Wußten Sie, daß es so etwas wie Nymphomanie, also das gesteigerte bis zwanghafte Verlangen von Frauen nach Geschlechtsverkehr, gar nicht gibt? Es ist eine brandmarkende Bezeichnung für ein Verhalten angeblich stets sexhungriger Frauen, die einen freizügigeren Umgang mit Sex pflegen als der Durchschnitt.

Was es aber gibt, ist die Vortäuschung von Verhaltensweisen, die man nymphomanisch bezeichnen könnte, um innere Verletzungen zu überdecken. Was es gibt, ist die Vernichtung unschuldiger Seelen im Namen eines entsetzlichen Kults. Was es gibt, ist der Wiederholungszwang. Was es gibt, ist das Kippen von Sex in den Wahnsinn.

Zu jener Zeit kannte ich dergleichen nicht. Ich dachte in alten Bahnen, in Bahnen wie Sex, viel Sex, perverser Sex, alles sehr aufregend, oder, was Odette betraf, ein Wechselbad zwischen Begierde, Eifersucht und Faszination.

Betäubt ist das falsche Wort für meinen Geisteszustand, wenn ich mir diese denkwürdige Nacht im “Waldhotel Devel” am See heute vergegenwärtige. Betäubt klingt so nach Lähmung, nach ruhiggestellt. Das Gegenteil war aber der Fall.

Ich kann mich erinnern, daß wir damals im Gymnasium eine Party außerhalb des Schulbetriebs in irgendeinem Gemeindesaal organisiert hatten. Zu trinken gab es nur Limo und Cola. Wir mußten so 13 oder 14 gewesen sein, und auch die Parallelklassen waren eingeladen. Natürlich waren die Mädels auch in der Schule allgegenwärtig, schließlich wurden wir ja gemeinsam mit ihnen unterrichtet. Aber zu diesem Anlaß hatten sie sich in Schale geschmissen, sich geschminkt und einparfümiert. Sie waren wie verwandelt.

Es wurde durch das Gedränge und die Atemluft der vielen Leute sehr schnell heiß und feucht in dem Raum, so daß wir alle leicht zu schwitzen anfingen. Es ergab sich, daß ich mit einem der Mädchen zu tanzen anfing – Foxtrott. Sie war bei Weitem nicht die absolute Schulschönheit, doch in meinen Augen und in diesem Moment die Schönste schlechthin. Und dann nahm ich zum ersten Mal in meinem Leben ganz aus der Nähe und ganz intensiv den spezifischen Mädchenduft wahr, der diesem verschwitzten Mädchenkörper entströmte, und wenn ich sie dabei ganz kurz an der Hüfte umschlang, spürte ich zum ersten Mal die elektrisierende Wirkung, die davon ausging. Es haute mich um! Ein Tor zu einer anderen Welt, zu einer irre verlockenden und zugleich geheimnisvolle Welt jenseits meines Vorstellungsvermögens tat sich plötzlich auf.

So war es auch in dieser Nacht – in der Erwachsenenvariante, in der Wahnsinnsvariante. Ich war der Zuschauer gierigen Blickes und Akteur in einer Person. Vor allem aber war ich durch dieses komische, mit Kräutern und Wurzeln durchwirkte Gesöff nicht mehr ich selbst. Ich war ein wirbelnder Geist und weiß bis heute nicht, ob ich all dies tatsächlich gesehen und erlebt habe.

Junge Männer nahmen sich alte Frauen und alte Männer junge Frauen. Und umgekehrt. Der Schein der vielen Fackeln auf dem Steg entblößte Bilder, die sich gewiß auch irgendwelche Erotomanen und Porno-Typen hätten ausdenken können, aber bestimmt nicht in dieser Kraßheit und Realistik. Es war ein Reigen von Lust und Grauen.

Überall diese Männer mit den Hörnern von Widdern auf dem Kopf, nackt und mit erigierten Schwänzen, als seien sie menschliche Wiedergänger von Abbildungen und Reliefs von griechischen Göttern auf antiken Tongefäßen. Sie waren wie entfesselte Zeichentrickfiguren aus dem Kopf eines unter Droge stehenden Perversen. Einige von ihnen saßen auf den Boden und beteten nur ihren steifen Schwanz an, als sei er ein Altar. Die Mehrheit aber verschlang die Frauen, die ihrerseits raubtierhaft die Männer verschlangen, auf dem Holzboden, auf den Tischen oder einfach stehend. Es war ein ineinander gewachsener Wulst aus Leibern, ein ewiges Tropfen und Spritzen von Körperflüssigkeiten, ein Saugen und Stopfen, oral, vaginal, anal, nimmer endend. Ein unentwegtes und immer lauter werdendes Gestöhne und Gekreische erfüllte den Steg, das zu einem einzigen Brüllen anschwoll.

Während meines Flugs über diese unwirkliche Szenerie sah ich unten Odette aus der Vogelperspektive. Sie lag auf einem der großen Tische auf dem Rücken. Ihre Beine wurden von Boba Rose bis zum Anschlag gespreizt. Der fette Kerl, der nun nackt und überall stark behaart noch fetter wirkte, rammelte sie wie ein Besessener. Dabei fuhren über ihr zartes Gesicht Schauer höchster Erregung und Erfüllung. Ich schwebte herunter und sah mir das Ganze aus der Nähe an, aus wissenschaftlicher Sicht sozusagen.

Jetzt bemerkte ich, daß Boba sein Glasauge abgelegt hatte, vielleicht war ihm das gute Stück in dem Chaos auch abgefallen. Ich blickte in die finster klaffende Fleischhöhle in diesem pockennarbigen Riesengesicht. Während er Odette mit dem Eifer eines Galeerensklaven bearbeitete, schwitze der Koloß derart, als würde er nonstop mit einem Wasserschlauch bespritzt. Seine Zunge, ebenfalls ein riesiges Teil, hing ihm aus dem zur Gänze mit Goldzähnen ausgestatteten Mund wie bei einem Hund heraus, und ein beständiger Speichelfaden zog sich daraus bis zu ihren göttlichen kleinen Brüsten, deren Warzen nun die Härte von Kunststoff-Noppen angenommen hatten.

Plötzlich erschien Herr Romani neben mir – nackt und mit erigiertem Schwanz. Auch er war stark behaart, aber die vielen sichelförmigen Härchen auf Brust, Armen und Beinen waren bei ihm komplett ergraut, so daß sie einen irritierenden Kontrast zu seinem dunklen Teint bildeten. Er schaute auf Odette wie ein fürsorglicher Vater hernieder, und sie erwiderte seinen Blick mit dem der liebevollen Tochter. Sie lächelte und nickte.

Und dann schaute Herr Romani mich an, ich schaute Boba an, Boba schaute zu Herrn Romani auf, Herr Romani schaute Odette an, Odette schaute mich an – und dann fickten wir sie alle zusammen …

Am nächsten Tag wachte ich nachmittags auf, es muß so um 15 Uhr gewesen sein, und wußte nicht, wo ich mich befand. Die unheimlichen Bilder von letzter Nacht schwirrten mir noch mit solcher Intensität durch den Kopf, daß ich bei dem Gedanken, ob sie echt gewesen waren oder lediglich die Ausgeburten und Folgen dieses Teufelsschnapses, fast verrückt geworden wäre.

Ich wollte schreien, um mich schlagen, mir die Haare raufen, um die Bilder wieder aus dem Kopf zu bekommen. Doch dann stellte ich fest, daß ich in diesem wunderschönen Hotelzimmer auf dem zerwühlten Bett lag, in dem ich offenkundig die Nacht mit Odette verbracht hatte. Sie war nicht da.

Ich streifte mir schnell etwas über und ging herunter. Durch die Seitenfenster der Stiege sah ich, daß die Autos mit den luxuriösen Wohnanhängern allesamt vom Hof verschwunden waren. Im Foyer traf ich niemanden, und so marschierte ich geradewegs nach draußen zum Steg, wo mich die strahlende Sonne derart blendete, daß meine Augen einer kurzen, aber heftigen Schmerzattacke zum Opfer fielen. Die Plattform war gänzlich leer geräumt und sauber gemacht worden, geradeso, als hätte das Fest nie stattgefunden. Ich wollte mich umdrehen und wieder rein, als ich fröhliche Laute von der Seeseite her vernahm.

Ich ging bis zum Rande des Stegs und sah Herr und Frau Romani und Odette im Wasser planschen. Züchtig in Badehose und Bikinis.

“Einen sehr späten guten Morgen, du Langschläfer!” rief Odette, als sie mich bemerkte. “Spring rein, das Wasser ist herrlich. Spring rein, so wie du bist.”

“Wo sind die Zigeu … Wo sind die anderen hin?” wollte ich wissen?

“Weg, weitergezogen.”

“Wieso?”

“Sie können nicht schwimmen!” Sie brach in schallendes Gelächter aus.

Wir verbrachten noch den Samstag und den Sonntag wie vorbildliche Touristen mit diversen Sonnenbädern und dem Futtern von Delikatessen bei den Romanis, ohne ein einziges Wort über das zu verlieren, was sich an diesem seltsamen Abend abgespielt hatte. Das heißt, ich, Feigling, verlor darüber kein Wort. Denn Odette und die Romanis ließen ohnehin nicht einmal andeutungsweise durchblicken, daß da etwas Besonderes vorgefallen wäre.

Auf dem Heimweg war dafür die Stimmung wie man so sagt ziemlich gedrückt. Ich wußte nicht, ob es daran lag, weil Odette jeden Moment damit rechnete, daß ich, jetzt quasi unter uns, auf das leidige Thema zurückkommen, sie ausfragen, ihr Vorhaltungen machen und sie deswegen verfluchen würde oder ob es einfach an so etwas Banalem lag, daß der Kurzurlaub leider wieder vorbei war. Besser nicht daran rühren.

Die nächsten Monate gestalteten sich wie üblich und vorhersehbar. Ich wurde immer abhängiger von ihrem Wesen, von ihrem Zauber, dem etwas Abstoßendes und doch so Unwiderstehliches innewohnte, von Odette, der stärksten und schönsten Sucht der Welt. Die Blätter der Bäume begannen sich allmählich rot zu färben, und glühendrot wurde auch mein Verlangen nach ihr, so sehr, daß ich mehr Zeit mit ihr im Gartenhäuschen verbrachte, als in der Uni oder sonstwo. Ich glaube, einen älteren Mann hätte das umgebracht.

Bis alles in einen Alptraum kippte. Nein, kein solcher Alptraum, den ich bis dahin mit ihr erlebt hatte, kein solcher Alptraum, der einen zwar erschreckt, aber den man unbedingt noch weiterträumen möchte, weil er anderseits so schaurig schön ist. Ich rede vom Grauen, vom ultimativen Grauen.

Es begann damit, daß die Droge sich in Luft auflöste. Von einem Tag zum anderen verschwand Odette von der Bildfläche. Ich suchte jeden Tag, manchmal mehrmals am Tag das Gartenhäuschen auf. Aber nichts, keine Odette, kein Hinweis, wohin sie gegangen war, nur dieser Second-Hand-Plunder, der zu Haufen getürmt überall herumlag. Auch klingelte ich mehrmals bei der alten Dame im Haus, doch niemand machte mir auf.

Danach ging ich zu den Plätzen und Kneipen und Cafés, wo wir manchmal gewesen waren. Aber außer ihrem Geist, den ich in meinem überhitzten Schädel bisweilen zu sehen glaubte, begegnete ich auch dort keiner Odette.

Ich ließ mir sogar von der Auskunft die Telefonnummer von “Waldhotel Devel” geben und rief dort an. Es stellte sich heraus, daß es sich um einen ganz gewöhnlichen Hotelbetrieb handelte. Einen Herrn Romani kenne man nicht und an besagtem Wochenende sei das Haus von einem Heimatverein in Gänze und mit eigenem Personal gebucht worden. Mehr gäbe es dazu nicht zu sagen.

Zwischendurch bildete ich mir ein, daß ich der Sache etwas Positives abgewinnen könne. Denn was konnte einem Süchtigen Besseres passieren, als daß der Stoff versiegte, vom Markt verschwand. Endlich würde ich trocken, clean werden, ihr Verschwinden würde mich entgiften. Aber schon im nächsten Moment lachte mir wieder der kalte Entzug ins Gesicht und rang mich nieder.

Ich überlegte, ob ich die Polizei verständigen sollte, schließlich war sie ja selbstmordgefährdet. Aber dann hätte ich alles über sie erzählen müssen, über alles, was ich mit ihr erlebt hatte. Ich wußte nicht, ob diese Erlebnisse irgendwie strafrelevant waren, doch so oder so, es kam mir wie Verrat vor.

Nach drei Wochen dieser elenden Folter löste sich der Knoten – aber anders als gedacht.

Als ich wieder einmal zur Uni unterwegs war, sah ich plötzlich auf der anderen Straßenseite einen alten Bekannten. “Alter Bekannte” war vielleicht der falsche Begriff, wenn man solch einer dubiosen Figur wie dem Arschloch-Mann begegnete. Doch sei´s drum, er war das einzige Verbindungsstück zu Odette, dem ich gegenwärtig habhaft werden konnte.

Er steckte immer noch in diesem schmutzigen hellen Sommeranzug, der seitdem noch schmutziger und siffiger geworden war. Auch er selbst hatte noch die letzten Spuren des Bonvivants verloren und glich jetzt einem x-beliebigen Obdachlosen. Sein Bart und seine Haare wucherten wild, das wie verhauen wirkende Gesicht war eingefallen und grau geworden und sein Gang schlurfend und unsicher. Er trug in der Hand zwei Plastiktüten, in denen Flaschen klirrten. So wie es aussah, hatte er sich Nachschub besorgt.

Vielleicht hatte er Odette entführt und irgendwo eingesperrt, flog es mir durch den paranoiden Kopf. Sicher sogar, denn seine Worte damals in der Kaschemme belegten doch, daß er vor mir mit ihr zusammengewesen war und mit ihr anscheinend noch eine Rechnung offen hatte. Dem Kerl war alles zuzutrauen. Ich folgte ihm aus sicherer Entfernung.

Das tat ich fast eine Stunde lang. Er bewegte sich wie in Zeitlupe schlappernd und schwankend zum Nobelviertel der Stadt, wo es etwas hügelig aufwärts ging und in dem sich eine Altbau-Villa an die nächste reihte. Schließlich verschwand er in einem der prächtigen Gebäude.

Ich wußte mit einem Mal nicht mehr, was ich mir bei dieser Observation gedacht hatte, denn nun ging mir auf, daß ich ja gar keinen Plan besaß. Was wollte ich eigentlich tun, wenn ich ihm gegenüberstand, ihn an den Ohren ziehen und ihn auffordern, mir das Verlies in seinem Keller zu zeigen?

So verharrte ich unentschlossen und Gedanken hin- und herwälzend ein paar Häuser weiter bis die Sonne unterging – und hatte am Ende immer noch keine Idee, wie ich weiter vorgehen sollte.

Dann, beschämt von meiner eigenen Mutlosigkeit und überhaupt völlig verzweifelt, überkam es mich plötzlich. Ich packte mir ein Herz, ging zu der Villa rüber, stieg die kurze Aufgangstreppe hoch und wollte den Klingelknopf drücken. Im letzten Moment bemerkte ich jedoch, daß die schwere, mit kunstvollen Verzierungen beschlagene Tür einen kleinen Spalt offenstand.

Ich betrat das Haus, das in vollkommener Dunkelheit dalag. Nur das durch die Fenster hereinflutende Licht der Straßenlaternen überzog alles mit einem milchigen Schein. Bereits im Flur registrierte ich, daß überall Müll verteilt lag. Halbangefressene Pizzen, haufenweise leere Flaschen und Dosen, Kleidungsstücke, alte Porno-Hefte und nicht zuletzt da und dort Kotzlachen, über die ich steigen mußte.

Das alles bildete einen merkwürdigen Kontrast zu den Möbeln, die zwar alt, ja, antiquarisch wirkten, aber gleichzeitig auch sehr kostbar. Durch eine der offenstehenden Türen sah ich in einem der Zimmer sogar einen Original-Charles-Eames-Lounge-Chair nebst dem Ottoman. Sämtliche Räume waren aufwendig mit Stofftapeten und Samtvorhängen mit Troddeln ausgestattet, mit kunstvollen Jugendstil-Lüstern behangen und mit dem Unerschwinglichsten dekoriert, was die Einrichtungswelt hergab. Umso mehr schockierte mich die ungeheuerliche Vermüllung an diesem palastartigen Ort.

Schließlich betrat ich einen Raum mit hoher Decke, ach was, ein Salon war es, in dem ebenfalls die wertvolle Edeleinrichtung einen Wettkampf mit dem wahllos weggeworfenen Müll focht.

Wieder wußte ich nicht weiter. Sollte ich mich bemerkbar machen oder das ganze Haus auf leisen Sohlen Zimmer für Zimmer durchsuchen? Wo steckte dieser Kerl bloß?

Mit einem Mal brüllte es hinter meinem Rücken: “Ich habe gewonnen! Ich habe gewonnen!”

Ich riß mich herum und sah die Ruine auf zwei Beinen in ein paar Metern von mir entfernt. Er war splitternackt und hielt in der einen Hand eine auf mich gerichtete Pistole, in der anderen eine halbvolle Flasche Gin. Seine irren Augen hinter den verhangenen Lidern blitzten aus der Finsternis wie angestrahlte Dolche. Die Beschreibung “betrunken” war für seinen Zustand eine maßlose Untertreibung. Ich hatte mich in die Hände eines Psychopathen begeben.

“Entschuldigen Sie bitte, daß ich so hereingeplatzt bin …” begann ich.

“Halt die Fresse, Arschloch! Ich könnte dich jetzt erschießen, und keiner würde mir etwas anhaben.” Er begann wieder zu schreien: “Hilfe, Hilfe, ich bin überfallen worden!”

Er verfiel erneut in dieses gekünstelte Gelächter wie damals in der Kaschemme. Dann stoppte er die abartige Lache abrupt und wiederholte “Ich habe gewonnen! Ich habe gewonnen!”

“Was haben Sie gewonnen?”

“Du hast verloren und ich habe gewonnen, Arschloch!”

Panik stieg in mir hoch.

“Haben Sie Odette etwas angetan?”

“Frag sie doch selber, Arschloch!”

“Das ist es ja, sie ist seit geraumer Zeit verschwunden, und ich dachte, daß Sie vielleicht wissen …”

“Oh, das kleine Flittchen ist verschwunden? Wo könnte sie sein, tja wo könnte sie bloß sein? Laß mich mal kurz überlegen …”

Er verzog das Gesicht faltenreich zu einer karikaturhaften Grimasse eines Sinnenden und kratzte sich mit der Hand, die die Waffe hielt, theatralisch am Kopf. Dabei konstatierte ich selbst aus dieser Entfernung, daß der Typ widerlich stank.

“Ach, jetzt weiß ich, wo sie sein könnte. Sie kniet bestimmt gerade in einem Pferdestall und saugt irgendeinem armen Vieh den Bolzen.”

“Sie ist nicht hier?”

Er zuckte zusammen, als hätte ich etwas Ungeheuerliches von mir gegeben. Dann wurde sein Blick entrückt.

“Doch, natürlich ist sie hier. Jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde ist sie hier. Hier in meinem Kopf. Das ist so ihre Art, weißt du, Arschloch. Sie geht nicht weg. Wenn sie einmal in dir drin ist, geht sie nicht mehr weg, nie mehr geht sie weg. Das ist ihr Trick.”

Er starrte mich mit einem leeren Ausdruck lange an. Dann sank er langsam nieder und hockte sich auf den Perserteppich. Ohne allerdings die Waffe von mir abzuwenden.

“Das alles hier, dieser Luxus, die Firma, das fette Aktiendepot, die Farm in Chile, die Baugrundstücke in Baden-Württemberg, das Millionen-Kleingeld auf der Bank, darauf habe ich mein ganzes Leben lang hingearbeitet. Ich bin nämlich von Beruf Sohn, weißt du, okay, ein alter Sohn, war es mal gewesen. Doch der Alte wollte einfach nicht verrecken. So mußte ich warten, lange Jahre warten. Weißt du, wie es ist, auf solch einem Schatz zu sitzen und nur lächerliche 3000 Mark im Monat überwiesen zu bekommen, weil das alte Schwein der Meinung ist, er in meinem Alter hätte auch nicht mehr gehabt? Schließlich verreckte er doch, mit fast 90.”

Er ließ die Waffe sinken und schaute traurigen Blickes auf seinen eingeschrumpelten Pimmel.

“Ich hätte mir alles kaufen können, eine Yacht, eine Insel, die geilsten Weiber der Welt, ich hätte danach die ganze Welt ficken können. Stattdessen mußte ich ausgerechnet ihr begegnen, dieser Seelenkannibalin, die sich gar nichts aus Geld macht, dafür aber sehr viel aus Ausweiden von Männern. Du dachtest, du wärst in der Hölle, weil du sie nicht allein besitzen konntest, weil du ihr bei ihren Fick-Festivals mit anderen Kerlen zusehen mußtest, nicht wahr, Arschloch? Das ist aber ein Irrtum, in Wahrheit war das das Paradies. Die Hölle beginnt jetzt, die Hölle beginnt, wenn sie dich fallengelassen hat, wenn sie dich mit den Erinnerungen an sie zurückläßt, Arschi.”

“Was ist ihr Geheimnis?” wollte ich aufrichtig wissen.

“Keine Ahnung. Frag doch ihre Hurenmutter. Schließlich wohnt sie doch bei ihr.”

“Was?!”

Ein schadenfrohes Lächeln umspielte sein kaputtes Gesicht.

“Ach, hat sie dir auch das Märchen aufgetischt, daß sie mutterseelenallein auf der Welt sei und wie eine Waldfee in der Laube lebe? Nö, Arschloch, in Wirklichkeit ist das ihr Lotterbett, weil die Alte offenbar sowas nicht in ihrem Haus duldet.”

Er nahm einen kräftigen Schluck aus der Flasche, wobei er kehlig gurgelnde Laute von sich gab.

“Ich sage dir jetzt, wie das mit dir weitergeht, Arschi. Dir wird keine andere Frau mehr gefallen. Du wirst nie mehr etwas mit einer anderen Muschi zu tun haben. Weil du es nicht wirst wollen. Tja, wer einmal aus diesem Honigtopf geschleckt hat, dem vergeht für immer der Appetit auf andere Süßigkeiten. Du wirst immer in der Erinnerung leben, jeden Moment wirst du dich nach ihr sehnen, dich nach ihr verzehren. Du wirst die eingebrannten Bilder von ihr in deinem Scheißkopf hin- und herwälzen. Aber es wird dir nichts nützen, weil es sinnlos ist. Wie ein Sprung in der Platte, wie wenn man im Kreis läuft und früher oder später wieder zu der Stelle zurückkommt, wo man gestartet ist. Sie tötet dich innerlich, verwandelt dich in einen lebenden Leichnam, indem sie dir einen Blick ins Paradies gewährt, verstehst du. Glaub mir, sie ist noch nicht fertig mit dir.”

Er begann leise zu weinen und ließ die Waffe sinken. Reichlich Tränen versickerten in seinen schmutzigen Bart.

“Und wieso haben Sie gewonnen?”

“Weil ich mich losgemacht, freigemacht habe von ihr. Das siehst du doch, Arschloch. Ich habe sie besiegt. Sie ist jetzt weg, ausgezogen aus mir. Ich bin geheilt. Bin wieder ganz der Alte.”

Eine Weile starrte er wieder wortlos vor sich hin. Dann lächelte er traurig.

“Das heißt, nicht ganz. Eine Kleinigkeit fehlt noch …”

Er steckte sich die Mündung der Pistole aufrecht in seinen Mund und drückte ab.

Ich sah seine Schädeldecke platzen.

Ich lief weg, stürzte aus dem Haus und rannte wie um mein Leben. Sicherlich hatte jemand in der Nachbarschaft den Schuß gehört. Nicht allein das, vielleicht hatte man mich sogar hinein- und herausgehen gesehen. Es würde mir zwar leichtfallen, der Polizei zu erklären und zu beweisen, daß ich mit der Sache nichts zu tun hätte, aber dennoch würde man von mir wissen wollen, wie das eine mit dem anderen zusammenhinge. Und da würde ihr Augenmerk auf Odette fallen. Womöglich würde man dann nach ihr fahnden wie nach einer Verbrecherin.

Aber ein anderer Grund wog schwerer für meine Flucht. Ich hatte jetzt keine Zeit, in irgendwelchen Polizeirevieren abzuhängen und wunderliche Geschichten über eine wunderliche Frau von mir zu geben. Der Tod des Arschloch-Mannes hatte mich entsetzt, noch mehr aber seine letzten Worte mich betreffend. Ich wollte solch ein Schicksal, das er mir prophezeit hatte, nicht teilen, ich wollte nicht irgendwann als Wrack in Kaschemmen sitzen, mir meinen Verstand wegsaufen und meinen Nachfolgern “Arschloch!” hinterherrufen, um mir anschließend eine Kugel durch den Kopf zu jagen. Ich wollte endgültige Antworten.

Der einzige Mensch, der mir diese finalen Antworten geben konnte, war die Frau, die Odettes Mutter sein sollte. Ich hatte sie nie gesehen, und als ich auf der Suche nach Odette vor ein paar Wochen bei ihr klingelte, hatte sie mir nicht die Tür geöffnet. Also mußte ich die Tür jetzt eintreten, komme, was wolle.

Doch diesmal beruhte es weder auf Vergeßlichkeit noch auf ein Versehen, daß die Tür einen Spalt offenstand. Ich war zu Fuß zum Haus außerhalb der Stadt marschiert, über eine Stunde hinweg in der Dunkelheit.

Bereits von der Ferne sah ich durch die Fenster, daß drinnen im Untergeschoß eine Leselampe brannte. Es kam mir einer Einladung gleich. Ich ging hinein und wurde mit einem Museum konfrontiert.

Schon im Flur begegneten mir auf Beistelltischen und Kommoden Skulpturen, Artefakte und bemalte Töpfereien, die überwiegend afrikanischen Ursprungs zu sein schienen. Allen diesen Gegenständen war ein Motiv gemeinsam. Sie stellten auf die eine oder andere Weise das Phänomen der Sexualität dar, die Fruchtbarkeit der Frau, Phallussymbole, den Akt, primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale usw.

Als ich das Wohnzimmer erreichte, das in ein riesiges Arbeitszimmer umfunktioniert worden war, wurde ich geradezu belagert von dem Zeug. An den Wänden hingen eingerahmte Photographien von schwarzen Stammesangehörigen und anderen Exoten. Neben ihnen stets eine junge weiße Dame in kurzer Safari-Hose und meist in Armee-Boots in die Kamera lächelnd. Sie besaß einen Ausdruck von Milde in ihrem hübschen Gesicht. Die Skulpturen, Miniaturen und Artefakte bildeten hier so etwas wie ein im Zentrum geteiltes Meer und ließen nur einen freien Korridor zum dort befindlichen Schreibtisch, auf dem die brennende Lampe stand.

Die alte Frau saß in einem Rollstuhl und hatte sich über ein aufgeschlagenes Buch gebeugt, dessen Schrift sie mit einem tellergroßen Vergrößerungsglas studierte. Als sie mich bemerkte, schwenke sie den Stuhl zu mir, und ich sah die junge Dame auf den Photos nun in verknöcherter Gestalt vor mir. Obwohl sie extrem gealtert war und das runzelige Gesicht kaum einzuordnende Differenzierungen zuließ, schien immer noch die einstige Milde hindurch. Sie trug ein weißes Hemd mit Plüschärmeln.

“Guten Abend, junger Mann, ich habe Sie erwartet”, sagte sie und setzte sich eine Brille mit dicken Gläsern auf.

“Ich weiß nicht, ob es ein guter Abend ist, Frau Gavrilovic”, antwortete ich.

“Ich heiße nicht Gavrilovic. Mein Name ist Margot Fournier. Mein Mann war Franzose. Auch Odette heißt nicht so, diesen Nachnamen hat sie sich ausgedacht, weil sie wohl dadurch immer, nun ja, an ihre Wurzeln erinnert werden will.”

“Ist Odette Ihre Tochter?”

“Ja, meine Adoptivtochter.”

“Wo ist sie jetzt?”

“Ich weiß es nicht. Aber sie wird wohl irgendwann wieder auftauchen. Sie verschwindet oft, wissen Sie. Sehr zu meinem Leidwesen, wie Sie sehen, bin ich auf ihre Hilfe angewiesen.”

“Verzeihung, aber sind Sie so etwas wie eine Puffmutter? Ich meine, waren Sie früher im Rotlicht-Milieu tätig, Frau Fournier?”

“Nein, junger Mann, ich bin keine Puffmutter. Ich bin Anthropologin, genauer gesagt Bio-Anthropologin. Ich wurde sogar einmal für den Nobelpreis nominiert, um bei der Gelegenheit etwas zu protzen.”

“Anthropologin?” sprach ich wie zu mir selbst. Plötzlich fühlte ich eine tiefe Ermattung. Dieser verrückte Tag war doch nicht spurlos an mir vorbeigegangen. Verrückt war gut, wenn ich mir die “Kleinigkeit” des Arschloch-Mannes ins Gedächtnis rief, die er mir als Abschiedsgeschenk hinterlassen hatte.

“Ja, Anthropologin, Menschenkundlerin, Völkerkundlerin. Das müßten Sie wissen, Sie studieren doch, junger Mann. Setzen Sie sich erstmal hin. Wir haben eine Menge zu bereden.”

Sie deutete mit der Hand auf einen speckigen braunen Ledersessel, der inmitten der vielen Figuren stand.

“Wissen Sie, da gibt es eine Wissenschaft, von der in unseren Zeiten wenig die Rede ist”, sprach sie weiter, nachdem ich Platz genommen hatte und sie ganz nah an mich heranfuhr.

“Aber in den kommenden Jahren und Jahrzehnten wird sie eine ebensolche große Bedeutung erlangen wie seinerzeit die Spaltung des Atoms. Sie wird in jederlei Hinsicht das Leben der Menschen verändern, ohne daß ihnen das bewußt sein wird. Denn sie spielt sich im Mikrobereich, nein, im Molekularbereich ab. Leider werde ich das alles nicht mehr miterleben. So ein Pech!”

Sie lachte auf.

“Es ist die Genetik, die Lehre vom Bauplan unserer Erbanlagen. Man glaubt, daß Anfang der 2000er Jahre das menschliche Genom vollständig entschlüsselt sein wird. Dann wird man die DNA lesen wie ein Buch. Dadurch wird es möglich sein, paßgenaue Medikamente zu entwickeln, Erbkrankheiten zu tilgen, Zusammenhänge in den Interaktionen der einzelnen Gene untereinander zu erkennen und Rückschlüsse auf Anatomie und Verhalten des Menschen zu ziehen. Durch diese Fortschritte in der Genetik ziehen für uns Anthropologen goldene Zeiten herauf. Anhand von DNA-Analysen können wir dann frühere Völkerschaften und Menschengruppen in einem historischen und geographischen Kontext einordnen, ihre Blutlinien zurückverfolgen, den Ursprung der Populationen dingfestmachen und ihre einstigen Wanderungsbewegungen nachvollziehen.”

“Warum erzählen Sie mir das alles?” sagte ich.

“Na weil Sie doch eine Antwort wollen, denke ich. Eine Antwort auf die Frage … Odette.”

Sie schob ihren Rollstuhl von mir weg, kehrte mir halb den Rücken zu und fuhr ganz langsam die Wände entlang. Dabei betrachtete sie wie traumversunken die Photos aus ihren Jugendtagen.

“Damals, nachdem ich meinen Doktor gebaut hatte, war ich scharf auf die Erforschung der Vielfalt des menschlichen Lebens da draußen in der Welt. Ich wollte mit eigenen Augen sehen, wie die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den Ethnien, Volksgruppen und Stämmen beschaffen sind. Wie Menschen mit gleicher körperlicher und geistiger Ausstattung doch etwas völlig anderes aus ihrem Leben machen als andere, wie sie sich ganz anders organisieren, wie sie sich völlig unterschiedliche Götter erschaffen und wie sie einander völlig anders – lieben. Zu jener Zeit war in der Anthropologie Afrika groß in Mode. Ich bereiste diesen Kontinent und gleich alle anderen mit. Ich war schon überall auf diesem Planeten. Ich und mein vor zehn Jahren verstorbener Mann. Er assistierte mir.”

Sie kehrte wieder zu mir zurück.

“Irgendwann jedoch langweilte mich das Ganze. Ich tat, was die anderen Anthropologen auch taten, kriegte mal in Sumatra etwas über absonderliche Eßgewohnheiten heraus und entdeckte in Patagonien Einsiedler. Ich hatte nichts Eigenes, hatte nicht mein Lebensthema gefunden. Die Haupttendenz in der Menschheitsgeschichte lief darauf hinaus, daß Gruppen sich irgendwann mit anderen Gruppen vermischten, über kurz oder lang, nach Jahrhunderten vielleicht, nach Jahrtausenden, aber am Ende würde jeder Mensch tatsächlich seine genetische Ursprungsidentität verlieren, aufgehen in einem genetischen Einerlei.

Als ich das begriff, fragte ich mich, ob es Menschengruppen gab, die sich diesem Konzept bewußt widersetzen. Und ja, es gab sie! Ich hatte mein Lebensthema gefunden.

Allerdings ist der Preis dafür sehr hoch. Wußten Sie, daß bei aschkenasischen Juden die Erbkrankheit Tay-Sacks-Syndrom überproportional verbreitet ist? Innerhalb weniger Jahre nach der Geburt führt diese Anlage zu Muskelschwund, Erblindung, Taubheit, Lähmungen, Spastiken und zum Tod. Diese Ethnie ist überhaupt für allerlei Erbkrankheiten anfällig. Das rührt daher, daß sie in ihren Ursprungsgebieten völlig isoliert lebten und nur untereinander heirateten. Man kann hier von einer bewußten Selbstzüchtung sprechen.

Mysteriöserweise sind diese seltenen Gruppen und Volksstämme gar nicht einmal in exotischen Erdteilen aufzuspüren, sondern in Europa und Osteuropa.”

Der Blick der alten Dame bekam nun etwas Schwermütiges, geradeso, als entweiche jede Hoffnung aus ihr.

“Von der Weltgesundheitsorganisation bekam ich einen Hinweis zugesteckt. Da gibt es diesen einen Stamm in Rumänien, die etwa 2000 Menschen umfaßt. Sie leben in den Karpaten, eine Gebirgskette, die sich von der Tschechoslowakei bis nach Rumänien erstreckt.”

Ich ahnte, was jetzt kommen würde.

“Zigeuner?” fragte ich.

“Nein, es sind keine Zigeuner, sie gehören wie wir dem kaukasischen Menschentyp an. Aber sie haben einen sehr schädlichen Einfluß auf die Zigeuner. Ich entdeckte sie Ende der 60er Jahre. Ceaușescu ließ mich und mein Team nur ins Land, weil wir ihm eingeredet hatten, wir würden uns dafür einsetzen, daß der Westen den ganzen Stamm mit Mann und Maus aufnimmt. Er wollte sie egal wie außer Landes geschafft haben. Es ging sogar das Gerücht von einem geplanten Genozid um.

Diese Abneigung lag am bizarren Lebensmodell dieser Menschen, an einem sehr destruktiven Lebensmodell, das sie wiederum evolutionär sowohl physisch als auch psychisch außergewöhnlich geformt hat. Es ist eine durch Isolation und einen wunderlichen Glauben, der eigentlich ein Aberglaube ist, auf die Spitze getriebene kontrollierte Auslese, eine Selbstzüchtung par excellence. Dieses Lebensmodell heißt …”

“Sex”, sprach ich für sie.

“Richtig geraten, schlauer Junge! Sicherlich haben Sie schon bemerkt, daß Odette anders riecht als andere Frauen, ihr Geruch ist um Vieles anziehender, stimulierender für den Mann, er macht süchtig. Das liegt daran, daß ihre Drüsen etwa dreimal so viel und viel intensivere Pheromone, also sexuelle Lockstoffe produzieren als bei gewöhnlichen Frauen. Im Unterschied zur Aufnahme von Reizen über das Geruchsorgan am Nasenhöhlendach, werden die Effekte von Pheromonen bei Wirbeltieren, zu denen auch wir Menschen gehören, größtenteils über ein zusätzliches, das sogenannte akzessorisches System vermittelt und gehen zumeist vom vomeronasalen Organ aus. Pheromone besitzen sogenannte Releaser und Primer. Releaser bewirken eine Verhaltensänderung beim Empfänger. Primer bewirken eine physiologische Veränderung beim Empfänger. Odettes Pheromone bewirken beides.

Und sicherlich haben Sie bemerkt, daß beim Geschlechtsverkehr die Kontraktionsfrequenz von Odettes Vagina immens höher als bei anderen Frauen ist. Der Penis wird geradezu bearbeitet, erhält zusätzlich eine luststeigernde Massage. Eine physische Anomalie, die ebenfalls auf die erwähnte Selbstauslese zurückzuführen ist.

Ich könnte noch ewig so fortfahren, ihre abnorm weiche Haut erwähnen, ihre spektakulär blauen Augen, ihre außergewöhnlich lustverzerrte Mimik beim Akt, die übrigens keine Show ist, ihre beim Mann für zusätzlichen Sex-Genuß sorgenden Geräusche, die sie dabei macht und die für männliche Ohren wie Sirenenrufe klingen müssen, all das könnte ich noch weiter aufzählen. Doch wozu? Sie kennen es ja schon, junger Mann.

Mit einem Wort, Odette ist das, was in der Biologie als eine Superattrappe bekannt ist. Eine Superattrappe ist eine krasse Reduzierung von Markern wie Duftstoffe, Muster und Farben bei Tieren, die sie zur Paarung stimulieren. Wenn man dem Tier jedoch nur diese Signale vorsetzt, und zwar ausschließlich diese ohne einen entsprechenden Geschlechtspartner, so gerät es trotzdem in Hitze. Odette ist Sex, Hypersex – und sonst gar nichts.”

“Aber eine Gemeinschaft, die sich nur mit Sex beschäftigt, degeneriert, ist dem Untergang geweiht, sagte ich.

Ich sah jetzt die ersten Tränen in ihren Augen. Sie setzte die Brille ab und versuchte sie mit einer Hand wegzuwischen.

“So ist es. Obwohl diese Menschen überirdisch schön sind, so führen sie ein Leben in bitterer Armut und am Rande des Wahnsinns – es sind Wahnsinnige. Sex ist ihr einziger Lebensinhalt, sie sind besessen davon, sie tun nichts anderes. Bereits kleine Kinder werden mißbraucht, werden von Früh auf ermuntert, sich mit ihren Genitalien zu beschäftigen und mit allem, was Lust erzeugt. Mädchen bekommen ihre Periode im Schnitt schon mit 8 Jahren, die Jungen ihren ersten Samenerguß mit 10. Sie leben von Prostitution, insbesondere von Kinderprostitution. Doch paaren tun sie sich nur untereinander und erhalten so die `reine Rasse´. Sie haben den Glauben der Zigeuner angenommen, in dem der Teufel mit Gott gleichberechtigt und gleichstark ist. Dieser `Devel´ ist eine Mischung aus sexualisiertem Christus und einem düsteren, dauerpenetrierenden Phallusdämon, zu dessen Anbetung und Ehren regelmäßig abartige Zeremonien stattfinden, die mit Hilfe bewußtseinserweiternder Drogen selbstredend in unglaubliche Orgien ausarten. Was soll ich sagen, man könnte sie Asoziale nennen, jeder Moralvorstellung verlustig gegangene Outlaws, einfach Abschaum. Aber das wäre ihnen nicht gerecht. Denn sie sind vermutlich die einzigen Menschen auf der Welt, deren Lebensweise mittels kontrollierter Selektion ihre Anatomie und Körperfunktionen zu etwas völlig Neuem transformiert hat. Man sollte sie in einen Zoo stecken, wie diese Affen, wie diese Bonobos.”

“Und dort sind Sie Odette begegnet?”

“Ja. Sie war 9 Jahre alt, hatte aber schon Brüste. Ihre Eltern waren verstorben. Wahrscheinlich, tja, an zu viel Sex, nehme ich an. Sie trug nur schmutzige Lumpen an ihrem Leib, war nur noch ein Stück Fleisch, an dem sich jeder nach Herzenslust sexuell bediente. Und ausgehungert war sie, nur noch ein Gerippe, mein Mädchen, mein schönes, mein wunderschönes Mädchen!”

Jetzt brach der Schmerz mit voller Vehemenz aus ihr heraus, und sie begann aus vollem Herzen zu heulen. So sehr, daß sie zwischendurch von Schluchzkrämpfen geschüttelt wurde. Ich stand auf, kniete mich vor ihr nieder und hielt zum Trost ihre Hände. Ich, der Nutznießer dieses ganzen Irrsinns. Ich schämte mich so, ich schämte in Grund und Boden.

“Sie ist auch mein Mädchen, Frau Fournier, sie ist auch mein Mädchen”, pflichtete ich ihr bei.

“Mein Mann und ich reichten einen Antrag auf Adoption bei den rumänischen Behörden ein”, sprach sie weiter, nachdem sie sich wieder etwas beruhigt hatte. “Es ging alles erstaunlich schnell, weil sie wohl froh waren, zumindest ein Mitglied dieser perversen Bande loszuwerden. Die Gefahr ging auch gar nicht von der Securitate, dem rumänischen Geheimdienst aus, sondern von ihrem Stamm. Diese Leute begannen uns immer eindringlicher zu umschleichen, weil sie etwas ahnten und befürchteten, daß eine der Ihrigen sich mit dem Blut anderer vermischen könnte. In einer Nacht- und Nebel-Aktion schafften wir es schließlich doch, das Land zu verlassen, und brachten sie heim zu uns.

Natürlich benahm sich Odette hier in Deutschland in der Anfangsphase verhaltensauffällig. Aber das legte sich mit der Zeit, sie schien nach ein paar Jahren, ja, normal zu sein. Und glücklich, ein fröhlicher Teenager, alles vergessen. Aber wie der Philosoph schon sagt `Mag man die Natur auch mit der Harke austreiben, sie kehrt stets zurück´. In der Pubertät brach das Erbe ihrer Ahnen mit der Kraft einer Naturgewalt aus ihr hervor. Es ist schwer zu sagen, ob es eine rein biologische Ursache dafür gibt, ob es an ihren Kindheitstraumata liegt oder ob es sich um einen Wiederholungszwang handelt, eine geistige Störung. Irgend etwas in ihr scheint magisch zu den widerwärtigen Ritualen und Exzessen ihres Volkes hinzuziehen. Immer und immer wieder. Nymphomanie ist der falsche Ausdruck dafür, denn dies würde einen psychologischen Knacks bedeuten, wenn so etwas wie Nymphomanie überhaupt existiert. Mir kommt es so vor, daß es etwas Archaisches ist, etwas Unergründliches, etwas Natürliches im wahrsten Sinne des Wortes. Ich kann die vielen Male ihrer Abtreibungen gar nicht zählen.

Trotzdem ist meine, unsere Odette zur Liebe fähig, junger Mann, bitte glauben Sie mir das. Das spüre ich, das weiß ich. Denn die Liebe ist etwas, was alle Menschen miteinander verbindet, sie letzten Endes doch alle gleich macht.”

Als ich mich wieder in meiner Bude befand, graute schon der Morgen. Ich fiel wie ein Toter ins Bett und versank sofort in einem bleiernen Schlaf.

Im Traum sah ich Odette in einem strahlendweißen, bodenlangen Hochzeitskleid mit einer unendlich scheinenden Schleppe in einer kargen, nebligen Landschaft in der Ferne stehen. Wie immer sah sie atemberaubend aus, und doch hatte sich tiefste Schwermut über ihr Gesicht gesenkt. Ich näherte mich ihr langsam durch den Nebel.

Als sie mich bemerkte, schien sie sich zu freuen und begann zu lächeln. Doch als ich dann bei ihr endlich eingetroffen war, löste sich plötzlich ein Blutstropfen aus ihrem linken Nasenloch und verursachte einen großen Fleck auf dem Rock des Kleides. Die Traurigkeit kehrte wieder in ihr Gesicht zurück.

“Es ist alles kaputt”, sagte sie, “Die Zeit ist kaputt.”

Ich weiß nicht mehr, wie lange ich geschlafen hatte, aber mit einem Mal wurde ich von einem Trommeln an der Tür geweckt.

“Anruf für dich”, rief der angejahrte Hippe aus dem Flur.

Mit klammen Fingern ergriff ich den Hörer.

“Hallo, hier ist dein Mädchen”, sagte sie mit schwacher Stimme.

“Odette!” schrie ich beinahe. “Wo bist du? Ich habe dich schon überall gesucht. Seit Wochen suche ich dich.”

“Im Krankenhaus”, antwortete sie.

“Sag bloß, du hast es wieder getan?”

“Nein, Lieber, nein. Ich bin krank geworden, habe mich aber nicht getraut, dich zu benachrichtigen, weil ich mich so schäme, so unendlich schäme. Ich habe große Schmerzen, und überall an meinem Körper sind diese Flecken, diese häßlichen Flecken. Ich habe Angst, ich habe so eine Scheiß-Angst, Lieber.”

Sie begann zu weinen.

“Was, wieso?” Schlagartig erfaßte mich ein Zittern. “Was ist das für eine Krankheit?”

“Ich weiß es nicht so genau. Die Ärzte sagen, es wäre etwas Neues, eine neue Krankheit halt. Sie nennen es Aids.”

Copyright © 2021 by Akif Pirinçci, Bonn

Letzter Teil folgt bald

Hat Ihnen gefallen, der Artikel, was?

Klar, ist ja auch vom Kleinen Akif. Es kostet aber eine Menge Zeit und Geld, solcherlei Perlen zu texten. Und den Nobelpreis für Literatur hat man ihm erst für 2029 versprochen. Deshalb spenden Sie so wenig oder so viel Sie wollen, wenn Ihnen dieser Geniestreich gefallen hat. Wenn nicht, ist auch o.k.



Per Überweisung:
Akif Pirincci
IBAN: DE92 3705 0198 1933 8108 38

Erfahre als erster von den neuen "Schandtaten" des größten deutschen Autors.

Abonniere meinen kostenlosen Newsletter, ich benachrichtigte dich bei neuen Beiträgen.

* Ja, ich möchte über Neue Beiträge per E-Mail benachrichtigt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit per Abmeldelink im Newsletter widerrufen.