder eine Kohlengrube als seinen Privatbesitz deklarierte, was blieb den Elenden anderes übrig, als sich in dieser Fabrik oder in jener Kohlengrube als Arbeitsameisen zu verdingen? Spät, aber Gott sei’s gedankt nicht zu spät, hatte man nun erkannt, daß in der königlosen, ach so freien Gesellschaft doch etliche Bösewichte existierten, die die einstmaligen hehren Ideale auf dem Altar der Gier geopfert hatten.

Die Menschen waren also nicht alle gleich. Aber – und jetzt kam die Neuerung – man konnte irgendwie einen Zustand herbeiführen, in dem es sich als unmöglich erwies, nicht gleich mit den anderen zu sein. Man konnte alle Menschen gleich machen bzw. so tun, als wären sie alle gleich! Wer jedoch konnte einen derartig kuriosen Zustand diktieren?

Der Staat!

Der unparteiische Staat, hier repräsentiert durch die Lobbyisten der Armen, konnte den Ausbeutern ihr Kapital und ihre Produktionsmittel konfiszieren und solcherweise einsetzen, daß tatsächlich allen eine gerechte Belohnung widerfuhr. Im Gedankengebilde der Lobbyisten war nämlich der Reichtum eine große, unveränderliche Torte, statisch und konstant, die bloß in gleichen Stücken aufgeteilt zu werden brauchte. Außerdem konnte man die Ausbeuter dazu zwingen, keine Ausbeuter mehr zu sein, indem man jedem, einerlei für welche Leistung, mehr oder weniger denselben Lohn auszahlte, so daß es sich für Ausbeuter gar nicht mehr rentieren würde, ihrem Ausbeutertum zu frönen. Doch würden die Ausbeuter dann so viel Energie, Zeit und List dazu verwenden, neue Produkte zu ersinnen, Fabriken zu bauen und neue Märkte zu erschließen? Natürlich nicht. Das übernahm jetzt der Staat.

Gedacht, getan. Nach einer Reihe blutiger Revolutionen stellte sich der gewünschte Idealzustand ein. Niemand war nun schlechter oder besser gestellt als der andere – außer natürlich die Lobbyisten, aber das fiel kaum ins Gewicht -, und der jeweilige Wert eines Einzelnen somit zur Makulatur geworden, weil alle ein und denselben Wert besaßen. Der Professor, der Maurer, der Fabrikant, der Fließbandarbeiter, der Oberaffe und der Unteraffe arbeiteten jetzt Hand in Hand und verdienten auch das gleiche, und wenn jemand doch auf dumme Gedanken kam, steckte ihn der Staat in ein Umerziehungslager oder zog ihn gänzlich aus dem Verkehr. So herrschte allerorten eitler Sonnenschein, und ein jeder stimmte wo er ging und stand Loblieder auf die neuen Verhältnisse an.

Wirklich? Handelte es sich bei diesen paradiesischen Impressionen tatsächlich um die Realität oder nur um einen Wunschtraum, den zu träumen der Staat seinen Bürgern befohlen hatte? Es sah verdammt nach dem Letzteren aus, denn es stellten sich auch nach der Einnahme der neuen Medizin böse Nebenwirkungen ein. Erneut kristallisierte sich ein gewaltiger Konstruktionsfehler heraus. Mit dem Verbot der schnöden Gier nach Wertsteigerung sank die große Apathie über die Menschen, über einen jeden Menschen. Und nicht genug damit, in Wahrheit hatte das Spiel „Wertchen wechsle dich“ gar nicht aufgehört, nur wurde es jetzt mit schwindelerregend diffizilen Regeln und im Geheimen. gespielt, leider auch mit dem Resultat, daß es anstatt wie in der Vergangenheit zur Verarmung partieller Schichten nun mehr zur Verarmung des gesamten Volkes kam.

Zunächst einmal waren die Dinge noch komplizierter geworden als zu Zeiten der inflationären Oberaffen. Denn alles, was diese früher ihrer eigenen Wertsteigerung wegen organisiert hatten, mußte nun der Staat auf die Beine stellen. Keine leichte Aufgabe für einen Laden, dessen ursprüngliche Aufgabe darin bestanden hatte, Pässe auszustellen, Diebe einzubuchten oder darüber zu sinnieren, an welchem öffentlichen Platz sich das Denkmal für den gefallenen Soldaten besser machen würde. Infolge seiner auf keinen persönlichen Gewinn ausgerichteten Struktur zog dieser Betrieb obendrein solcherart Menschen an, die nicht gerade davon träumten, eines Tages den Computer zu erfinden. Konkret bedeutete dies, daß eine Fabrik künftig nicht mehr von dem permanent seinen individuellen Wert zu steigern trachtenden Fabrikanten geleitet wurde, sondern von einer Art vom Staat engagierten Fabrikantendarsteller.

Der Fabrikantendarsteller zog aus seiner Tätigkeit keinen weiteren Nutzen, als daß er dasselbe Gehalt bekam wie der Fabrikarbeiter. Folglich konnte man ihm auch nicht dasselbe Konkurrenzverhalten abverlangen, die der echte Fabrikant im harten Wettbewerb mit den anderen Fabrikanten zutage gelegt hätte, oder ihm dieselbe Verantwortung auferlegen, die der echte Fabrikant im Falle einer Krise oder Pleite zu tragen gehabt hätte. Hätte man es ihm zugemutet, hätte er die Rolle wohl kaum angenommen. Und weil der Fabrikantendarsteller nur so tat, als sei er ein echter Fabrikant, und das auch alle genau wußten, konnte er wiederum mit seinen Fabrikarbeitern nicht so umspringen, wie Fabrikanten gewöhnlich mit Fabrikarbeitern umzuspringen pflegen, das heißt diese zu mehr Fleiß antreiben, üppig oder kärglich belohnen oder bei mäßig erbrachter Leistung oder schlechter Auftragslage feuern. So waren in Wahrheit auch die Fabrikarbeiter längst zu Fabrikarbeiterdarstellern geworden.

Das allgemeine Leben verkam zunehmend zu einem einzigen Schauspiel. Es ging jetzt nicht mehr um die Sache selbst, also um die optimale Versorgung der Menschen mit Nahrung und Konsumgütern, um die Arbeitsleistung, um neue Produkte oder effektives Management etc., sondern nur noch um die lukrativen Rollen, die diese fiktive Wirtschaft zu besetzen hatte. Sich der staatlichen Garantie auf die eigene Gleichheit mit den anderen bewußt, versuchte jeder sich einen Vorteil dadurch zu verschaffen, daß er weniger leistete, weniger innovativ war, weniger Erfindungen machte oder weniger Verkaufsideen austüftelte als der andere. Denn wo eine Wertsteigerung im Plusbereich nicht mehr möglich war, verlagerte sie sich in den Minusbereich. Vereinfacht gesprochen, man konnte seinen Wert dadurch steigern, daß man sich weniger anstrengte als der Kollege. Ingenieure errichteten Brücken keineswegs aus dem Grund, um in der Ingenieur-Werteskala weiter aufzusteigen, sondern um durch die Errichtung einer Brücke, gleichgültig in welcher Qualität, ihrer Ingenieursrolle so lala zu genügen. Bauern bestellten ihre Felder nicht zu dem Zweck, damit sie im Wettbewerb mit anderen Bauern einen hohen Preis für ihr Getreide erzielen konnten, sondern damit sie durch das Bauerntheater ihren Status als Bauern aufrechterhielten. Und Händler handelten mit Waren nicht deswegen, weil sie fette Geschäfte witterten, sondern weil irgendwer nun einmal mit Waren handeln mußte, und diese Rolle zufällig an sie gefallen war. Eine Selektion der Menschen und ihrem jeweiligen Wert fand nicht mehr statt. Anstelle dessen regierte das Mittelmaß, die Denk- und Lebensweise des kleinen Mannes. Niemand trug wirkliche Verantwortung für irgendwas und niemand hätte auch irgendeinen Nutzen davon gehabt, wenn er Verantwortung für irgendwas übernommen hätte.

Alsbald machte sich in jedem gesellschaftlichen Bereich Verfall, Pfusch, Desinteresse und eine allgemeine Hoffnungslosigkeit breit. Selbst so alltäglichste Dinge wie Schuhcreme oder Schreibpapier waren nicht mehr zu bekommen oder nur auf dem Schwarzmarkt zu Wucherpreise zu ersteigern. Geld hatte praktisch seine Bedeutung verloren, weil man sich damit nur bedingt etwas kaufen konnte; Lebensmittelkarten nahmen seine Stelle ein. Und selbst wenn man sich zu den stolzen Besitzern eines Konsumartikels wie zum Beispiel eines Radios zählen durfte, konnte man darauf wetten, daß das Gerät schon in wenigen Tagen seinen Geist aufgeben würde. Schließlich wußte man ja, daß auch der Radiobauer den Radiobauer lieber mimte, als sich ernsthaft mit dem Bau eines funktionsfähigen Radios auseinanderzusetzen.

Diese Tristesse galt freilich lediglich für die Bevölkerung in den Metropolen, denn auf dem Lande, wo das rattenverwandte Improvisationsgeschick des Städters nicht zum Überlebensrepertoire gehörte, vegetierten die Menschen nach wie vor wie zu den Zeiten des seligen Königs (nach denen sich übrigens so manch einer wieder zurücksehnte). Im Paradies der Gleichen hatte sich das einstige Bild der Ungleichen in sein Gegenteil, quasi in einen Negativabzug umgekehrt, wobei ulkigerweise das Endergebnis gleich Geblieben war.

 

Konnte das neue synthetische System sich zumindest zu Gute halten, daß es das Prinzip der klassischen Wertsteigerung endgültig zur Strecke gebracht hatte? Mitnichten! Denn in einem Regime, das sich mit Leib und Seele dem Schauspiel verschrieben hatte, qualifizierten sich im Laufe eines blinden Evolutionsprozesses diejenigen zu wahren Oberaffen, die die Rollenengagements zu vergeben hatten. Diese nannten sich nun nicht mehr Lobbyisten, sondern Funktionäre, vermutlich weil sie durch den pompösen Titel den Anschein von universeller Funktionsfähigkeit erwecken wollten. Die Karriere eines Funktionärs verlief ähnlich wie die eines Aufsteigers im Kapitalismus, bloß mit dem Unterschied, daß dabei überhaupt nichts Produktives entstand, sondern vielmehr die Funktionärskarriere an sich einen Wert darstellte. Hier wurde nämlich das einstige Prinzip auf den Kopf gestellt. Diejenigen, denen eine Oberaffen-Mentalität zu eigen war, verwendeten ihre ganzen Energien darauf, in einem kafkaesken, bürokratischen Flechtwerk an die Spitzenpositionen zu gelangen, nur um dort noch mehr Schein zu organisieren, als sie es bis dahin eh schon getan hatten.

Das neue synthetische System hätte bis ans Ende der Welt walten können, denn fairerweise muß man sagen, daß es, wenn es auch nicht gerade zu Begeisterungsstürmen anspornte, so doch wegen des Abstumpfungseffekts, den es bei der Bevölkerung hervorrief, auf einem sehr ärmlichen Niveau funktionierte. Ja, es hätte immer so fort weitergehen und damit das Ende der Geschichte bedeuten können – hätten auch alle mitgemacht!

Leider war dem nicht so. Und noch schlimmer war, daß selbst der abgestumpfteste Mensch erfahren hatte, daß in anderen Ländern zwar weiterhin Ungerechtigkeit und Ungleichheit existierten, aber auch solche netten Dinge wie Videorecorder, Kleider nach dem neuesten Schrei, knisterfreie Hi-Fi-Geräte, Autos, die den Namen auch verdienten, Südfrüchte selbst im Winter, Stromausfall alle zehn Jahre anstatt zweimal täglich, Urlaub in der Karibik, l00-Quadratmeter-Wohnungen, sogar ein Leben nach der Vollendung des fünfzigsten Lebensalters und jede Menge Fun. Alles leckere Pralinen für jemanden, der schon seine liebe Mühe damit hatte, an ein Handvoll Zucker `ranzukommen. Der Vergleich, ja der böse Vergleich ließ die Menschen im Gleichenland aufhorchen und ganz allmählich über eine neue Revolution sinnieren: Der Anfang vom Ende …

FORTSETZUNG FOLGT