(Teil I hier)

TEIL II

Die 50er Jahre waren für die Siegermacht Deutschland die der Erholung und des beginnenden Wohlstands. Aber auch die der Irritation. Unter der Hand fragte man sich, wofür all die Opfer des Krieges, insbesondere in der eigenen Familie und Verwandtschaft, kurz, all die Opfer “deutschen Blutes” gut gewesen sein sollten, wenn später dabei doch “sowas” herauskam. Es war das Grummeln des einfachen Volkes, das komplexe ökonomische, kulturelle und anthropologische Zusammenhänge der schon auf voller Fahrt befindlichen Moderne kaum durchschaute. Vor allem aber war es das Zerplatzen einer großen Propagandablase.

Seit ihrem Aufkommen hatten die Nationalsozialisten die Deutschen und ihren Willen zu einem entbehrungsreichen, gar “totalen” Krieg zuvörderst durch zwei Versprechen an sich gebunden. Das erste Versprechen bezog sich auf den wirtschaftlichen Aspekt, nämlich daß man sich die Welt untertan machen, der Deutsche dann als eine Art Fürst über seine internationalen Leibeigenen herrschen und durch deren Arbeit und Vermögen die Früchte seiner Opferbereitschaft ernten würde. Ein kleiner Vorgeschmack darauf erhielt man bereits durch die Ausplünderung, Enteignung, Degradierung zum Wegwerf-Arbeiter und schließlich durch die millionenfache Eliminierung der Juden.

Das zweite Versprechen war metaphysischer Art. Die Nationalsozialisten betrachteten die Deutschen als eine auserwählte Rasse, schaumgeboren aus mythologisch angehauchter germanischer Genealogie und einem spartanischen Kriegskult, der allem und jeden überlegen ist: Der Herrenmensch. Nach dem Krieg, so das Versprechen, würde der Rest der Welt diesem Übermenschen automatisch zu Füßen liegen und seine Kraft und Herrlichkeit preisen.

Erste Risse in dieser Denke bekamen die Herrenmenschen bereits während der Besatzung Frankreichs im Krieg. Nur allzu bereitwillig adaptierten deutsche Soldaten und Offiziere das savoir-vivre, insbesondere was “L’amour” mit den Mesdemoiselles und das Genießen anging. Doch auch in Niederlanden und in den skandinavischen Ländern sah es nicht viel anders aus. Viele der “Besatzer” hatten dort heimlich Einheimische geheiratet und mit ihnen Kinder gezeugt oder Freunde fürs Leben gefunden.

Der Grund dafür war sehr einfach: Kerneuropa war bereits zu jener Zeit ein und dieselbe “weiße Rasse” gewesen, lediglich mit unterschiedlichen Ländern und Geschwindigkeiten und mehr oder weniger dem gleichen durchschnittlichen IQ gewesen. Man denke nur an den Kroaten Никола Тесла, besser bekannt unter dem Namen Nikola Tesla, der 1884 in die USA zog. Und nun sollten diese Menschen den Feld-Neger in der deutschen Baumwollplantage spielen? Man hatte es hier nicht mit Buschmenschen aus dem Dschungel zu tun, die ökonomisch und kulturell nur fürs Steine-Schleppen und Trommeln verwertbar waren, sondern sogar in den russischen Gebieten mit der personifizierten Hochzivilisation. Es ergab schon aus egoistischem Interesse heraus keinen Sinn, einen französischen Künstler, einen finnischen Ingenieur oder einen tschechischen Geschäftsmann wie einen Sklaven zu behandeln.

Diese hemmungslose Ausbeutung der Feindbevölkerungen und ihrer Volkssubstanz war während des Krieges zur Anwendung gekommen. In der Friedenszeit funktionierte sie nicht mehr, da sie nachweislich zu Apathie und schlußendlich zu schlimmster Verarmung der betroffenen Länder führte. Das Deutsche Reich konnte inmitten eines Armenhauses, das aus Europa geworden war, nicht als eine Insel der Glückseligen existieren.

Deshalb bot man Anfang der 50er im Rahmen einer “Deutschen Union” sämtlichen besetzten Gebieten sogenannte Friedensverträge an, mit besonders verlockenden Konditionen für Frankreich. Diese besagten, daß nur noch ein kleiner Teil der deutschen Besatzungsarmee, eher in einem symbolischen Status, im jeweiligen Land bleiben würde, ansonsten jedoch es völlig autark, ja, sogar demokratisch regiert werden durfte. Allerdings ohne eine nationale Armee.

Selbstverständlich blieb die letzte Entscheidungsgewalt sowohl in politischen als auch in wirtschaftlichen Dingen bei den Strippenziehern des Deutschen Reiches, das sich jedoch tunlichst im Hintergrund zu halten hatte. Und natürlich hatten all diese Länder ihren Tribut an Deutschland in Form einer jährlichen Abgabe bzw. eines Finanzausgleiches zu zollen. Bei der Gelegenheit schaffte man auch die Unsitte ab, daß jeder deutsche Hanswurst sowohl im eigenen Lande als auch in den besetzten Gebieten wie eine wandelnde Kriegsdrohung in einer Uniform herumlaufen durfte. Auch Hitlers Reden wurden nun milder bzw. staatsmännischer, aber auch seltener.

Was als eine verklausulierte Versöhnlichkeitsgeste gedacht war, entpuppte sich jedoch schon ein Jahr später als der Beginn eines noch Jahrzehnte dauernden und sehr kostspieligen Ablaßärgers. Die besetzten Gebiete, die ihre Quasi-Freiheit erhalten hatten, drehten den Spieß einfach um. Sie verlangten vom Reich nun … nein, keine Reparationszahlungen, sondern Aufbau- und ähnliche Finanzhilfen, um ihre von Deutschland zerstörte Infrastruktur, Industrie, Bildungseinrichtungen, Kulturgüter usw. wiederaufzubauen. Zudem wollte man in der Tradition der britischen “Commonwealth of Nations” eine enge Verbindung zu Deutschland, woraus diesem natürlich eine finanzielle Verantwortung zu den Besatzungen erwuchs, aber auch den Besitz einer assoziierte deutschen Staatsangehörigkeit für die Besiegten möglich machte. Das Konstrukt der “Deutschen Union” nahm immer groteskere Züge an je mehr Jahre ins europäische Land gingen, derart grotesk, daß in den 70ern kaum unterscheidbar war, wer wen damals besiegt hatte.

Doch in den 50ern machten sich die Deutschen erst einmal locker. Bald rollte der millionste “Käfer” vom Band, und in den Ferien ging es mit dem Wohnmobil in den Süden. Jeder Zehnte blieb auch dort, weil vom Reich ein Programm für verbilligte Kredite für Reichsdeutsche aufgelegt worden war, die in den besetzten Gebieten unternehmerisch tätig werden wollten. So wurde der Süden Stück um Stück deutscher, eine Art europäisches Kalifornien.

Zwar nicht aufsehenerregend, aber immer deutlicher kollidierten diese Entwicklungen mit den einstigen Idealen und Geisteshaltungen, die die Nationalsozialisten dem Volk bis zum Ende des Krieges eingeimpft hatten. Darin waren die Deutschen zu einem einzigartigen, vor allem aber allen anderen überlegenen Stamm stilisiert worden, die das Erbe der Germanen fortführten. Doch je mehr Europa germanisiert wurde, wurden die Germanen selbst “ausländischer”.

Sehr früh hielt die südländische Küche Einzug, das deutsche Bier wich immer mehr dem französischen oder italienischen Rotwein, Hildegard Knef zeigte sich in einem Film nackt und keiner regte sich auf, Ferienhäuser wurden vorwiegend in Griechenland gekauft, weil die bereits zum Kriegsende hin entwickelte Düsenwerktechnik bei Militärflugzeugen sich rasend schnell auf  die Verkehrsmaschinen ausbreitete, in die Schnulzen und Schlager mischten sich immer mehr Chanson- und Bella-Italia-Elemente und der von der Kritik hochgelobte Roman eines gewissen Günter Grass namens “Die Blechtrommel” erwies sich an der Buchhandelskasse als grandioser Flopp.

Die alte Nazi-Riege trat schrittweise ab, meist aus gesundheitlichen Gründen, aber vor allen Dingen, weil ihre gammeligen Ansichten aus der goldenen Epoche des Nationalsozialismus dem immer internationaler werdenden Volk nicht mehr vermittelbar waren. Einige von ihnen wurden sogar in den 60ern wegen Kriegsverbrechen angeklagt und mußten bis zu ihrem Tod Haft verbüßen.

An die Stelle der Alten traten junge Rationalisten, die den Krieg nur als kleine Kinder miterlebt und die Ideologie des Ariertums und der Überlegenheit der Deutschen als folkloristisches Geschwafel von Erwachsenen mitgekriegt hatten. Obgleich nach nationalsozialistischen Grundvorgaben handelnd, war diese neue Generation der Politiker eher an realistischen und praktikablen Zielen für das Reich interessiert, zu dem jetzt mehr weniger auch die besetzten Gebiete gehörten, als an bereits in Erfüllung gegangenen Allmachtsphantasien und an Krieg und Zerstörung als kollektive Sinnstiftung.

Zunächst gönnte sich Deutschland eine neue Verfassung (“Die Würde des Deutschen ist unantastbar”). Sie drängte das Militär und somit alle aus dem Militärischen hervorgegangenen Ämter, Posten und damit einhergehenden Verwaltungsakte in den neutralen Bereich einer reinen Schutzarme. Die Gaue wurden aufgelöst und durch Bundesländer ersetzt und Gauleiter durch gewählte Politiker. Die Justiz wurde auf dieses neue Grundgesetzt eingeschworen und darauf, daß der künftige Staat hier kein Einfluß nehmen durfte. Was Adolf Hitler von alldem hielt, erfuhr man nicht. Denn nach 1957 erfuhr man vom “Führer” nichts mehr, wohl krankheitsbedingt oder gerade deswegen von seiner ihn pflegenden Entourage fremdbestimmt.

Bis er tatsächlich starb, am 5. Februar 1961. Dabei war sein Lieblingsprojekt Germania-Berlin nicht einmal in Ansätzen fertiggestellt. Die Staatstrauer dauerte ein halbes Jahr.

Die Spuren des Genozids an den Juden wurden restlos vernichtet, die KZs dem Erdboden gleichgemacht, sämtliche Involvierte und Zeitzeugen vom Geheimdienst ermordet, sogar im Ausland, und alles Archivmaterial, die zumindest die Vorbereitungen dazu dokumentierte, ausgelöscht. Man suchte jetzt die Annährung zu Israel, das sich gegen alle Erwartungen zum Trotz gegen seine eigene Vernichtung durch die Araber erfolgreich zur Wehr gesetzt hatte, natürlich durch Unterstützung amerikanischer Militärhilfe.

Plötzlich erinnerte man sich auch im Reich an die Hochleistungen deutscher Juden vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten, insbesondere aber an ihre überdurchschnittlich hohen Steuerzahlungen im Vergleich zu der deutschen Bevölkerung. Nur zu gern würde man die einst Verfolgten, Gejagten und Nachkommen der Ermordeten wieder im neuen Deutschland ansiedeln, wäre da nicht die abermilliardenschwere Bürde der Wiedergutmachung und der Rückgabe der damals geraubten Vermögen und Immobilien. Dies allein auf Berlin und Frankfurt angewandt, würde für die beiden Städte den Bankrott bedeuten.

Noch mehr als zu Israel suchte man nach Hitlers Tod die Annäherung zu den USA. Sowohl diese als auch Deutschland besaßen inzwischen die Atombombe, an Interkontinentalraketen arbeitete man gerade. Da es nun jedoch nur zwei Weltmächte gab und keiner von ihnen an der Eroberung der anderen interessiert war und auch die Staatsphilosophien sich jährlich einander annäherten, ergab die immens teure Aufrüstung zu beiden Seiten wenig Sinn. Vielleicht würde der Durchbruch in der Sache mit dem Staatsbesuch vom Präsidenten John F. Kennedy am 26. Juni 1963 in Berlin gelingen.

Anfang der 60er tauchte in Berlin ein junger Mann namens Rudi Dutschke mit provokanten Thesen im Studentenmilieu auf. Er hielt den eingeschlagenen Weg des Reiches, eine quasi-kapitalistische Wirtschaft zu installieren und den besetzten Gebieten weitgehende Autonomie zu gewähren, für falsch und als einen Verrat am wahren Nationalsozialismus. Vielmehr müsse Deutschland zu seinen Wurzeln zurückkehren und die Besiegten ewiglich Frondienste für den Sieger leisten lassen. Er vermischte bei seinen immer beliebter werdenden Agitationen Versatzstücke aus “Mein Kampf”, marxistischen Theorien und der Sehnsucht einer Jugend, die den Krieg nicht erlebt hatte, nach einem abenteuerlichen Soldatenleben zu urwüchsig-germanischen Visionen und erklärte die unaufgeregte bürgerliche Existenz zum verweichlichten Feind. Nur der fortdauernde Krieg mache einen Mann zum Mann und die Frau eines Soldaten sei die wahre Frau, meinte er. Rudi Dutschke haßte die USA.

Von den Universitäten ausgehend, erfaßte diese neonazistische, gegen die Versöhnungspolitik des Reiches aufgestellte Jugendbewegung alsbald das ganze Land und brachte neben Dutschke noch viele andere “Stars” hervor. Viele davon organisierten am laufenden Band und teils gewalttätige Demonstrationen für ihre Sache und Störaktionen bei Staatsbesuchen ausländischer Oberhäupter und traten später den “Marsch durch die Institutionen” an. Einige aber verschwanden in den terroristischen Untergrund und sollten in folgenden Jahrzehnten als “BAF” (Braune Armee Fraktion) ein explosives Problem für das Reich werden.

Auf dem Höhepunkt der später als die “68er” Titulierten schoß am 11. April 1968 der junge Hilfsarbeiter Josef Bachmann mit dem Ruf “Du dreckiges Nazischwein!” vor dem sogenannten Arminius-Büro am Kurfürstendamm dreimal auf Dutschke. Er traf ihn zweimal in den Kopf, einmal in die linke Schulter. Dutschke erlitt lebensgefährliche Gehirnverletzungen und starb an Ort und Stelle.

Nächste Folge: Wie die Deutsche Union sich allmählich zur Europäischen Union wandelt.

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